Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstrasse 15.

Neue Folge. X. Jahrgang.

1898/99.

Nr. 19. 23. März.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin W., Heinrich Kiepertstrasse 84 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, 330 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haas en-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

WIENER KORRESPONDENZ.

Drei „Landschafter" haben wir in Wien gleich-
zeitig studieren können, welche untereinander wenig
Berührungspunkte aufweisen, einen Süditaliener,
Michetti, und zwei Österreicher, Hörmann und Tina Blau.

Über Francesco Paolo Michetti hat die Kunst-
chronik bereits gelegentlich seiner Ausstellung in Berlin
berichtet (Nr. 10). Wir können uns also kurz fassen.
Er hat die Wiener durch seine Bravour in Erstaunen
gesetzt. Eigentlich ist der Ausdruck „Landschafter"
nicht umfassend genug für Michetti, weil er mit
Sicherheit auch alles Figürliche löst. Dennoch ist die
Landschaft die Grundnote seines Wesens, und sein
Feinstes und Vornehmstes giebt er darin. Es sind
meistens Skizzen und Studien, aber mit raffinierter
Geschicklichkeit und technischer Souveränität, ver-
bunden mit natürlichem Geschmack hingezaubert. Es
ist etwas Willkürliches, Übermütiges darin, ein Spielen
mehr als ein Ringen mit der Natur. Pastellstift und
Guasche lösen jede Aufgabe mit Sicherheit. Alles in
allem ist Michetti ein den Durchschnitt der modernen
italienischen Malerei weit überragender Künstler. An
ihm erfrischt und erfreut das Unmittelbare, Volks-
tümliche, Humorvolle und Kerngesunde, das das Leben
und die Gestaltenwelt unbekümmert aufnimmt, scharf
beobachtet, glänzend darstellt und ohne mystischen
Gedankenrest aufgehen lässt.

Der Zweite, in den letzten Tagen so viel Ge-
nannte, war Theodor von Hörmann, der ehrliche, un-
ermüdliche Vorkämpfer der Wiener Secession. Ge-
kämpft hat er viel, aufreibend und sich nie genug
thuend. An der Arbeit selbst ist er zu früh gestorben,
noch ehe er eigentlich fertig war mit seiner Aufgabe.
Wer ihn gesehen hat, wie er um die Natur rang, wie

er seine Winterbilder draussen im Schnee, seine Fluss-
studien buchstäblich bis an die Knie im Wasser
stehend malte, der musste Respekt vor solcher Hin-
gebung haben. Es lag etwas Tragisches in diesem
Kampfe; denn um die Anerkennung hat Hörmann in
Wien Zeit seines Lebens vergeblich gerungen. Nun
ist sie ihm in vollem Masse geworden. Die von der
»Vereinigung bildender Künstler Österreichs", die ihm
ein dankbares Angeden en bewahrt, veranstaltete Ver-
steigerung seines Nachlasses ergab ein sehr günstiges
Durchschnitts- und Gesamtresultat, wenn auch einzelne
sehr hohe Preise, trotz der gut vorbereiteten Reklame,
nicht erzielt wurden. Kein Stück blieb unverkauft.
Den im ganzen recht bedeutenden Ertrag hat die
Witwe Hörmann's im Sinne des Verstorbenen für
eine künstlerische Stiftung bestimmt. Dadurch ist der
Gedanke an die Gründung einer zeitgenössischen
Galerie österreichischer Meister (Hörmann's Lieblings-
gedanke in den letzten Jahren seines Lebens) wieder
in den Vordergrund getreten. Nach den für die Idee
eintretenden Stimmen zu urteilen, welche auch in der
Presse wieder laut werden, steht ihre Verwirklichung
vielleicht in nicht zu ferner Zukunft, da auch die
Secession geschlossen für den Plan wirkt und eintritt.
So scheint es, dass die modernen Kunstverhältnisse
hier jetzt immer stärker „in Fluss kommen", seitdem
das Eis einmal gebrochen ist. An Talenten und
frischen Trieben fehlt es nicht mehr. Man darf
der Entwicklung jetzt mit wirklichem Interesse ent-
gegensehen. Am meisten werden die um die Mitte
des März in Aussicht gestellten Darbietungen der
Frühjahrsausstellungen Gelegenheit zu Beobachtungen
und Vergleichen bieten, zwischen dem Künstlerhaus
und der so rührigen Secession auf dem Getreidemarkt,
deren Pforten zur Vorbereitung für das „grosse Er-
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