Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau.

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die sie im freien Schaffen behinderte, in Rubens aber
quoll ein frisches Volkstum, das schon früher eine
grosse, völlig eigenartige Kunstblüte hervorgebracht
hatte. Er vermag daher, was er von den grossen
italienischen Meistern der Renaissancezeit aufnimmt,
viel selbständiger zu verarbeiten, er erst besitzt die
genügende Freiheit den grossen Errungenschaften der
Früheren gegenüber, und damit kann er seine Kühn-
heit, sie vollkommen neu zu verwerten, erst zur Gel-
tung bringen. Auf ihm lastete auch nicht der Druck
der kirchlichen Restauration wie auf jenen, er stand
den religiösen Stoffen unbefangen und naiv, allein
auf sein menschliches Empfinden angewiesen, gegen-
über. So kommt, trotzdem seine Kirchlichkeit minde-
stens ebenso äusserlich war als die seiner italienischen
Zeitgenossen, doch eine echtere Empfindung auch in
seine religiösen Bilder. Wenn Rubens auch durchaus
als Barockmaler zu bezeichnen ist, so ist er für sein
engeres Vaterland doch der klassische Vertreter seiner
Kunst, daher rühren die von Burckhardt hervor-
gehobenen klassischen Elemente in seinen Bildern,
z. B. die unter dem Barockprinzip der Bewegung
verborgene Symmetrie, welche aus geistigen und
malerischen Äquivalenten besteht. Darum ist er ein
Maler unter den Malern geworden in demselben
hohen Sinne wie die besten Venetianer, Velasquez
und die Holländer, darum vermochte er die Formen-
kenntnis der Italiener mit der malerischen Begabung
und der Qemütstiefe der Nordländer so harmonisch
zu vereinigen. Auch hat er die Barockelemente nach
ihrer edelsten Seite aufgefasst und ausgebildet. Nie-
mals ist sein Naturalismus, die Unmittelbarkeit in
der Wiedergabe der Natur und die Natürlichkeit des
Geschehens, niedrig, und niemals greift er dabei zu
kleinlichen Mitteln. Das Prinzip der Bewegung führt
er zu klassischer Meisterschaft im Momentanen, nie-
mals ist die Flüchtigkeit des Augenblicks überzeugen-
der dargestellt worden als durch ihn. Seine grösste
That aber ist, dass er dieses Prinzip und das andere:
die Anwendung des Affektes, in wahrhaft dramatische
Handlung umsetzt; von der edelsten Seite werden
wir daran erinnert, dass jenes Zeitalter das des
Theaters war.

Der innere Zwiespalt, dass Burckhardt mit Hint-
ansetzung seines sonstigen ästhetischen Glaubens-
bekenntnisses sich bei Rubens für alles begeistert,
hat ihm die souveräne Ruhe geraubt, mit der er
sonst den Werken der Kunst gegenübertritt, um ihnen
als Historiker ihre tiefsten Bezüge abzulauschen und
sie in die geschichtliche Entwicklung gebührend ein-
zuordnen. Deshalb macht das Buch auch schrift-
stellerisch nicht den harmonischen Eindruck wie seine
übrigen Werke. Gewährt doch auch die Form wie
der Inhalt schon von vornherein eine Überraschung.
Wir finden hier nicht den gewohnten Lapidarstil, die

gedrängte Kürze, die wuchtigen Sätze, die wie Über-
schriften von Kapiteln wirken und häufig genug Stoff
für den ganzen Inhalt von solchen enthalten. Burck-
hardt zeigt sich hier als behaglicher Plauderer. Es
will uns aber scheinen, als wenn er in diesem neuen
Stil weniger glücklich ist als in dem früheren, ja es
macht sich zuweilen eine leise Manieriertheit im Aus-
druck geltend. Aber auch hier findet man zahlreiche
Goldkörner von bekanntem Schwergewicht und be-
kannter glänzender Form, gedrungene Sätze, welche
an die gedankliche Wucht des „Cicerone" und der
„Kultur der Renaissance« erinnern.

M. G. ZIMMERMANN.

BÜCHERSCHAU.

Domenico Anderson: Katalog II, Florenz; Kata-
log III, Mantua und Padua. Dem römischen Kataloge
Anderson's sind jetzt die Kataloge von Florenz, Mantua und
Padua gefolgt. Es ist mit Freuden zu begrüssen, dass der
verdiente Photograph im letzten Sommer vor allem Florenz
für seine Arbeiten ins Auge fasste. Wenige thun es An-
derson gleich in der Wahl der Details bei den grossen
Freskencyklen, in der Sorgfalt, mit welcher jede einzelne
Photographie zu einem Kunstwerk gemacht wird, ohne durch
Retouchen ihren Wert zu beeinträchtigen. Die Bronzethüren
Ghiberti's liegen in Einzel- und Gesamtaufnahmen vor und
sind in einem Bronzeton zu haben, welcher das Original
aufs treueste wiedergiebt. Sonst sind die Skulpturen noch
schwach vertreten, doch soll die Lücke gleich im nächsten
Sommer ausgefüllt werden. Der Schwerpunkt der neuen
Sammlung liegt in den Freskencyklen der Brancacci-Kapelle
und des Chors von S. Maria Novella. Die gewissenhaftesten
Aufnahmen, die wundervollsten Details in allen Formaten
geben die treueste Wiedergabe der leider zum Teil schon
arg zerstörten Originale. Die Köpfe aller berühmten Per-
sönlichkeiten beider Kapellen sind mit Verständnis ausge-
wählt; die Frauengestalten der Tornabuoni-Kapelle entzücken
in den herrlichen Folioaufnahmen fast wie die Originale.
Auch die Capelle degli Spagnuoli liegt vollständig vor und
das Kreuzigungsfresko Perugino's in S. Maddalena de' Pazzi.
Aus dem Kloster San Marco ist vor allem eine Aufnahme
in Folioformat der Kreuzigung von Fra Angelico hervor-
zuheben, wie sie schöner nicht gedacht werden kann. Nicht
weniger gelungen ist die Aufnahme der Pallas, welche den
Kentauren züchtigt, der wiedergefundene Botticelli im Palazzo
Reale. Dann sind endlich Akademie, Palazzo Pitti und
Uffizien vervollständigt worden, so dass die bedeutenderen
Werke selbst in mehreren Formaten zu haben sind. In
Mantua ist nun die Camera degli sposi aufgenommen wie
niemals vorher; allerdingszunächstnurim Normalformat. Man
muss diese Detailaufnahmen, diese Köpfe der Gonzaga und
ihrer Höflinge gesehen haben, um sich eine Vorstellung
machen zu können von dem, was ein moderner Photograph
leisten kann. Ebenso gelungen sind die Fresken Mantegna's
in den Eremitani in Padua und die reichen Skulpturen-
schätze des Santo. Im nächsten Sommer haben wir zunächst
in Florenz die Skulpturen und die zahlreichen Kirchenbilder
zu erwarten, dann die Kirchen und Museen von Brescia
vielleicht und Bergamo und endlich, wenn die Zeit reicht,
die Handzeichnungen der Ambrosiana, nach neuem photo-
graphischen Verfahren aufgenommen. Gewiss, der Sonnen-
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