Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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grossgeöffneter, wie im Schlaf sprechender Mund?
Während des anstrengenden Tages treiben wir in
den Strassen und Lokalen unsere Geschäfte und nütz-
lichen Absichten vor uns her, und dann finden wir
uns in den engen Sitzreihen, wie in engen Betten,
zum Schauen und Hören ein; der Vorhang, die
Lippe des Mundes, springt auf und es brüllt, zischt,
züngelt und lächelt uns befremdend und zugleich
herzensvertraulich an; es setzt uns in eine Erregung,
deren wir uns nicht bemeistern mögen und können,
es macht uns krümmen vor Lachen oder erbeben
vor innerlichem Weinen. Die Bilder flammen und
brennen vor den Augen, die Figuren des Stückes
bewegen sich übernatürlich gross, wie nie gesehene
Gestalten, vor uns. Das Schlafzimmer ist dunkel,
nur der offene Traum glänzt in dem starken Licht,
blendend, redend, dass es Einen zwingt, mit offenem
Munde dazusitzen.

Wie melodiös sind Farben im Traum! Sie
scheinen Gesichter zu werden und plötzlich droht,
schluchzt, singt oder lächelt eine Farbe; ein Fluss
wird zu einem Pferd und das Pferd will mit seinen
behuften Füssen eine enge Treppe emporsteigen,
der Reiter zwingt es, man verfolgt ihn, man will
ihm das Herz aus dem Leib reissen, man kommt
näher, aus der Ferne sieht man die Mörder her-
stürmen, namenlose Angst packt Einen an — der Vor-
hang sinkt. Ein Erdbeben ist auf einem städtischen

Platz, die Häuser sinken schräg nach vorn, die Luft
ist wie mit Blut bespritzt, feurig-rote Wunden
hängen überall; Menschen schiessen ihre Gewehre
ab, sie wollen mit der Natur im Mord wetteifern;
dazu ist der Himmel von einem süssen Hellblau,
aber er liegt ganz kindlich über den Häusern, wie
ein gemalter Himmel. Das Bluten ist wie Werfen
mit kleinen Rosen; die Häuser fallen immer und
stehen doch und es ist immer ein entsetzliches
Geschrei und Büchsengeknall und ist doch keines.
O, wie der Traum göttlich schauspielert! Er giebt
vom Entsetzlichen das unanfechtbar reine Bild wie
vom Süssen, Beklemmenden, Wehmutvollen oder
Erinnerungsbangen. Zu den Empfindungen, Per-
sonen und Tönen malt er sofort Schauplätze, zu dem
süssen Geplauder einer edlen Frau deren Gesicht,
zu den Schlangen die seltsamen Kräuter, worunter
sie grauenhaft hervorkriechen, zu dem Geschrei von
Ertrinkenden die schwermutvolle abendliche Fluss-
und Uferlandschaft, zum Lächeln den Mund, der
es ausdrückt.

Aus dunkelgrünen Gebüschen hängen weisse
Antlitze hervor, eine Bitte, eine Klage oder einen
Hass in den schrecklich klaren Augen. Manchmal
sehen wir nur Züge, Linien, manchmal nur Augen;
dann kommen die blassen Züge und umrahmen die
Augen, dann die wilden, schwarzen Haarwellen
und begraben das Gesicht; dann ist es wiederum

K. WALSER, ENTWURF FÜR „DIE KRONPRÄTENDENTEN"

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BES.: K, WALSER
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