Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Die Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam.

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Um so begeisterter war die Anerkennung so
mancher grossen Hauptwerke, die vielen gänzlich un-
bekannt bisher geblieben. Worte lebhaftesten Dankes
und lauter Bewunderung wurden den Herren Dr.
Bredius und Dr. Hofstede de Groot gewidmet, die
um dieses Unternehmen so grosses Verdienst sich
erworben und diese stattliche Sammlung von 124 Ge-
mälden und 350 Handzeichnungen Rembrandt's hier
zusammengebracht hatten.

Darunter z. B. aus der Frühzeit das grosse Bild
der Slg. Schickler-Paris, »Judas giebt die Silberlinge
zurück", und das im Ausdruck und der Komposition
merkwürdige der Mde. Andre-Jacquemart „Christus in
Emmaus". Ferner von 1632 die Judenbraut (Slg.
Prinz Liechtenstein), ausgezeichnet durch die Schönheit
und Wärme des Kolorits bei sauberster Durchführung,
der „junge Mann, vom Stuhle aufstehend« (Slg. Edm.
de Pourtales, Paris), mit seiner für ein Porträt unge-
wöhnlichen Bewegung. Ferner das schon erwähnte
Bild Diana, Aktäon und Callisto von 1635 (Slg.
Salm-Salm, Anholt), Porträt einer alten Frau (Slg.
Sanderson, Edinburg) von 1635, der sogenannte Bürger-
meister Pancras mit Frau aus Buckinghampalast, die
Landschaft mit dem barmherzigen Samariter des
Museums Czartoryski, Krakau, das grosse Stillleben
mit toten Pfauen von W. C Cartwright, Aynhoe Park,
ein brillantes Damenbildnis von 1642 (Lord Iveagh,
London), die sogenannte Frau des J. C. Sylvius (Slg.
Capt. Holford), der ausgeweidete Ochse der Glasgow-
Galerie, der imposante „Mann in Rüstung" (um 1654)
derselben Sammlung, das Porträt des jungen Titus von
1655 (Earl of Crawford), das neu entdeckte, ganz über-
raschende Reiterbildnis eines polnischen Kavaliers vom
Regiment Lysowsky (Slg. Graf Tarnowski, Dzikow,
Galizien), die Anatomie des Dr. Deyman, die Nägel-
schneiderin von 165S (Slg. R. Kann, Paris), der blutige
Rock Josephs von 1647 (Earl of Derby), das Blumen
tragende junge Mädchen (Earl of Spencer). Ich habe
herausgegriffen, was mir gerade besonders lebhaft in
Erinnerung kam.

Die grösste Überraschung aber war wohl allen
durch die Neuaufstellung der „Nachtwache" bereitet,
die hier, von vollem Seitenlicht, das gegen den Be-
schauer abgeblendet war, getroffen wurde, und nun
plötzlich als „Tagwache" sich darstellte, umflutet vom
hellsten Lichte in wunderbar warmem Glänze, in dem
alle Gestalten völlig plastisch hervortraten, Frans
Banning Cocq und Willem van Ruytenberg geradezu
aus dem Bilde herauszuschreiten schienen, und bis in
den tiefsten Hintergrund alle Gestalten deutlich sich
abhoben.

Hier sah man evident, dass Cuypers, als er
im Rijksmuseum den Prunksaal mit seinem dumpfen
Lichte für dies Meisterwerk schuf, einen der grössten
Missgriffe begangen hat, und dass Holland sich an

j Rembrandt versündigen würde, wenn es die Nacht-
j wache wieder in jener Dunkelkammer begräbt.

Schliesslich stand noch der Besuch der „Trachten-
ausstellung" im Städtischen Museum den Kongress-
mitgliedern frei und bot kulturgeschichtlich viel An-
regung. Allein mit Recht bemerkte ein Landeseinge-
sessener „Von jenem Paradies von Farbe und Licht
(Rembrandt) so plötzlich die aangekleede poppen te
bekyken, is dan 00k „al te", ist allzuviel verlangt".

Abends erfolgte ein Empfang der Mitglieder des
Kongresses durch den Gemeentebestuur (Gemeinderat)
im Stadthause, wobei Prof. Dietrichson eine poetische
Ansprache mit feinen Anspielungen auf die jugend-
liche Königin Hollands hielt, worauf bei einem
dargereichten Ehrentrunk Hollands Wohl gefeiert
wurde. M. SCH.

DIE REMBRANDT-AUSSTELLUNG
IN AMSTERDAM.

Die Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam, welche
am 31. Oktober unwiderruflich geschlossen wird, hat
sich zu einem grossartigen Ereignis auf kunstwissen-
schaftlichem Gebiete gestaltet. 125 Bilder des Meisters
werden wohl kaum je wieder zusammen ausgestellt
werden. Man sieht dort Gemälde aus allen Perioden,
bedeutende und schöne Werke. Von dem um 1627
gemalten kleinen Philosophen aus der Sammlung
Mayer in Wien und der 1628 datierten „Gefangen-
nahme" des deutschen Kaisers an, bis zu dem 1667
gemalten Greis des Earl von Northbrook in London,
finden sich Bilder in allen Arten und Malweisen
dieses Grössten aller Künstler, die den Pinsel führten.
Selbst Landschaften und Stilllebcn von Rembrandt,
welche beide so selten sind, giebt es hier zu sehen.

Mit nicht genug zu lobender Bereitwilligkeit haben
Fürsten, mit dem Kaiser von Deutschland, der Königin von
England und dem Grossherzoge von Sachsen-Weimar
an der Spitze, Museen, wie Amsterdam, Rotterdam, Glas-
gow, Kopenhagen, Krakau, Karlsruhe, Schwerin, Leipzig,
Aschaffenburg, Strassburg, Metz u. s. w., ihre Schätze
nach Amsterdam geschickt. Eine Anzahl der vor-
nehmsten Besitzer von Rembrandt's in England, Frank-
reich und Deutschland folgten diesem Beispiele, und
so ist eine wunderbare Auslese von Meisterstücken
Rembrandt's zusammengekommen.

Die Stadt Amsterdam hat ihre drei Rembrandt's,
die sogenannte „Nachtwache", die „Judenbraut" und die
„Staalmeesters" zum erstenmal in ihrem eigenen
Museum ausgestellt und zwar sehr zu Gunsten
dieser Bilder. Besonders die „Nachtwache", aus dem
finsteren, grauen, ungemütlichen, viel zu hohen und
viel zu grossen Raum im Rijks-Museum befreit, leuchtet
uns jetzt herrlich entgegen in dem einfachen, aber von
warmem Seitenlicht beschienenen Zimmer, worin sie bis
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