Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau.

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letzten, ehrlichen Naturausschnitten, „Reif" betitelt, und
der ältere Meister mit einer Reihe von Bildern, zum
Teil aus den letzten Lebensjahren, so die grosse
graugestimmte Flachlandschaft vom Jahre 1892, eine
wundervolle, grosse Farbenstudie nach der Natur
(„Thauschnee"), und sogar ein ganz altes Bild aus
der ersten Zeit seines Werdens, betitelt: „Waldfräu-
leins Geburt"; hier ist der spätere Schindler in der
Technik gar nicht, sondern höchstens in der innigen
Naturpoesie wiederzuerkennen, die über fast jeder der
Arbeiten dieses vollen und feinen Künstlerherzens
ausgebreitet liegt. Auch das dem Hofmuseum ent-
nommene grosse Gemälde mit dem einsamen Kloster-
garten im Felsenthal ist ausgestellt, leider nicht glück-
lich. Der Raum ist zu eng; im Museum hängt es
in viel besserem Licht.

Aus den Schlössern der kaiserlichen Familie sind
allerlei Künstler wieder bei dieser Gelegenheit ans
Tageslicht gekommen, verdient und unverdient. Zu
den ersteren gehört Qrottker mit einem Cyklus von
symbolisch-realistischen Schwarz-Weiss-Zeichnungen,
die verschiedenen Gräuel des Krieges darstellend.
Schlimmer zu ertragen sind die schier unglaublich
süsslichen Aquarelle von Fendt, der es sich zur Auf-
gabe gestellt zu haben scheint, Schiller's Gedichte durch
eine weichlich-sentimentale Illustration vollends mit
Zucker zu übergiessen. Fendi ist für mein Gefühl
das Höchste, was eine verirrte Kunstepoche an Ge-
fühlsschwelgerei und Unnatur zu leisten vermocht
hat. Man sehe den „Ritter Toggenburg", den „Taucher",
den „Gang nach dem Eisenhammer" und endlich
„Die Glocke" in ihren verschiedenen Stadien an; wer
das lange aushält, muss sehr abgehärtete „Geschmacks-
nerven" besitzen!

Neben diesen „Kleinmeistern" ist eine ganze Reihe
repräsentativer Riesengemälde ausgestellt, über die ich
füglich zur Tagesordnung übergehen kann, wenn
ich nur die Namen der hervorragendsten Maler er-
wähne, Matejko, Wurzinger, Selleny u. a. Auch
Gauermann, der alte Wiener Landschafter, ist reich-
lich vertreten, zu reichlich für meinen Geschmack,
denn dem künstlerisch gesunden und gebildeten Auge
sind Gauermann's Sachen, die hier weit überschätzt
werden, in Form wie Kolorit ganz ungeniessbar.
Gauermann „lebt" nur noch von einem hier vielfach
„übrig gebliebenen Lokalpatriotismus", obwohl seine
gänzlich unwahren Landschaften mit Kuh- oder
Menschenstaffage schon eigentlich tot waren, als der
Maler noch lebte.

Weiter zurück grüssen uns die Danhauser, Krw-
huber, Kupelwieser und kleinere Grössen. Auch ihre
Kunst ist tot, weil sie, trotz mancher Tüchtigkeit, der
inneren Wahrheit entbehrte. Danhauser war der stärkste
„Könner« unter ihnen. Aber leben thut für unser
Empfinden nur noch Meister Moritz von Schwind.

Es sind von ihm ausgestellt der Melusinen-Cyklus,
eine Reihe von (schwachen) Kartons, der »Rübezahl",
„Kaiser Max auf der Martinswand" und einige kleinere
Sachen, welche bereits auf der vorjährigen Schubert-
Ausstellung zu sehen waren. Schwind sieht man
immer gern wieder. Er besass die Romantik, er suchte
sie nicht, wie die anderen! Nächst ihm steht höchstens
der tief und rein empfindende Führich, der auch recht
hübsch hier diesmal zur Geltung kommt. Bei Schwind
zeigt es sich, wie die Romantik zum unveräusserlichen
„Hausschatz" des deutschen Volksempfindens werden
musste. Nie sind unsere alten Sagen und Märchen,
die Gestalten einer Melusine, Agathe und anderer
romantischer Opern, allgemeinverständlicher durch
Linien und Farben zum Ausdruck gekommen, als
durch Schwind. Ganz wesensverwandt mit dem rich-
tigen „dummen Teufel", den schon unsere Altvordern
kannten, ist sein langer, dünner, verzweifelt arbeitender
Teufel, der dem frommen Einsiedelmann beim Bau
seiner Waldkapelle die Steine wider Willen herbei-
schaffen muss. Einen wahrhaft dämonisch bösen
Satanas hätte Schwind gar nicht fertig gebracht! Ihm
ist schon der strenge „Rübezahl« mit dem Knoten-
stock und dem spitzen Kinnbart, der durch den Wald
spaziert, „schlimm" genug. Aber der alte Berggeist
schreckt uns nicht mehr. Nur herzliche, freundliche
Verehrung empfinden wir noch heute für unseren
Schwind, in dem die süddeutsche Romantik ihren be-
rufenen Vertreter fand.

Es sind natürlich noch allerlei verschiedene (gute
und minder gute) Bilder ausgestellt. Aber darüber
giebt der Katalog am besten Auskunft. In einen
Kunstbericht kann man nicht alles hineinbringen, was
„gut" ist. Über einen Waldmüller z. B. liesse sich
viel Hübsches sagen, denn er war ein gesunder, reich-
begabter Künstler. Doch genug für heute.

W. SCHÖLERMA NN.

BÜCHERSCHAU.
Vom alten Rom. Von E. Petersen. Verlag von E. A. See-
mann. Leipzig 1898.
Die Kunstlitteratur am Schlüsse des Jahrhunderts steht
unter dem Zeichen der Illustration, und man findet immer
mehr Geschmack daran, sich durch Wort und Bild gleich-
zeitig belehren zu lassen. Seemann's „berühmte Kunst-
stätten" sind die neueste Erscheinung in dieser Art, und wie
man wohl behaupten darf, eine sehr zeitgemässe. Das alte
Rom sollte den Anfang machen, und der ehrwürdige Stoff
ist von Eugen Petersen in würdigster Weise behandelt
worden. Es muss allerdings gesagt werden, dass der inhalts-
volle und doch handliche Band von 140 Seiten mit 120 Ab-
bildungen kein ganz so populäres Werk ist, wie es sich
mancher Romfahrer vielleicht wünschen möchte, aber Führer
durch Rom , die sich mehr an die Phantasie des Lesers
wenden wie an seinen Verstand, giebt es ja in allen Sprachen
schon genug. Das Buch richtet sich vielmehr von vorn-
herein an solche Leute, die es mit ihrer Kenntnis der Monu-
, mente der ewigen Stadt einigermassen ernst nehmen, welche
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