Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau. — Personalnachrichten.

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Fülle altbekannter und doch neuer, weil in jedem
Einzelfalle neu dem Leben abgelauschter Dinge tritt
da dem Forscher entgegen, der bisher nur die euro-
päischen Sammlungen auf Gegenstände dieser Art
untersuchen^konnte.

Der Text ist sorgfältig gearbeitet, aber nicht her-
vorragend selbständig. An vielen Stellen verzeichnet
und beschreibt er einfach, schweift dazwischen zu Er-
örterungen ab, vermag schliesslich aber das Werk
nicht zu einem organischen Ganzen zu vereinigen.
Ein Lehr- und Lesebuch ist es nicht, mehr ein Nach-
schlage- und Sammelwerk. Damit soll jedoch nicht
gesagt sein, dass es nicht eine Reihe lesenswerter
Abschnitte enthielte, und dass die Bemerkungen des
Verfassers nicht oft den Nagel auf den Kopf träfen.

Wenn Hoffman freilich Boyd-Dawkin's Ansicht zu-
stimmt, dass die Eskimos einfach die Nachkommen der
Höhlenbewohner Südfrankreichs seien, so wagen wil-
dem, obgleich sich das Gegenteil nicht beweisen lässt, nicht
beizustimmen, und wenn er die grosse Mehrzahl der
Darstellungen, die Jagdzüge, Fischzüge, Wanderzüge,
häusliche Vorrichtungen, häusliche Belustigungen und
häusliche Streitigkeiten darstellen, als „pictographs"
und »historical records" bezeichnet, so wird sich über
die Grenze zwischen diesen Begriffen und künst-
lerischen Darstellungen, die ihrer selbst wegen ge-
schaffen sind, streiten lassen. Richtig aber werden
unzweifelhaft die Darstellungen in menschlicher Ge-
bärdensprache, zu der im Anhang ein Schlüssel bei-
gegeben ist, als eine Art von Bilderschrift gekenn-
zeichnet; feinfühlig wird der Übergang der bildlichen
Erzählungen aus dem Leben in reine Zierstreifen
durch reihenweise Wiederholung und äusserliche Um-
bildung geschildert, und zutreffend wird im ganzen
zwischen dem von Urzeiten ererbten Formenschatz
der Eskimos und den möglicherweise auf Handels-
wegen hinzugekommenen fremden Zuthaten unter-
schieden. Einflüsse von der Papua-Bucht an der
Torresstrasse, von den Haida-Indianern in Nordwest-
amerika und von den Russen in Sibirien will man
hier und da erkennen. Aber Hoffman thut recht
daran, derartige Einflüsse nur in deutlichen Fällen
gelten zu lassen. Wegen des Ziermotives der kon-
centrischen Kreise sucht der Verfasser wohl unnötiger-
weise den ganzen Erdball ab, wenn er doch schliess-
lich (S. 807) zu dem Ergebnis kommt, dass derartige
Kreisverzierungen nicht überall, wo sie sich finden,
auseinander abgeleitet, sondern selbständig entwickelt
seien, » being evolved from very diverse Originals and
concepts".

Die Frage, inwieweit gleiche Verzierungen,
die sich in der ganzen Welt zerstreut finden, aus-
einander abgeleitet werden oder als selbständige Er-
findungen angesehen werden müssen, gehört zu den
schwierigsten Fragen der vor- und aussergeschicht-

lichen Kunstforschung. Cirkelschlüsse sind hier auch
bei angesehenen Forschern an der Tagesordnung.
Nichts ist leichter, als überall oder nirgends fremde
Einflüsse anzuerkennen; in Wirklichkeit aber will jeder
Fall der Art für sich untersucht und entschieden sein.
Unzweifelhaft ist eine grosse Anzahl einfacher Formen
der ganzen Menschheit angeboren oder wird doch
überall selbständig der Natur oder der Technik ent-
lehnt. Die Frage ist nur, wo die Form anfängt, von
solchem Eigenleben erfüllt zu sein, dass es unthun.
lieh erscheint, sie an verschiedenen Orten unabhängig
voneinander entstanden zu denken. Namhafte Forscher
gehen soweit, den Mäander überall, wo er sich findet,
also auch in Altamerika und auch in China, vom
griechischen Dipylonstil abzuleiten, die Spirale über-
all, wo sie auftritt, auf die ägyptische oder doch die
mykenische Kunst zurückzuführen. Hier vermag ich
nicht zu folgen, weil mir die Spirale wie der Mäander
nicht eigenartig genug zu sein scheinen, um nicht
oftmals unter ähnlichen Bedingungen von selbst ent-
standen sein zu können. Aber wo ist da die Grenze zu
ziehen? Jedenfalls ist Hoffman zuzustimmen, dass auch
die koncentrischen Zierkreise der Eskimos, wenngleich
sie erst auf deren jüngeren Arbeiten vorzukommen
scheinen, nicht etwa aus der Papua-Ornamentik ab-
geleitet zu sein brauchen.

BÜCHERSCHAU.

Die Attribute der Heiligen. Ein alphabetisches Nach-
schlagebuch zum Verständnis kirchlicher Kunstwerke. Von
Dr. Rudolf Pfleiderer. Ulm, Heinrich Kerler, 1898. Preis

3 M.

Das vorliegende Buch, dessen Titel hinreichend über
den Inhalt orientiert, zeichnet sich durch praktische Anord-
nung für den Gebrauch besonders aus. Während andere
Werke dieser Art mehr Verzeichnisse der Heiligen mit An-
gabe ihrer Attribute sind, sind hier die Gegenstände, welche
die bildende Kunst den einzelnen Heiligen als Erkennungs-
zeichen beizugeben pflegt, alphabetisch angeordnet und mit
den nötigen legendarischen Erklärungen und biographischen
Notizen versehen. Man kann sich also mit Hilfe dieses
kleinen Lexikons vor einem Kunstwerke sofort davon unter-
richten, welche Heiligen auf demselben dargestellt sind. Ein
beigefügtes umfangreiches Register der Heiligen weist um-
gekehrt darauf hin, welche Attribute den einzelnen Heiligen
zukommen. Das Buch führt gegen 1000 Heilige auf und
wird damit wohl ziemlich alle diejenigen Heiligen enthalten,
die in der bildenden Kunst dargestellt worden sind. Selbst
verständlich sind die neuesten Forschungen auf diesem Ge-
biete in der vorliegenden Arbeit berücksichtigt und verwertet
worden. u. th.

PERSONALNACHRICHTEN.

* » * Zu Ehrenmitgliedern der Kgl. Akademie der bilden-
den Künste in München sind die Maler Prof. Max Lieber-
mann in Berlin, Prof. L. Dill, Prof. W. Dürr und Prof.
Adolf Echtler in München und der Bildhauer Konstantin
Meunier in Brüssel gewählt worden. Die Wahl hat die Be-'
stätigung des Prinzregenten erhalten.
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