Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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35 Das neue

Die Einfahrt zur Rechten ist geblieben, aber ver-
tieft worden, um die Verbindung mit dem hinteren
Anbau zu erreichen. In der Mitte des Erdgeschosses
ist aber durch die gelben Rustikaquadern ein Portal
durchgebrochen worden, das zu einem von Korb-
bogen überwölbten, etwas niedrigen, aber dadurch
gegen die äusseren Temperatureinflüsse geschützten
Flur führt, an dessen Ende der neue 51 Meter tiefe
Anbau mit dem Treppenhause beginnt. Das obere
Stockwerk der Fassade wurde bis auf die beiden
Fenster an der Ecke vermauert, weil der dahinter
liegende Raum, der Festsaal, sein Licht von oben
empfängt. Der dadurch an der Fassade gewonnene
Raum wurde im mittleren Teil benutzt, um gewisser-
massen das Schild des Hauses auszuhängen. Ueber
dem Eingangsportal prangt in architektonischer und
ornamentaler Umrahmung ein nach dem Karton von
Hans Kfibcrstein ausgeführtes Glasmosaikbild, das in
strenger Stilisierung den Bund der drei Künste unter
dem Schutze Dürer's, dessen Büste die Komposition
krönt, darstellt. Links die Plastik, in der Mitte eine
romanische Kirche in einer sonnigen Landschaft, rechts
die Malerei. Schon das Aushängeschild soll darauf
vorbereiten, dass auch in der Dekoration des Innern
romanische Motive in nordisch-germanischer Fassung
vorherrschen.

Zu beiden Seiten des Eingangsflures sind nach
der Strasse zu Ausstellungsräume für Kleinplastik und
Kunstgewerbe angeordnet und dahinter ein Erfri-
schungsraum für Ausstellungsbesucher, die Garderobe
und die Geschäftsstelle des Vereins für deutsches
Kunstgewerbe, der hier eine dauernde Ausstellung
unterhalten will. Eine Marmortreppe am Ende des
Flures stellt die Verbindung zwischen Vorder- und
Hinterhaus her und führt zunächst auf halber Höhe
des oberen Stockwerkes des Vorderhauses zu den
eigentlichen Ausstellungsräumen, die aus drei Ober-
lichtsälen und drei Nebensälen mit Seitenlicht bestehen.
Den Zugang zu dem ersten Oberlichtsaal, der in der
Mittelachse des Gebäudes liegt und um den sich die
anderen vier Ausstellungsräume gruppieren, vermittelt
ein Portal mit reich in Holz geschnitzter Einfassung.
Hier hat Bildhauer Riegelmann, der seit einigen
Jahren in Berlin die alte Kunst ornamentaler Holz-
schnitzerei, besonders bei Kirchenbauten wieder zu
Ehren gebracht hat, in der ornamentalen und figür-
lichen Ausstattung abermals den Grundton angeschlagen,
der sich durch die Ausschmückung der Innenräume
zieht. Zu beiden Seiten der Thür sind an den Wänden
des Treppenhauses vorläufig nur in Gyps ausgeführte,
aber für den Bronzeguss gedachte und darum grün-
lich patinierte Reliefs von Hermann Hidding befestigt.
Auf dem zur Linken sehen wir den Kunstjünger, dem
der Genius der Kunst von weitem das gelobte Land
zeigt, und auf dem Relief zur Rechten wird der zum

in Berlin. 36

Manne gereifte, auf die Höhe des Ruhmes gelangte
Künstler von seinem Genius der Sonne entgegen geführt.

Die Ausstellungsräume sind über rotbraun ge-
strichenen Holzpaneelen abwechselnd mit silbergrauen
und lichtgrünen Stoffen bekleidet. Die Ausstellungs-
kommission ist also in der Lage, je nach der Grund-
stimmung eines Gemäldes einen neutralen oder einen
diskret hebenden Hintergrund zu wählen. Auch in
der Anordnung des Oberlichtes scheint die richtige
Mitte zwischen zu grell und kalt wirkender Beleuchtung
und zwischen ungenügender Lichtzufuhr getroffen zu
sein, so dass aller Voraussicht nach endlich einmal
die alten Klagen verstummen werden. Freilich sind
die Räume nicht für umfangreiche Ausstellungen ge-
nügend. Doch ist die Bestimmung getroffen worden,
dass auch die Wände des Treppenhauses und der
grosse Festsaal zu Ausstellungszwecken herangezogen
werden sollen, und darum sind auch diese Wände in
so neutralen Tönen dekoriert worden, dass sie die
Wirkung der Bilder nicht beeinträchtigen können.
Unter den Ausstellungsräumen liegen die Gesellschafts-
zimmer des Vereins: Kneipe, Billardzimmer, Bibliothek,
Kegelbahnen u. s. w. und in einem hinteren Seiten-
flügel in vier Etagen übereinander die Geschäfts-
räume.

Von dem ersten Podest der Treppe, die zum
Hinterhaus führt, steigt rückwärts eine zweiarmige
Treppe zum Vorderhaus auf, die zunächst zu einem
Vorflur, an dem zur Rechten ein kleiner Speisesaal
liegt, und dann zu dem grossen Festsaale führt, dessen
Architektur und Dekoration den Glanzpunkt der ganzen
Anlage und zugleich der künstlerischen Leistung Hoff-
acker's bildet, der hier ein Meisterstück imposanter
Raumbildung geliefert hat. Über dem Saale, der eine
Grundfläche von 300 Quadratmetern hat, wölbt sich
ein dreiteiliges, in der Mitte von einem Oberlicht
durchbrochenes, hölzernes Tonnengewölbe, das die
Stirnseiten des Saales oben kleeblattförmig begrenzt.
Das Holz hat seine natürliche Farbe behalten; nur
die Gurte und Bänder sind dunkel gebeizt. An der
südöstlichen Schmalseite ist eine 50 Quadratmeter
grosse Empore angebracht, über der Max Koch, von
dem auch die Gemälde in den Deckenfeldern des
Treppenhauses — Darstellungen aus. der nordischen
Götterwelt — herrühren, in die kleeblattförmige Wand-
flächc ein figurenreiches Bild sehr geschickt hinein
komponiert hat: Apollo, der als Bringer der Künste
zu den Erdenmenschen herabsteigt, die sich schüchtern
aus dem Dunkel der Wälder zu dem lichtspendenden
Gotte heranwagen. Die Lichtquelle ist so angeordnet,
dass die Figuren in hellleuchtenden Umrissen, sonst
dunkel, aus der Fläche heraustreten, wodurch besonders
bei elektrischem Licht eine reizvolle Wirkung hervor-
gebracht wird. In der Färbung ordnet sich das Bild
willig dem einfachen Grundton des Gewölbes unter.
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