Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Nekrologe. — Personalnachrichten.

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einnehmen. Draussen in der Vorhalle schläft er
selbst in einem edlen baldachinbeschatteten Denkmal,
welches nur wenig ornamentalen Skulpturenschmuck
zeigt. »Der rechtschaffene Mann Alfanus", lesen wir
hier oben am Architrav eingekritzelt, „als er sah, dass
alles zu Grunde gehen muss, erbaute sich dies Monu-
ment, um doch nicht ganz zu Grunde zu gehen." Er
hat wohl daran gethan, in der That, der wackere
Prälat, denn eine schriftliche Überlieferung von ihm
besitzen wir nicht. Nur aus den Inschriften im Stein,
nur aus dem einheitlich dekorativen Schmuck seiner
Kirche erfährt die Nachwelt heute, dass S. Maria in
Cosmedin vor fast neunhundert Jahren im Camerlengo
Calixts II. einen hochherzigen Gönner besass. Von
ihm stammen die beiden Ambonen, er erneuerte die
Schola Cantorum, er errichtete eine neue Iconostasis,
deren Marmorplatten er mit dem köstlichsten Opus
Alexandrinum schmückte. Alfanus errichtete endlich
auch den Bischofssitz im Chor mit den mächtigen
Löwenköpfen an den antiken Lehnen, und seine Frei-
gebigkeit rühmt auch die Inschrift der Marmortafel
des Hochaltars, welche der Consecration durch Calixt II.
im Jahre 1123 gedenkt.

Aus dieser Zeit soll dann endlich auch die merk-
würdige Krypta stammen, wo man heute wieder in
der kleinen Apsis den ursprünglichen Steinaltar auf-
gestellt sieht, dessen Front mit einem einfachen Kreuz
geschmückt ist. Der kleine Raum ist fast ganz aus
dem Tuffstein der ersten Tempelanlage erbaut, eine
zierliche Säulenreihe trägt das Gewölbe, Nischen laufen
rings an den Wänden entlang und eine Steinschranke
schliesst das schmale Presbyterium ab. Hier unten
ist bereits alles gethan und vollendet, bald wird man
auch oben nach achtjähriger, oft unterbrochener Arbeit
am Ziele angekommen sein, und die verlassenen Altäre
von S. Maria in Cosmedin werden dem Kultus schon
in den nächsten Monaten zurückgegeben werden. Oben
aber im niedrigen Stockwerk über der Eingangshalle,
das sich weit nach der Kirche öffnet, wird die Orgel
ihren Platz erhalten, und hier ist schon jetzt ein kleines
Museum gegründet, das als merkwürdigsten Schatz
die wiederhergestellte Iconostasis Hadrian's I. auf-
nehmen wird.

Erinnert man sich, welch ein erschreckendes Bei-
spiel barocker Verunstaltung das Kirchlein am Vesta-
tempel einst gewesen ist, stellt man sich vor, was San
Giovanni in Laterano, S. Maria in Trastevere, S. Maria
in Araceli und zahllose andere Kirchen Roms noch
heute sind, erkennt man dann in eifrigem Bemühen
die Geheimnisse der Baugeschichte dieser Kirche zu
ergründen, dass alles gethan ist, was überhaupt gethan
werden konnte, das alte unter sich in den einzelnen
Perioden zu trennen und wiederum vom neuen ab-
zuscheiden, so darf man den Römern wirklich Glück
wünschen zu diesem einzigartigen Denkmal mittel-

alterlicher Kultur und Kunst. Mag uns San demente
denselben Kirchentypus noch glänzender bieten; reiner
im Stil und geschlossener im Charakter sehen wir
heute ein Kircheninneres aus dem Beginn des 12. Jahr-
hunderts in S. Maria in Cosmedin. Möchte man in
San Saba, an dessen Restauration die Associazione
fra i Cultori di Architettura soeben herangetreten, ist,
dieselben glänzenden Resultate erzielen, möchte das
erste glückliche Beispiel einer vollkommen sachver-
ständigen Kirchenrestauration eine reiche Nachfolge
finden in der ewigen Stadt! E. STEINMANN.

NEKROLOGE.

London. — Am 20. März d. J. starb im Alter von
70 Jahren William Henry Millais, der ältere und einzige
Bruder des berühmten Malers Sir John Everett Millais, auf
seinem Landsitz Ward Hill in Farnham. W. Millais war
gleichfalls Maler, aber in der Hauptsache doch mehr Lehrer
wie ausübender Künstler. Seit 1853 stellte er ziemlich regel-
mässig aus, und zwar am meisten in der Royal Academy in
London. Hauptsächlich sind Landschaften von ihm bekannt,
von denen sich sagen lässt, dass sie einen hübschen und
angenehmen Eindruck gewähren. In dem Gemälde seines
Bruders, betitelt: „The Ransom" (das Lösegeld), hat W.
Millais zur Figur des Ritters gesessen, Hohnan Hunt ist
der Raubritter und die jüngeren Schwestern der verstorbenen
Lady Millais sind die jugendlichen Gefangenen, für die das
Lösegeld entrichtet wird. 0"

London. — Birket Foster, der populärste Aquarellist
Englands, geboren 1825, starb am 27. März d. J. in Wey-
bridge. Im Alter von 16 Jahren kam er in das Atelier des
Kupferstechers Landells. Hier wurde Foster zuerst haupt-
sächlich mit Herstellung von Holzschnitten beschäftigt.
Später begann er Bücher zu illustrieren und gleichzeitig
für die „Illustrated London News" zu arbeiten. Am
besten gefielen die um die Mitte des Jahrhunderts sehr
populären Illustrationen zu Goldshmith's Werken und zu
Longfellow's „Evangeline". Im Jahre 1863 veröffentlichte
er das Illustrationswerk „English Landscapes", zu dem Taylor
den Text geschrieben hat. Von diesem Zeitpunkt ab er-
regten seine in der „Water Colour Society" ausgestellten
Aquarellbilder allgemeine Aufmerksamkeit. In der Haupt-
sache sind dies kleine, hübsche, sauber gearbeitete Bildchen,
die den richtigen populären Ton für die grosse Masse
des kunstliebenden Publikums treffen. Obgleich der Künstler
ein vielgereister Mann war, so hat er die Natur doch stets
mit denselben Augen betrachtet, d. h. er hat nur das Hübsche,
Angenehme und Idyllische aus ihr herausgefunden und fest-
gehalten. Gelegentlich machte er den Versuch in grösseren
Dimensionen zu aquarellieren, aber diese Werke misslangen,
weil die sorgsame Ausführung hier verloren ging, und ausser-
dem sein sonst so präciser Stil unklar wurde. Seine letzten
Arbeiten waren eine Serie von schottischen Landschaften.
Selbst in den Epochen des Daniederliegens der englischen
Kunst waren die Arbeiten Foster's stets begehrt. Er hat
das Verdienst, Burne-Jones als jungen Anfänger zuerst be-
schäftigt zu haben. d"

PERSONALNACHRICHTEN.

V Professor Hans Thoma in Frankfurt a. M. hat einen
Ruf als Direktor der Grossherzoglichen Gemäldegalerie in
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