Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau.

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lieh nach etwas, das sie besser zu würdigen verstand
als die entzückende Idylle eines Mannes, der zugleich
mit Watteau unter die wenigen und eigentlichen
französischen Poeten des 18. Jahrhunderts gesetzt wird.
Möglicherweise lag die Ablehnung auch in einer
anderen Ursache, von der am Schlüsse die Rede sein
soll. Genug, sei es nun aus den oben erwähnten
Motiven, oder weil die du Barry die Gemälde nicht
bezahlen konnte, sie blieben in des Künstlers Hand,
schmückten zunächst zwanzig Jahre das Atelier des
Meisters und wanderten dann mit ihm nach Grasse.

Wahrscheinlich war die Ortsveränderung recht-
zeitig und weise gewählt, denn obgleich die Sujets so
wenig anstössig gemalt sind, wie dies überhaupt für
eine Liebesgeschichte nur möglich ist, so waren sie
dennoch zu reich an gefährlichen Ideenverbindungen
mit dem Hofe, und noch dazu mit der schlimmsten
Seite desselben, um nicht der Zerstörungswut des
Volkes anheim zu fallen. In dem „Rendez-vous"
sehen wir vielleicht sogar Porträts des Königs und
der du Barry vor uns, wenn auch ausserordentlich
idealisiert.

Der Cyklus stellt ein Liebesdrama in fünf Akten vor.
Gemälde Nr. 1, »La Poursuite", zeigt uns den jungen
Liebhaber, der seiner Auserwählten sich zum ersten-
mal naht. Letztere hat eine Freundin bei sich, welche
die Rolle der Duenna spielt. Alle Beteiligten sind
schüchtern und zögernd dargestellt.

Nr. 2, »Le Rendez-vous, ou l'Escalade", lässt uns
den Fortschritt der Handlung deutlich erkennen. Der
junge Liebhaber steht im Begriff, ein Hindernis zu
überklettern, während das junge Mädchen mit ab-
gewandtem Kopf und warnend erhobener Hand
lauscht, um zu erfahren, ob sich ein unerwünschter
Dritter naht.

In Nr. 3, wLes Souvenirs", das vielen gewiss als
das natürlichste und bestgelungene Bild erscheinen
wird, finden wir das glückliche Paar einen Brief ge-
meinschaftlich lesend dargestellt.

Nr. 4, „L'Amant Couronne«, bildet den Höhepunkt
des sich entwickelnden Dramas. Die Geliebte bekränzt
ihren Anbeter mit einer Guirlande. Um diesen Moment
des Triumphes gewissermassen zu verewigen und fest-
zuhalten, befindet sich ein junger Maler in der Nähe,
der eine Skizze des Vorgangs entwirft. Man dürfte
wohl kaum fehlgreifen, wenn man annimmt, dass der
junge Künstler Fragonard selbst sein soll.

Im fünften Akt hat sich die Scenerie vollständig
verwandelt, denn die Heldin tritt allein auf.. Die ver-
änderte Situation scheint der sinnenden Rückerinnerung
gewidmet. Wir erblicken eine Art von verlassener
Ariadne, selbstverständlich in französischen Zeitstil
übertragen, angelehnt an eine Säule, an deren Kapital
sich ein drohender Kupido befindet, der auf das Ziffer-
blatt einer Sonnenuhr hinweist. Der Boden ist mit

herabgefallenem Herbstlaub bedeckt. Man darf wohl
den Schluss ziehen, dass diese Nummer der Serie
erst nach dem Tode der du Barry, wenigstens in der
jetzigen Form, hergestellt wurde, ^oder aber, wenn
dies dennoch zu ihren Lebzeiten geschah, dass gerade
dies End- und Schlussglied der Liebeskette den Ab-
lehnungsgrund für sie bildete. Obgleich sie sonst im
allgemeinen unwissend war, so verstand sie doch
jedenfalls die Allegorie der Zeit, in der die Kunst
sich hier nur zu klar ausgedrückt hatte. Und sehr be-
greiflich erscheint es, dass die du Barry nicht wünschte,
ihrem königlichen Theseus zu suggerieren, dass er
ihrer je überdrüssig werden könnte. Portalis begeht
in der Beschreibung des Bildes einen Irrtum, indem
er die Ansicht ausspricht, dass es nicht vollendet
worden sei. Der Künstler hat es vielmehr meisterlich
verstanden, der ganzen Komposition und namentlich
der Stimmung im Bilde, den Stempel herbstlicher
Unbestimmtheit aufzudrücken, die dem Winter nahe
zu liegen scheint, und welche Portalis vielleicht als
„Unvollendung" angesehen hat.

Unzweifelhaft bildet diese Serie von Bildern mit
den kleineren Supra-Portas, welche die Hauptgemälde
durch Parallelvorgänge ergänzen, eine der voll-
kommensten und interessantesten Entwürfe poetischer
Dekoration im 18. Jahrhundert. Die hier zuletzt ge-
nannten Arbeiten zeigen in ihren Motiven die Aben-
teuer Kupido's mit den Tauben der Venus.

Das Gesamtwerk bildet eine Verkörperung jugend-
licher Grazie, menschlichen Glücks und Leides. Die
Kunst an sich hat nichts damit zu thun, dass die Ge-
mälde für die du Barry bestimmt waren. Sicherlich,
in diesem Genre von dekorativer Kunst, wie hier der
landschaftliche Hintergrund ausgeführt ist, findet sich
kaum ähnliches in der französischen Schule des
18. Jahrhunderts. Von dem Silberton des ersten Bildes
gelangen wir durch alle Nuancierungen der Farbe bis
zu goldenen, sich vertiefenden Schattierungen, um
diese alsdann wieder mehr und mehr verblassen zu
sehen. Figuren und Landschaft sind in bewunderns-
werter Weise zu einer künstlerischen Einheit ver-
bunden. Wenn wir uns in das Konventionelle des
Hoflebens des 18. Jahrhunderts zurückversetzen, wie
dies zur Beurteilung der vorliegenden Werke durch-
aus nötig erscheint, so kann hierbei nur wiederholt
werden, dass ausser Watteau es kaum jemand gab,
der so charakteristisch wie Fragonard, der Darsteller
und Dolmetscher seiner Zeitrichtung war und, was
die Hauptsache bleibt, diese schwierige Aufgabe auch
so anmutig löste. o. v. SCHLEINITZ.

BÜCHERSCHAU,
t Das neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen.

Herausgegeben von Karl Werckmeister. Berlin, Photo-
graphische Gesellschaft.
Die Herausgabe dieser schönen und interessanten Publi-

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