Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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können. Lucas Cranach d. J. wird, wenn überhaupt,
nur mit einem oder zwei Bildern vertreten werden
können, und die gleichzeitige Ausstellung von Zeich-
nungen und Aquarellen Lucas Cranach d. Ä. muss
dem Kgl. Kupferstichkabinet überlassen werden. In-
dessen stellt sich bei näherer Überlegung heraus,
dass gerade die notwendige Beschränkung der Cranach-
Ausstellung ihr wahrscheinlich zum Vorteil gereichen
werde. Durfte doch gerade innerhalb einer Kunst-
ausstellung der wissenschaftliche Charakter der Aus-
stellung nicht auf Kosten ihres künstlerischen Ein-
drucks betont werden! Hätte man sich dem künstle-
rischen Eindruck zuliebe doch unter allen Umständen
entschliessen müssen, auf eine Zusammentragung aller
Werkstattsbilder oder auch nur aller Werkstattswieder-
holungen bekannter Cranach'scher Darstellungen zu
verzichten und sich auf die Zusammenstellung der
besten und daher in der Regel der eigenhändigen
Exemplare jeder Darstellung zu beschränken! Und
konnte dies doch auch um so eher geschehen,
als über die spätere Entwicklung des Meisters und
selbst darüber, welches die besten Exemplare der
späteren Darstellungen sind, kaum eine Meinungs-
verschiedenheit herrscht!

Vor allen Dingen galt es einerseits, gute, be-
zeichnete und datierte Werke aus allen Lebensjahren
des Meisters zusammen zu bringen, um an ihnen
seinen ganzen Entwicklungsgang zu veranschaulichen,
andererseits aber den wissenschaftlichen Zweck der
Cranach-Ausstellung vor allen Dingen in die Ermitt-
lung der vielumstrittenen Entwicklung der ersten fünfzig
Lebensjahre des Meisters zu verlegen und daher für
diese Zeit und aus dieser Zeit auch umstrittene Bil-
der Cranach'schen Gepräges herbeizuschaffen. Dieses
ist denn auch, wenn nicht alles täuscht, in einem ge-
nügenden Masse gelungen. An 170 Bilder wird die
Cranach-Ausstellung umfassen: dazu die Photographien
der wichtigsten Gemälde, deren Originale nicht zu
erlangen waren; und die Holzschnitte und Stiche,
soweit sie für unsere Kenntnis der Formensprache des
Meisters in den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jahr-
hunderts von entscheidender Bedeutung sind. Viel
mehr von Cranach's oder seiner Schüler oder Zeit-
genossen Hand zusammenzutragen, hätte wahrschein-
lich nicht günstig gewirkt, wenn auch unbeschränkter
Raum zur Verfügung gestanden hätte.

Aus dem Gesagten geht hervor, dass der Dresdner
Cranach-Ausstellung des Jahres 1899 von vornherein
etwas andere Ziele gesteckt waren, als der herrlichen
Amsterdamer Rembrandt-Ausstellung des Jahres i8g8.
Lag das Hauptgewicht der Rembrandt-Ausstellung auf
der Zusammenstellung von Meisterwerken aller Lebens-
zeiten des grossen Holländers, die in entlegenen oder
nicht allgemein zugänglichen Sammlungen bisher mehr
oder weniger im Verborgenen geblüht hatten, so muss

das Hauptgewicht der Dresdner Cranach-Ausstellung
einerseits darauf gelegt werden, das künstlerische Ge-
samtbild des Meisters durch die Zusammenstellung
seiner besten und berühmtesten Bilder zu vertiefen
und von den Schlacken des Werkstattsguts gereinigt
zu zeigen, anderseits aber auf die Entscheidung der
Streitfragen über die Entwicklung des Meisters bis zur
Reformationszeit fallen.

Hierin liegt, dass bekannte, an öffentlichen und
zugänglichen Stellen aufbewahrte Bilder von der
Cranach-Ausstellung in weit höherem Masse heran-
gezogen werden müssen, als dies in den Aufgaben
der Rembrandt-Ausstellung lag; und es darf jetzt schon
verraten werden, dass die Heranziehung von Werken
in öffentlichem Besitz, dank dem grossen Entgegen-
kommen, das das Unternehmen überall gefunden, in
einem bisher noch kaum erreichten Masse gelungen
ist. Weitaus die meisten protestantischen Kirchen des
Königsreichs und der preussischen Provinz Sachsen
werden ihre Cranach'schen bezw. Pseudogrünewald-
schen Bilder schicken; auch die katholischen Dome
von Breslau und Glogau, denen Erfurt sich wahr-
scheinlich anschliessen wird, haben die Hergabe
ihrer berühmten frühen Bilder Cranach's bereitwilligst
zugesagt. Die Stiftskirche zu Aschaffenburg wird
ausser ihrer Höllenfahrt Christi von Cranach und ihrem
früher Grünewald zugeschriebenen Flügel mit dem
hl. Valentin auch ihr echtes Bild Grünewald's, das
zum Vergleich willkommen sein wird, nach Dresden
schicken. Von den Sammlungen gekrönter Häupter
und fürstlicher Familien werden diejenigen S. M. des
deutschen Kaisers, S. M. des Kaisers von Russland
(Ermitage), S. Kgl- Hoheit des Grossherzogs von
Hessen, S. Kgl. Hoheit des Herzogs von Coburg-
Gotha, S. Hoheit des Herzogs von Anhalt (Wörlitz),
S. Durchlaucht des Fürsten von Liechtenstein und
S. Durchlaucht des Fürsten von Fürstenberg (Donau-
eschingen) sicher vertreten sein. Andere Zusagen
stehen noch in Aussicht. Auch S. Kgl. Hoheit der
Prinz Georg von Sachsen wird einige treffliche Werke
Cranach's ausstellen. Von den öffentlichen Staats-
sammlungen haben, abgesehen von den selbstverständ-
lich beteiligten Dresdner Sammlungen, Zusagen ge-
sandt z. B. die Nationalgalerie zu Budapest, die Kgl.
Museen zu Berlin, die Filialgalerien der Kgl. Bayr.
Staatssammlungenzu Schieissheim, Augsburg, Aschaffen-
burg, die Grossherzogl. Sammlungen zu Weimar,
Schwerin, Karlsruhe und Darmstadt, die Herzogl.
Sammlungen zu Braunschweig und zu Gotha. Die
Ermitage zu St. Petersburg, die Galerien zu Donau-
eschingen und zu Wörlitz sind bereits genannt worden.
Von den städtischen Sammlungen werden vertreten
sein z. B. diejenigen zu Leipzig, Magdeburg, Aachen,
Köln a. Rh., Frankfurt a. M., Strassburg i. E., Augs-
burg, Bamberg. Auch die Sammlungen zu Tübingen
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