Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 5.1907

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Kunst und Kultur der betreffenden Landschaft, wobei
ihnen die berliner Zentral-Museen nicht durch Kon-
kurrenz hinderlich sein, sondern fördernd zur Seite
stehen sollten."

«•

Mit Karl Gussow ist ein Maler von einst grossem
Ruf gestorben, dessen Name der Gegenwart kaum
noch etwas sagte. Ihm blieb nicht die bittere Empfindung
erspart, seinen Ruhm sterben zu sehen. Erzeugt wurde
dieser Ruhm durch eine gewisse weltmännische Haltung
der Malerei bei gut bürgerlichem Gefühlsgehalt. Bei
Spielhagens Schilderungen vom künstlerischen Berlin in
den siebenziger und achtziger Jahren mag man an Gussow
denken. Nach aussen ein Schein der grossen Welt, nach
innen noch ein Rest Weissbierphilisterium. Künstlerische
Lehre genoss Gussow in Weimar; bei demselben Maler,
der eine Zeitlang auch Liebermanns Lehrer war: bei dem
Belgier Pauwels. Aber während Liebermann zu den
grossen Beeinflussern und Lehrern seines Lehrers vor-
zudringen verstand, erwarb Gussow sich von Pauwels
nur eine achtbare Oberflächenkultur und den „Mut
zum Naturalismus".

•SS-
Anton von Werner hat sein Amt als Vorsitzender
des Vereins Berliner Künstler niedergelegt, nachdem er
zwei Jahrzehnte autokratisch fast geherrscht hat. Der
Künstler Anton von Werner wird dem Verein zu
ersetzen sein. Schwerer schon der Organisator. Werners
nicht gewöhnliche Geschicklichkeit, Beziehungen zu
nützen und Macht zu usurpieren, hat einem untüchtigen,
morschen Prinzip und dessen Vertretern lange Jahre
hindurch Ansehen und Vorteile zu gewinnen und zu
bewahren vermocht. Wenn die Gegenpartei, die das
bessere Prinzip für sich hat, von einer ähnlich behenden,
auf erreichbare Ziele gerichteten organisatorischen Ener-
gie geführt würde, hätte sie längst einen grossen
äusseren Sieg errungen. In der Diplomatie war Werner
all seinen Gegnern überlegen. Was hätte dieser Mann
nicht leisten können, wenn er solche Fähigkeiten in
den Dienst einer zukunftsstarken Kunstidee gestellt
hätte! Jetzt ist am Ende die still wirkende Wahrheit
doch stärker als ein listig gehäufter Machtbesitz und so
wird Anton von Werner auch als Organisator entbehrlich.

Wer aber soll den Redner ersetzen! Es giebt keinen
Ersatz; es sei denn, dass derReichskanzler den Posten über-
nähme. Werner verstand sich auf den,,Brustton derÜber-
zeugung". Er konnte einen Pfarrer lehren. Von ihm hat
ein hübsches Witzwort, dessen originaleLesart zu drastisch
für Druckerschwärze ist, sehr anschaulich gesagt: wenn
er auch ohne Arme geboren worden wäre, er hätte doch
immer den grössten Mund gehabt.

Im Sezessionsgebäude wurden Resultate der „Studien-
Ateliers für Malerei und Plastik" (Lewin—Funcke) ge-
zeigt. Es war der richtige Ort, denn es sind entschiedene
geistige Beziehungen zwischen diesem Institut und der
Sezession vorhanden. Bei geschickter Leitung könnten
die Ateliers vielleicht etwas wie eine Berliner Akademie
Julian werden. Jetzt nimmt der für Berlin charakteristi-
sche ultrasezessionistische Feminismus noch zuviel Raum
ein. Und es fehlt die einheitliche Korrektur. Freilich
ist es nicht leicht, in Berlin die geeignete Persönlichkeit
für ein Korrigieren zu finden, wie es den zum Teil
schon selbständigen Künstlern, die in den Aktsälen
zeichnen, von Nutzen werden kann. Der Korrektor
müsste eine neutrale Künstlerindividualität sein; sehr reif
und sicher und nicht zu persönlich.

Unter den ausgestellten Arbeiten war manches Gute;
vor allem unter den Zeichnungen. Aber auch viel
Manier und zwecklos pastoses Farbengeschmier war zu
sehen. Den meisten hat es Corinth angethan. Besonders
den modernen Weiblein, die der physischen Gewalt nun
einmal, auch in der Kunst, nicht widerstehen können.

*

Unter den neuen Architekturen in Berlin sind das
Warenhaus des Westens am Wittenbergplatz und das
Weinhaus „Rheingold" in derBellevuestrasse zu nennen,
Das Warenhaus hat sehr solide Qualitäten. Es wäre im
Äussern und Innern noch besser, wenn der als Mitarbeiter
Lederers am hamburger Bismarckdenkmal bekannt ge-
wordene Architekt Schaudt sich nicht einer bei dieser Ge-
legenheit sehr deplazierten Spiellust hingegeben hätte,
wenn seine Einfachheit und Sachlichkeit nicht vielfach
snobistisch anmuteten. Lehrreich ist dieser vom Platz aus
bequem zu überschauende, von drei Strassen begrenzte
Architekurkomplex als Beispiel, wie stark eine Grossstadt-
architektur zu wirken vermöchte, die immer einen
ganzen Baublock von Miets- oder Geschäftshäusern als
eine geschlossene Masse begreift. Das Rheingoldhaus
von Bruno Schmitz zeigt das kräftige Talent des Denk-
malkünstlers in einer neuen Entwicklung. Manches im
Äusseren ist überraschend eindrucksvoll; im Innern
verstimmt vielfach eine zwar ideenreiche aber auch ge-
waltsam moderne und plump phantastische Prunksucht.
Erscheinung und Zweck des Gebäudes widersprechen
sich zu drastisch. Nur in Berlin serviert man Achtzig-
pfennigportionen in Kathedralräumen.

Konkurrenzprojekte zur Umgestaltung des Pariser
Platzes waren im Verkehrsmuseum ausgestellt. Von
einer prinzipiellen Notwendigkeit, den Platz und das
BrandenburgerThor zu verändern, konnten sie nicht über-
zeugen. Die beiden preisgekrönten Entwürfe von Möhr-
wing und von Reimer und Körte sind vernünftig, weil

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