Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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einigen Jahren machen, wenn sich die Geister der Linie
und der Farbe nicht mehr so stürmisch um diese mutige
und freilich auch rücksichtslose Seele streiten.

*

Bei Keller und Reiner wurde das Totendenkmal
Bartholome^ noch einmal enthüllt. Richtig enthüllt, mit
Orgel, Chor und Solostimme, mit was Grünem und
thränenschwerer Feierlichkeit. In Gegenwart zweier
lebendiger Excellenzen. Der Referent des „Lokal-
Anzeigers" war ganz benommen. Stoff für Wedekind
oder Th. Th. Heine. Allein dieses Bild: der „gefeierte
Bildhauer", von dem mit bebendem Flüstern erzählt
wird, der tiefste Schmerz um den Tod der Gattin habe
ihn dies Denkmal schaffen lassen, steht vor dem eigenen
Werk und eine unsichtbare Stimme singt: „Du, die ich
heiss geliebt, kehre mir zurück!" Am Arm führt der
Künstler eine junge Gattin, „eine lachende, strahlende,
junge Schönheit" (Lok.-Anz.). Neuberliner Geschmack!
Bartholome gilt für tief, weil er, als ein liberaler
Akademiker, den Eindruck eines Freien macht und
doch die lieben alten Mittel aus dem Glaspalast benutzt.
Er weiss den Frauenleib selbst auf dem Gang zum Tode
noch mit üppig schmeichelnder Erotik zu umkleiden.
So wird dieser pariser Sinding, dieser geschickte Thea-
traliker vom Stamme Begas1 zum Heros des potsdamer
Viertels, das sich über Begas selbst doch hoch erhaben
dünkt. Die beiden berliner Bürgermeister, die bei dieser
five o'clock art anwesend gewesen sind, sollten die
Lehre nutzen und Keller und Reiner die Organisation
feierlicher Fürstenempfänge übertragen. Diese Ver-
wirklicher eines „Gesamtkunstwerkes" würden Dinge
ersinnen, wovon die brave Ehrenpfortenphantasie nicht
einmal zu träumen vermag.

*

In dem Artikel „Paul Cezanne" von Theodore Durer,
im Dezemberheft, sind folgende Druck- und Uber-
setzungsfehler entstanden, die, des dokumentarischen
Wertes der Arbeit wegen, ausdrücklich berichtigt werden
sollen: i) Cezanne besuchte nicht die Schweizer Aka-
demie in Paris, sondern die academie Suisse. Suisse ist
Eigenname; 2) Graf Doria besass eine wichtige Samm-
lung der Meister von 1830; 3) nicht Guillaumin, Ce-
zannes alter Bekannter aus der academie Suisse, war Jury-
mitglied des Salons von 1882, sondern Guillemet.

•SS-
Einige Zeitungen von Ruf haben unsere Notiz über
Alfred Messel mit strafender Miene korrigiert. Es
wäre noch nicht soweit. Richtig. Aber wir wieder-
holen: wenn die geplanten Museumsbauten zur Aus-
führung gelangen, woran wohl nicht zu zweifeln ist,
soll Messel sie bauen.

Eigentlich schade. Der reinliche Gegensatz von Hof-
kunst und bürgerlicher „Rinnsteinkunst" wird dadurch
verwischt. Scheinbar. Fast so schade, als wenn Lieber-
mann der Posten eines Akademiedirektors angeboten
und von ihm angenommen würde. Eine Hypothese,
die nicht so paradox ist, wie sie dem ersten Blick scheint.

Die Russische Kunstausstellung, die auf dem Rück-
weg von Paris in Berlin Station gemacht hat, war
lehrreicher für den Geschichtsfreund, als genussvoll
für den Kunstfreund. Dieser musste enttäuscht sein,
weil er, verführt durch die genialische Literatur und
die nicht zu vergessenden Proben einer lebendig natio-
nalen und sehr modernen Schauspielkunst, Überrasch-
ungen auch von der Malerei erwartet und sich neuer
Entdeckungen schon gefreut hatte, dann aber nur mehr
oder weniger getreue Spiegelungen des europäischen
Kunstgeistes zu sehen bekam. Europa scheint für Russ-
land eine Gefahr zu sein. Der Kopf dieses Riesenreichs
ragt horchend in die alten europäischen Kulturen hin-
ein; der gewaltige Leib steckt tief im Asiatischen. So
kommt es, dass der Geist immer sehr willig und das Fleisch
sehr schwach ist. Wie die Russen sich eben jetzt mit
liberalischen Staatsideen Europas politisch zu erdrosseln
drohen, so hat die Ausstellung bewiesen, dass auch in
der Malerei der bequeme westliche Einfluss die natio-
nale Kraft wohl angeregt aber nie zur Selbstbesinnung
gebracht hat. Zudem sind die Russen kein Malervolk.
Doch sind sie auch in der Malerei reich an geschmeidigen
und ausserordentlich temperamentvoll anempfindenden
Nachahmungstalenten. Die russische Malerbegabung ist
weiblich; sie hat Weibertugenden und Weiberlaster.
Unter den wechselnden Gewändern europäischer Stil-
formen regt sich das Nomaden- und Kosakentempera-
ment, das festen Besitz fast wie eine Last empfindet.

Das Einfallsthor für den Europäismus bildete die
Regierungszeit Peters des Grossen, der auf Grund
seiner fixen Zivilisierungsideen russische Maler ins Aus-
land sandte, damit sie dort lernten, wie er selbst gelernt
hatte. Die petersburger Akademiegründung unter
Katharina II. brachte dann eine ganze Schar von
Franzosen und Italienern in die Residenz und es wurde
auch in der Kunst das — etwas deutsch determinierte
— Französische die Umgangssprache der höheren Stände.
Zu einer lebendigen Durchdringung der romanischen
Barockkultur mit heimischen Elementen, wie sie in
Deutschland, England oder Osterreich zu so reizvollen
Bildungen geführt hat, ist es in Russland scheinbar nur
hier und da in der Architektur gekommen. Die talent-
vollsten Schüler des Westens verlernten es, Russen zu
sein; wie sich, zum Beispiel, die besten Werke Lewitzkys
von denen Graffs oder irgend eines Pesneschülers prin-
zipiell kaum unterscheiden. Freilich stehen sie hier und
da auch qualitativ den besten Leistungen Graffs nicht

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