Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstrasse 15.

Neue Folge. X. Jahrgang. 1898/99. Nr. 13. 26. Januar.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin W., Heinrich Kiepertstrasse 84 entgegen.

Die Kunslchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichmingen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE REMBRANDT-AUSSTELLUNG IN DER
ROYAL-ACADEMY IN LONDON.

Die Königliche Akademie hat ihren Besuchern
und Gönnern im Laufe der dreissig Jahre, in denen
sie Ausstellungen veranstaltet, schon manche Über-
raschung bereitet, wohl aber kaum eine grössere wie
in diesem Jahre durch die Rembrandt-Ausstellung.
Gerade als ob durch die Ausstellung in Amsterdam
eine gewisse Herausforderung an England ergangen
wäre, hat letzteres den Handschuh aufgenommen und
ziemlich unzweideutig geantwortet: „Eure Ausstellung
war eine höchst gelungene, aber wir in England
können ohne Hilfe des Auslandes dasselbe leisten!"
So ist es denn der hiesigen Akademie gelungen, die
Wände von vier grossen Sälen mit Bildern von Rem-
brandt zu bedecken, und ausserdem noch einen fünften
Saal mit Zeichnungen des Meisters auszuschmücken.
Einige der letzteren (174—198) stammen allerdings
aus der Sammlung von M. Leon Bonnat in Paris,
aber abgesehen hiervon und mit Ausnahme von sechs
Gemälden, welche auswärtige Museen und Privat-
personen vom Kontinent sandten, kommt der übrige
Rest aus englischem Besitz ganz allein.

Aus nicht englischem Besitz stammen: Von
A. Bredius geliehen: „Das Porträt von des Meisters
Mutter« (Nr. 1), dann „Eine alte Frau im Gebet"
(Nr. 24), und drittens „Eine Frau bei der Toilette«
(Nr. 76). Die Glyptothek Neu-Carlsberg in Kopen-
hagen sandte „Ein junger Mann lesend" (Nr. 19), das
Czartoryski-Museum in Krakau „Eine Landschaft", und
Dr. C. Hofstede de Groot das „Porträt von des Meis-
ters Schwester" (Nr. 26).

England ist stolz darauf, dass trotz aller lockenden
Versuchungen dennoch im Laufe eines so langen

Zeitabschnittes von den wirklich bedeutenden Werken
des Meisters nur ein verhältnismässig kleiner Teil über
das Wasser entführt werden konnte, während die
Hauptschätze im Besitz der grossen Familien des
Landes verblieben sind. Als Ausnahme hiervon sind
zu erwähnen: Das prachtvolle Werk aus der Ashburn-
ham-Sammlung, das nach Berlin verkauft wurde, das Ge-
mälde aus der Warwick-Galerie, welches nach New York
wanderte, und ausserdem etwa vier bis fünf jetzt in Paris
befindliche Bilder. Die übrigen dreissig Rembrandt's,
die über das grosse Wasser zogen, waren keine Werke
ersten Ranges, sondern besassen in der Mehrzahl nur
ein vorwiegend historisches Interesse. Jedenfalls hat
diese Ausstellung den Beweis geliefert, dass kein Land
der Welt, soweit es sich um Privatbesitz von „Rem-
brandt's". handelt, mit England zu konkurrieren vermag.
- ' Selbstverständlich konnten viele Meisterwerke aus
englischen Sammlungen bereits in Amsterdam bewun-
dert werden. Abgesehen von den beiden Haupt-
werken Rembrandt's, welche das Rijks-Museum der
Amsterdamer Ausstellung geliehen hatte, und denen
London kaum Gleichwertiges an die Seite stellen kann,
ist die hiesige Veranstaltung aber vielleicht deshalb noch
interessanter, weil viele der besten englischen Bilder
niemals zur öffentlichen Besichtigung gelangten, und
einige sehr schwer oder überhaupt nicht zugänglich
waren.

Es kann sich hier nur darum handeln, auf die-
jenigen Werke aufmerksam zu machen, die selbst im
eigenen Lande — mit Ausnahme von Fachleuten —
so gut wie unbekannt waren. Hierher gehören:
Lord Derby's „Fest Belsazar's" (Nr. 58) und die
„Kreuzabnahme" (Nr. 94), vom Herzog von Abercorn
! geliehen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, das
erstere ist eins der nicht allzu anziehenden Werke
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