Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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RUTH ST. DENIS

icht flinke Beine und ein
gymnastischgeschulter Kör-
per machen den Tänzer,
sondern die tanzfxohe Seele,
der Überschwang des be-
wegungheischenden Ge-
fühls. Tanzen ist aktive
Mystik; Gefühlsmystik, die
von spekulativer Philoso-
phie nichts weiss, mit naiver Selbstverständlichkeit
aber im Rausche der Leidenschaft Höchstes und
Tiefstes verknüpft, den ewigen Dualismus Gott und
Tier zeitweise aufhebt und die ganze Schöpfung
strudelnd in die Unermesslichkeit des Subjekts hinein-
saugt. Nur das Allgefühl tanzt. Der Verstand scheidet,
die Vernunft beschränkt; das Gefühl aber will
dionysische Unbeschränktheit. Darum tanzt alle
Jugend, die ein mystisches Weltahnen betäubend
noch umfängt, die sich noch nicht beschränken und
ihre Kräfte intellektuell spezialisieren lernte: das
junge Individuum, das junge Volk oder der jugend-
liche Volksteil. Und es tanzt vor allem die Frau,
weil sie zu ewiger Jugend und zur Gefühlsmystik
vom Geschlechtsschicksal verurteilt worden ist.
Sie allein auch ist der universal gerichteten Tanz-
seligkeit noch fähig, in den alt gewordenen Kultur-
zuständen, die dem Leben der Heutigen zum deter-
minierenden Milieu werden und in denen die grosse
ekstatische Tanzlust längst schon karikaturhaft ver-
kümmert ist.

Ihr aber fehlt nun, wenn der Trieb sie packt,
die Gelegenheit. Einst eilte die Tänzerin zum
Tempel, in die Reihen der Jünglinge und Mädchen,
die in andächtigen oder erotisch wilden Tänzen
Weiheopfer sahen, sie tobte mänadisch im nächt-
lichen Korybantenzug dahin, trat auf dem Markt
in den Reigen der Gespielinnen und nahm Teil

an der allgemeinen Lust auf der Tenne oder unter
der Linde, bei der Weinlese oder beim Maienfest.
Sie fand im Nationaltanz eine Sitte, eine Form. Von
der älter werdenden Kultur ist aber aus der subjektiv
gefühlsmässigen Tanzthätigkeit eine objektiv zu be-
trachtende Schaustellung gemacht worden. Der
Tanz gebar das Drama; und das Drama vernichtete
dann den Tanz. Das Schauspiel lag von je — als
Pantomime, Melodrama, Maskenromantik und
Gebärdendramatik — embryonisch in der Tanz-
idee. Sobald es sich aber selbständig entwickelte
und die Bühne betrat, zog es den Tanz mit aufs
Schaugerüst; und es machte so aus den früheren
Akteuren Zuschauer. Die subjektivste der Künste
und darum ihrer aller Mutter, musste notwendig
am Objektiven vergehen; die Instinktkunst empfing
den Todesstoss von den Erkenntniskünsten.

Denn die Bühne konnte der Tänzer nur be-
treten, wenn er einen Beruf aus seiner Thätigkeit
machte Wo aber der Beruf ist, da muss die Berufs-
konvention entstehen. Und diese kann nie so viel
Rücksicht nehmen auf den Willen der Akteure als
auf die Forderung der Zuschauer im Parterre. Darum
weist auch die Geschichte des Tanzes nachdrück-
lich auf die Geschichte der in der Zuschauerpsyche
personifizierten Nachfrage. In einer nur soziologisch
zu verstehenden Entwickelung sind wir zum Opern-
ballett gekommen, zurTheatralisierung der National-
tänze, zu den Gazeröckchen, Trikotbeinen und zum
ganzen Graus des „Choreographischen". Der ur-
sprüngliche Tanztrieb aber fristet sich kümmerlich
hin in den Tanzsälen, wo die Paare sich unter den
Augen des Tanzmeisters artig und langweilig drehen.
Wenn die Frau, als die letzte Vertreterin der ein-
geborenen Tanzseligkeit, heute darum eine Be-
thätigungsmöglichkeit sucht, so muss sie sich eine
neue Form schaffen. Und da dieses gefühlsmässig

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