Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Personalnachrichten. — Wettbewerbe.

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vollen Höhe seiner Kunst, am wenigstens das neueste,
1898 gemalte: Nessus und Dejanira, auf dem nur der
Kentaur in seiner brutalen, tierischen Wildheit die
alte Böcklin'sche Kraft in der Gestaltung solcher
Zwittergeschöpfe erkennen lässt. Die 1889 entstandene
Cimbernschlacht auf der Brücke, eine Erinnerung an
Rubens' Amazonenschlacht, ist zwar von grosser
dramatischer Kraft, lässt aber in der Färbung die eigen-
tümlichen Reize seines Kolorits vermissen.

Desto grösser ist der Treffer, den die Secession
mit einer Ausstellung von 14 Gemälden und Öl-
Studien Wilhelm Leibl's ausgespielt hat, die ebenfalls
die gesamte Thätigkeit des Künstlers seit seinem
Pariser Aufenthalt 1869 und 1870 bis in die neueste
Zeit, aber ungleich eingehender und treffender,
charakterisieren. Den Mittelpunkt bilden die, wenn
ich nicht irre, zu Anfang der achtziger Jahre gemalten
„Dorfpolitiker«, fünf Bauern auf einer Bank im Wirts-
hause, von denen jeder eine schlechthin vollendete
Charakterstudie ist. Man kann sich vor diesem Bilde
wie vor einigen der ausgestellten Studienköpfe und
sonstigen Einzelstudien z. B. einer Studie nach einem
Stück Bäuerintracht des Gedankens an Holbein nicht
erwehren. Aber es ist doch keine, allein auf müh-
same und peinliche Klein- und Glattmalerei gestellte
Nachahmung, sondern ein durchaus selbständiges Er-
fassen und Ergründen eines Individuums in modernem
Geiste. Und wie wenig Leibi an einer bestimmten
malerischen Ausdrucksweise hängt, sehen wir wieder
aus anderen seiner ausgestellten Studien, besonders
aus der nach einer alten Pariserin mit dem Rosen-
kranz in der Hand und aus der eines französischen
Revolutionshelden, die mit der meisterlichen Freiheit
eines Velazquez hingeschrieben sind. Es kann keinem
Zweifel unterliegen, dass diese Sammlung Leibl'scher
Bilder den Glanzpunkt der Berliner Secessions-Aus-
stellung bildet.

Auch Menzel sollte auf der Ausstellung der
Secession durch sechs Zeichnungen aus Privatbesitz
vertreten sein. Aber auf Grund einer Erklärung des
Meisters, die dieser jedoch später, weil sie auf einem
Irrtum seinerseits beruhte, wieder zurückzog, aus der
aber soviel hervorging, dass er den Bestrebungen der
Secession nicht sympathisch gegenübersteht, hat der
Vorstand auf eine Ausstellung der Zeichnungen ver-
zichtet.

Die Bildhauer mussten sich bei der Enge der
Raumverhältnisse fast ausschliesslich auf Porträtbüsten
und -reliefs und Werke der Kleinplastik beschränken,
was der Ausstellung insofern zum Vorteil gereicht
hat, als Porträt- und Kleinplastik gegenwärtig wohl
überall in Deutschland mit grosser Virtuosität geübt
werden. An der Spitze stehen die Büsten von Heim-
holte und Joachim und ein Bronzemedaillon Bismarck's
von Adolf Hildebrand, eine mit wahrhaft erschrecken-

der und erschütternder Naturwahrheit durchgeführte
Marmorbüste des wahnsinnigen Philosophen Friedrich
Nietzsche von Max A/«se-Lietzenburg und eine poly-
chromierte Büste des Malers von Gleichen-Russwurm
von demselben Künstler. Unter den Werken der
Kleinplastik zeichnen sich besonders eine weibliche
Porträtstatuette von F. Klinisch, eine bronzene, in der
Hand einen Spiegel haltende Venus von Hugo Kauf-
mann in München, die Statuette eines nackten Mädchens
von L. Dasio in München und vier Bronzreliefs mit
Darstellungen der Künste und des Kunstgewerbes von
C.Starck durch geist- und lebensvolle Behandlung aus.

ADOLF ROSENBERG.

PERSONALNACHRICHTEN.

Dem Geschichtsmaler Johannes Miihlenbruch in
Grunewald bei Berlin, dem Schöpfer der Wandgemälde im
Treppenhause des Berliner Rathauses, ist der Professortitel
verliehen worden.

* „ * Zum Präsidenten der Königlichen Akademie der
Künste in Berlin für das Jahr Oktober 1899/1900 ist wiederum
Geheimrat Professor Hermann Ende und zwar einstimmig
gewählt worden.

* , * Professor Karl Begas, bisher Lehrer an der Kunst-
akademie in Kassel, hat sein Lehramt aufgegeben und seinen
Wohnsitz in Berlin genommen, wo er mit der Ausführung
einer zweiten Gruppe für die Siegesallee, Friedrich Wil-
helm IV. mit Alexander von Humboldt und Ranke, be-
schäftigt ist.

WETTBEWERBE.

A. R. Berlin. — In der engeren Konkurrenz um die
Ausschmückung des Rathaussaales in Altona mit Gemälden
aus der Geschichte der Stadt hat die Landeskunstkommission,
die als Preisgericht eingesetzt worden war, den ersten Preis, der
in der Übertragung der Ausführung besteht,dem Entwürfe des
Professors Ludwig Dettmann in Charlottenburg zuerkannt.
Bei der ersten Konkurrenz hatte Dettmann nur einen zweiten
Preis erhalten. Er hat die ersten Entwürfe gründlich um-
gearbeitet, wobei besonders das Bild, das den Einzug der
preussischen Truppen in Altona 1864 darstellt, erheblich
gewonnen hat. Die koloristischen Vorzüge, die seine Ent-
würfe vor den übrigen auszeichneten, sind auch in der Um-
arbeitung erhalten geblieben. Wie aus der Ausstellung der
Entwürfe im Landesausstellungsgebäude hervorgeht, haben
sich neben Dettmann nur noch O. Marcus in Berlin, Arthur
Kampf in Düsseldorf und Klein-Chevalier in Düsseldorf in
Gemeinschaft mit dem Landschaftsmaler Carl Becker an dem
engeren Wettbewerb beteiligt.

A. R. Berlin. — In dem zweiten vom preussischen
Kultusministerium zur Förderung der Medaillenkunst aus-
geschriebenen Wettbewerbe, der einen Entwurf zu einer
Taufmedaille oder -piakette verlangte, hat die als Preisgericht
eingesetzte Landeskunstkommission, nachdem sie die ein-
gegangenen 100 Entwürfe in ihren Sitzungen vom 17. und
18. Mai geprüft, den ersten Preis von 2000 M. dem Bildhauer
Rudolf Bosselt in Frankfurt a. M., zwei zweite Preise von
je 800 M. den Bildhauern Georg Moria in Berlin und Adolf
Amberg in Charlottenburg und drei dritte Preise von je
I 500 M. den Bildhauern Meinhard Jacoby in Kolonie Grune-
1 wald bei Berlin, Edmund Gomansky und Emil To/ff in
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