Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Peter Flötner und die deutsche Plakette.

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Eine wagerechte Stellung der Stange lässt das
Fahnentuch zudem glatt aushängen, während es bei
schräger bezw. senkrechter Stange Falten wirft. Falten
verziehen nun den Stoff, brechen ihn und führen zu
querlaufenden Rissen, die immer dichter und stärker
werden, je näher sie dem Haltepunkte sind. Jede
Bewegung beim Abstauben, durch Zugluft und Be-
rührung fördert diese zerstörende Wirkung. Zuerst
geht es damit vielleicht unauffällig voran; die Wir-
kung steigert sich aber im Quadrat der Zeit und
ist unfehlbar.

Dass die wagerecht stehende Stange auch darum
natürlicher ist, weil nur auf diese Art das Fahnen-
tuch deutlich sichtbar und in seiner Eigenart erkenn-
bar ist, liegt auf der Hand. Im anderen Falle ist
das Tuch nicht deutlich zu sehen; man giebt die
eindrucksvollste Wirkung preis.

2. Die Wiederherstellung.

Jede Fahne bedarf vor ihrer Aufstellung der
Instandsetzung. Wo dies nun bisher versucht wurde,
ist fast allgemein schwer gefehlt worden.

Das beliebteste, auch heute noch hier und da
angewandte Verfahren besteht darin, die Tücher mit-
tels Kleister auf ein Filetnetz zu kleben. Zu diesem
Zwecke muss das Tuch mit dem Klebstoff bestrichen
werden und zwar recht dick, denn sonst bleibt es
auf dem feinen Filetfaden nicht haften. Damit macht
man das Tuch künstlich steif und somit erst recht
brüchig und schwer. Auf feine Stoffe übt Kleister
schon an sich eine zerstörende Wirkung, es „frisst",
auch lockt Kleister den Wurm an. Dies bewirkt,
dass so behandelte Fahnen in ein, zwei Jahrzehnten
wie verkohltes Papier zerfallen. Diese Methode der
Erhaltung ist der sicherste Ruin.

Wo dieses Verfahren bisher angewandt wurde,
ist dringend zu raten, die Fahnentücher schleunigst
abzuweichen, vom Kleister zu reinigen und in der
später anzugebenden Weise zu applizieren.

Bei einer anderen Art der Herstellung wird
das Fahnentuch auf einen Stoff — Gardinen-
bis Tischtuchstoff — aufgenäht. Dagegen wäre im
Hinblick auf die Erhaltung nichts einzuwenden, wenn
man das Fahnentuch wie ein Bild glatt an die
Wand hängen will. Die Wirkung als Fahne ist da-
durch freilich zerstört. Bei bildmässiger Aufstellung
der Fahne ist es besser, das Tuch einfach und ohne
jede Umlage zwischen zwei Glasscheiben zu rahmen.
Das ist kostspielig, aber für das Fahnentuch sehr
vorteilhaft. Es ist bei besonders wertvollen Stücken
zu empfehlen, wenn man das Tuch von der Stange
entfernen und die Wirkung als Fahne aufgeben kann.

Die einzig zweckmässige Instandsetzung besteht
aber darin, dass das Fahnentuch auf ein feines
Filetnetz appliziert wird. Das Netz wird aus weichem

Zwirn gefertigt, damit harte Knötchen vermieden
werden. Es kommt dann in den Stickrahmen, und
darauf wird das sorgfältig gereinigte und gepresste
— nicht geglättete — Tuch durch Nachgehen der
Filetquadrate mit einem seidenen Faden aufgenäht.
Von dem Netz bleibt an der Nagelseite eine Hand-
breit überstehen, die nach beendeter Arbeit an der
Stange befestigt wird. So wird das Netz auch der
Träger und das hängende Tuch entlastet. Durch
dies Verfahren sind alte zerrissene Fahnen sogar
wieder gebrauchsfähig gemacht worden.

Dringend wird gemahnt, alle Fahnen so zu be-
handeln und aufzustellen. In dieser Art wird bereits
an mehreren Stellen gearbeitet. Die Stickereiklasse
der Kgl. Zeichenakademie in Hanau hat sich durch
Wiederherstellung von Kriegervereins- und Innungs-
fahnen grosse Verdienste erworben auch die Fürstliche
Stickereischule in Dessau macht diese Arbeit vor-
trefflich. —

Fahnen gehören deshalb zu den empfindlichsten
Sammlungsgegenständen, weil ihr Hauptteil, das hin-
fällige Tuch, an eine derbe Stange genagelt ist, die
zu einem festen Anfassen und Hantieren förmlich
auffordert. Darum sollten diese alten Erinnerungs-
stücke nur von Sachverständigen angefasst werden.
Sammlungsaufseher sind hierzu gewöhnlich nicht zu
rechnen; am schlimmsten steht es aber damit, wenn
die Schliesser oder die Scheuerfrauen von Rathäusern
u. s. w. diese Sache besorgen. Zur Abschreckung
möge hier ein Beispiel mitgeteilt werden, wie dem
Verfasser eine sonst ganz trinkgeldverständige Portiers-
frau auf die Frage, warum denn die Fahne da in
die Ecke gelehnt und nicht aufgehängt sei, zur Ant-
wort gab, sie brauche die lange Fahnenstange, um
den Kronleuchter von Spinngewebe zu säubern.
Dieser Staubwischer war eine Fahne aus dem Dreissig-
jährigen Kriege! v. UBISCH.

PETER FLÖTNER
UND DIE DEUTSCHE PLAKETTE.

Im vorigen Jahre ist unsere kunstgeschichtliche
Litteratur um ein sehr bedeutsames Werk •) vermehrt
worden, welches an dieser Stelle sofort eine ausführ-
liche Würdigung verdient und erfahren hätte, wenn

1) Konrad Lange, Peter Flötner ein Bahnbrecher der
deutschen Renaissance. Mit 12 Lichtdrucktafeln und 47 Text-
abbildungen. Berlin, G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung,
1897. 180 Seiten. Folio. 30 M. — Vgl. die Besprechungen
des Buches durch Fuhse in der Bayerischen Gewerbezeitung
1897, Nr. 23, durch Domanig in den Mitteilungen des Oster-
reichischen Museums für Kunst und Industrie, Wien 1897,
S. 501 ff. (die hier S. 503 abgebildete Holzschnitzerei wird
entgegen Domanig's Annahme kaum von Flötner herrühren)
und durch W. v. Seidlitz in der Münchener Allg. Ztg. vom
3. Dezember 1897.
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