Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Die Sammlung Hayem im Luxembourg-Museum.

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Zeugnisse eines kerngesunden Nachwuchses in Deutsch-
land. Ach, hätten wir doch so viel strotzendes Talent
in Österreich.---

Im Österreichischen Museum für Kunst und In-
dustrie hat Hofrat von Scala die preisgekrönten Ar-
beiten der englischen Schools of arts and crafts aus
South Kensington ausgestellt. Eine tüchtige Sammlung
von Teppich-, Tapeten-, Stickerei- und anderen Ent-
würfen, die einen Begriff geben von dem Stand des
kunstgewerblichen Studiums und dem Grad der Be-
teiligung, dessen es sich in England erfreut unter den
Mittelklassen. Da sind vor allem Erfindungen von
Mustern, die ein hohes und starkes Stilgefühl verraten
im Gebiet der weiblichen Handarbeit und der deko-
rativen Verwertung der Pflanze. Einige von diesen
Sachen sind — wie die von der originell begabten
Jessie King — schon in „The Studio" reproduziert
worden. Wie die englischen Möbel liefern auch diese
Muster wertvolles Studien- und Anschauungsmaterial
für die hiesigen Kreise der Künstler und des Publikums.

Die Vereinigung bildender Künstler Österreichs
(Secession) bringt uns Ausländer: Raffaelli, Walter
Crane, Felicien Rops, Meunier und den genialen
Pointillisten Theodor von Rysselberghe. Ob dieser
feine Lichtprismatiker sich nun Pointiiiist oder Neu-
impressionist nennt, thut nicht viel zur Sache. Ein
Künstler ist er jedenfalls, von feinstem Empfinden und
geistvoller Anschauung. Paul Lignac, dessen Porträt
(am Steuereines Segelbootes in der Sonne sitzend) aus-
gestellt ist, hat in der Zeitschrift „Pan" seine Erklärung
über die Technik dieser Maler und ihre Bedeutung
auseinandergesetzt. So kann ich mir hier die Worte
sparen und nur sagen, dass ich allen unseren deutschen
Experimentatoren ein solches Können wünsche, wie es
dieser Flame besitzt.

Die Bedeutung von Meunier's Bronzen ist genug-
sam bekannt. Einige der besten sind hier jetzt aus-
gestellt. Raffaelli begrüsst man immer gern wieder.
Er ist der Maler des „kleinen Paris« und der Dichter
der trüben Tage und der flachen Horizonte. Einiges
war schon früher in Wien zu sehen, manche Blätter
aber sind neu.

Walter Crane hat Sachen ausgestellt, die ihn nicht
gerade von seiner vorteilhaftesten Seite zeigen, und
Rops nimmt einen kleinen Raum für sich ein, der
es gestattet, ihn mit jener Intimität zu studieren, die
er verlangt, wenn man ihn verstehen und geniessen
will. Es sind einige sehr ausgewählte und seltene
Blätter unter den gebotenen, auch mehrere der all-
bekannten darunter.

Nun zu Klinger's „Christus im Olymp", der
die Rückwand des Hauptsaales einnimmt. Enttäuscht
das grosse Bild in der Farbe, so können die herrlichen
zwei Plastiken am Fusse des Rahmens dafür ent-
schädigen. Hier ist Klinger ganz er selbst. Das

Arrangement der Aufstellung verdient uneingeschränktes
Lob. Der Architekt Josef Hoffmann zeigt sich hier
in bestem Lichte. Nicht leicht kann ein Bild so vor-
teilhaft zur Geltung kommen, wie hier das Klinger'sche.
Eine Doppelreihe von Lorbeerbäumen leitet von der
Eingangsthür durch den Hauptsaal auf das Bild zu.
Originell erfundene Möbel, Stühle und Wandbeklei-
dungen, eine ausgiebige Verwendung von Draperien
in Dunkelblau, mit hellblauen Kontrasten, grosse ruhige
Formen und Tonwirkungen geben dem Ganzen einen
vornehmen, exklusiven Charakter und zeigen die deko-
rative Empfindung, sowie die Fähigkeit, einen Raum
einzuteilen in richtigen Verhältnissen. Als dekorativer
Architekt steht Hoffmann's Talent über dem Durch-
schnitt und durchaus nicht hinter dem Josef Olbrich's
zurück. S CHOL ERM A NN.

DIE SAMMLUNG HAYEM IM LUXEMBOURG-
MUSEUM.

Am 31. Januar ist in dem Saale des Pariser
Luxembourg-Museums, der bisher den Werken des
Kupferstechers Gaillard eingeräumt war, die Aus-
stellung der Gemälde und Handzeichnungen eröffnet
worden, welche der Kunstfreund Charles Hayem im
vorigen Jahre dem Staate geschenkt hat. Die Museums-
leitung kann sich zu dieser hochherzigen Schenkung
nur Glück wünschen. Unter den zweiundvierzig
Werken besitzen mehrere einen ganz hervorragenden
Kunstwert und befindet sich kaum eins, das erheblich
unter dem Durchschnittsniveau des Museums stünde.
Den Kern der Sammlung bilden vierzehn Aquarelle
Gustave Moreau's. Sie werden eine wertvolle Er-
gänzung zu den Schätzen des Moreau-Museums bilden,
das nach langwierigen Verhandlungen demnächst nun
wirklich der Öffentlichkeit übergeben werden soll.
Denn so ungeheuer gross dort die Fülle der Zeich-
nungen, Entwürfe, Kartons, Öl- und Aquarellskizzen
ist, und so interessant diese für das Studium der un-
erschöpflichen Gestaltungskraft dieses eigentümlichsten
aller modernen französischen Maler sind, so sehr fehlt
es dort an vollendeten Werken. Moreau hat über-
haupt nur eine beschränkte Anzahl von Gemälden
völlig ausgeführt, und diese sind fast ausnahmslos in
schwer zugänglichen Privatsammlungen zerstreut. Das
bedeutendste unter den Aquarellen ist die berühmte
„Erscheinung" aus dem Jahre 1878, von der Ary
Renan in seiner Studie in der Gazette des Beaux-Arts
eine so glänzende Schilderung entworfen hat. Etwas
schwächer ist der gegenüberhängende „Sturz des
Phaeton". Löwe und Skorpion fahren aus dem Tier-
kreis auf den waghalsigen Jüngling los, der mit seinem
Viergespann in den Abgrund stürzt. Die Hauptgestalt
ist etwas kleinlich, vor allem aber stimmen die grellen
Farben — der ultramarinblaue Himmel, die Schwefel-
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