Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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die gleichen zierlichen Parallelfalten in der Ge-
wandung, die ausserordentliche Sauberkeit in der
Durchführung und eine gewisse herbe Befangenheit
in eigentümlicher Weise gemischt mit naturali-
stischer, sinnlicher Empfindung in der Behandlung
der vollen weiblichen Körper, wie wir ähnliches
bei den römischen Künstlern beobachten, die
die griechische Kunst in antikisierender Weise
nachahmen. Das eine dieser beiden Figürchen, wohl
eine Venus (das Attribut in der linken Hand ist
leider abgebrochen), hat gleichfalls, wie die vor-
genannte Statuette, vergoldetes Haar. Der gleich-
zeitige Sockel mit eingelegten römischen Gold-
münzen beweist, wie hoch man das Exemplar seiner-
zeit schätzte. Flüchtiger gearbeitet ist die Wieder-
holung in der Sammlung George Salting. Der
Schopf über dem Scheitel ist auch hier, wie beim
Amor, eine Nachbildung des Krobylos beim Apoll
von Belvedere. Der kleine Kranz von Eichenblättern
auf dem welligen Haar könnte die Vermutung
nahelegen, die Figur sei für Matthias Corvinus
gearbeitet worden und aus dessen Besitz in die
kaiserlichen Sammlungen gekommen. Die zweite
Figur, von der ausser dem Wiener noch ein fast
gleichwertiges Exemplar in der Sammlung Beit sich
befindet, ist völlig unbekleidet, aber sonst in der
Formgebung, im Typus, in der Durchführung
durchaus von gleichem Charakter. Beide Figuren
gehören zu den elegantesten, saubersten Arbeiten,
die uns aus der Renaissance erhalten sind.

Recht im Sinne des Antico erdacht und aus-
geführt, wie wir ihn aus den Urkunden kennen
lernen, ist eine weibliche Figur im Kaiser Friedrich-
Museum. Den Oberkörper unbekleidet, sitzt sie
auf einem Felsen, aufdensieden linken Arm lehnt,
und schaut nach rückwärts, während sie mit der
Rechten ein Rad auf das Knie stützt. Nach dem
Attribut würden wir darin die Göttin des Verkehrs

vermuten. Dass eine ähnliche Allegorie hier be-
absichtigt ist, beweisen ein paar Münzen des Kaisers
Trajan, nach deren Rückseite der Künstler diese
Gestalt fast treu kopiert hat; auf diesen ist der
Genius einer Heerstrasse, die Trajan erbaut hatte,
dargestellt. Auch hier sind Haar, Gewand und
Attribut: das Rad, vergoldet. Die Faltengebung ist
hier weit einfacher gehalten, weil der Stoff sehr
dick ist.

Im Florentiner Museum wird dem Antico auf
die Bestimmung von Umberto Rossi, dem wir die
archivalischen Entdeckungen über den Künstler
verdanken, noch eine Figur mit antikem Motiv
zugeschrieben, die Kybele, die in Haltung wie in
Ausdruck und Faltengebung nicht unwesentlich
verschieden ist von den hier bisher zusammen-
gestellten Figürchen. Wie die Gewandung fällt, das
verrät ein feines Verständnis des Körpers, namentlich
in den oberen Teilen. Ebenso ist die Behandlung
fein empfunden und doch fast breit, auch in dem
ausdrucksvollen Kopfe. Vielleicht hat das antike
Original, das gewiss zu Grunde lag, den Künstler
zu dieser abweichenden Auffassung geführt.

Auch eines der prächtigsten Renaissancegefässe
in Bronze, die grosse Vase im Museum zu Modena,
lässt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit dem Antico
zuschreiben, wie dies auch durch den Direktor der
Sammlung, Dr. Giulio Bariola, geschieht. Schon
der Wahrspruch MAI PIV, der sich an einem der
von Masken zwischen Kränzen, die den Oberkörper
des Gefässes bedecken, herabhängenden Schilde
befindet, weist nach Mantua; ebenso der figürliche
Dekor: ein Umzug von Seewesen, die sich in ganz
mantegnesker Weise der Antike anschliessen. Auch
die ausserordentliche Durchführung, die der Arbeit
einen etwas trockenen Charakter giebt, ist für die
Bronzen Anticos, wenn wir sie ihm mit Recht zu-
geteilt haben, bezeichnend.

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