Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG, Gartenstrasse 17.

Neue Folge. X. Jahrgang. 1898/99. Nr. 10. 29. Dezember.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin W., Heinrich Kiepertstrasse 84 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monatenjuli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von H aasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE CRANACH-AUSSTELLUNG (DRESDEN 1899)
UND DIE PSEUDOGRÜNEWALD-FRAGE.
VON KARL WOERMANN.

Dürer und Holbein sind ihrer Entwicklungs-
geschichte und ihrem eigenhändigen Malwerk nach
weit besser bekannt, als Lucas Cranach d. Ä., der,
wenn man auch Grünewald oder Grien für grössere
Künstler halten mag als ihn, an Ansehen und Ein-
fluss bei Mit- und Nachwelt doch nach wie vor an
dritter Stelle unter den grossen deutschen Meistern
der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts genannt werden
muss. Da Lucas Cranach's frühestes beglaubigtes
Werk, seine herrliche Ruhe auf der Flucht bei Herrn
Generalmusikdirektor Levi in München, die Jahres-
zahl 1504 trägt, also aus seinem 32. Lebensjahre
stammt, sind wir für seine ganze frühere Entwicklung
lediglich auf Vermutungen angewiesen. Da er auch
in den nächsten beiden Jahrzehnten seines Lebens nur
verhältnismässig wenige seiner Bilder mit seinem
Werkstattzeichen und der Jahreszahl bezeichnet, vor
allen Dingen die eigentlichen Altarwerke, wohl aus
einer gewissen frommen Scheu, niemals mit seinem
Zeichen versehen hat, so sind allen Zweifeln an der
Urheberschaft der Kirchenbilder, die ein mehr oder
minder deutliches Cranach'sches Gepräge zeigen,
von vornherein Thür und Thor geöffnet; und da
Lucas Cranach in seiner späteren Lebenszeit alle Ge-
mälde, die aus seiner Werkstatt hervorgingen, einerlei
ob er selbst oder ob nur einer seiner Schüler oder
Gehilfen sie ausgeführt, mit dem Werkstattzeichen,
der geflügelten Schlange, versah oder versehen Hess,
so tritt bei jedem, auch anscheinend dem bestbe-
glaubigten Bilde des Meisters die nur durch „ innere
Gründe" zu entscheidende Frage, ob er es selbst ge-

malt habe oder ob es nur Werkstattsarbeit sei, mit
ungewöhnlicher Schärfe hervor.

Die Berechtigung, ja Notwendigkeit einer Cranach-
Ausstellung, die die Entscheidung wenigstens einiger
dieser Fragen fördern muss, wurde daher schon
seit Jahrzehnten von der deutschen Kunstforschung
empfunden. Der Verfasser dieser Zeilen hätte sich
schon seit 1882 mit dem Gedanken getragen, eine
Ausstellung Cranach'scher Gemälde in Dresden zu
veranlassen. Aus verschiedenen Gründen verschob
sich die Ausführung, bis ihm jetzt von der Gesamt-
leitung der „Deutschen Kunstausstellung Dresden
1899" nahe gelegt wurde, die Leitung einer Cranach-
Ausstellung im Rahmen dieser grossen Ausstellung zu
übernehmen, die vom 20. April bis zum 15. September
1899 dauern wird. Gerade dieser Rahmen bot viel
zu viele Vorteile, als dass die sich darbietende Ge-
legenheit, die Cranach-Ausstellung ins Leben zu rufen,
nicht dankbar hätte ergriffen werden sollen. War doch
auch anzunehmen, dass der grosse und der kleinere Saal,
die ihr im Ausstellungsgebäude zur Verfügung ge-
stellt wurden, ausreichen würden, die in Betracht
kommenden Cranach'schen Bilder aufzunehmen! Nach-
dem nunmehr beinahe alle Antworten auf die er-
gangenen Einladungen erfolgt sind und sich übersehen
lässt, welchen Umfang die Cranach-Ausstellung an-
nehmen wird, stellt sich, dank der grossen Bereit-
willigkeit fast aller Fürsten, Behörden, Kirchenge-
meinden, Museumsverwaltungen und Privatbesitzer, die
Cranach-Ausstellung zu unterstützen, allerdings heraus,
dass wegen Raummangels — denn eine nachträgliche
Vermehrung der Räume erweist sich als unthunlich —
auf die Annahme einiger Bilder verzichtet werden
muss, deren Ausstellung aus dem einen oder dem
anderen Grunde hätte wünschenswert erscheinen
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