Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

Page: 291
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1899/0154
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
ßücherschau.

292

eignis" momentan geschlossen sind. — Das Künstler-
haus hat, nach dem Schluss der Skizzen- und Studien-
ausstellung, ebenfalls die „inneren Arbeiten zur Aus-
stellung" begonnen.

Mittlerweile hat Frau Prof. Tina Blau im Kunst-
salon Pisco ihre Separatausstellung eröffnet, die sehr
heimatlich und erfreulich wirkt und den vollen Erfolg
verdient, der ihr zu teil wird. Es sind Landschaften,
Skizzen und Studien aus allen Jahrgängen von Ungarn,
bis Holland und — Wien. Die trefflichen Prater-
bilder stehen in erster Reihe, darunter auch das erste
grosse Gemälde,»Frühlipgstag im Prater", welches seiner
Zeit mit Mühe und Not die Jury in Wien passierte, um
gleich darauf in Paris auf dem Salon die „mention" zu
bekommen. Es ist noch heute so leuchtend und wahr
in der schlichten, poetischen Lokalstimmung wie am
ersten Tag. Der Grundzug in den besten Arbeiten
Tina Blau's ist der feine verklärte Realismus und die
gemütvolle Hingebung an die heimatliche Natur,
welche etwas Volksliedartiges in sich trägt. Sie ist
mit dem Prater, wo ihr Atelier zwischen Bäumen
herausleuchtet wie ein kleiner Tempel, zu inniger
Gemeinschaft verwachsen. Und darum ist auch
alles so echt, was sie von ihm zu geben hat. Die
Wiener haben ihre wienerischeste Künstlerin bisher ver-
hältnismässig wenig gewürdigt; ihre Arbeiten wurden
draussen stets besser geschätzt als daheim. Jetzt, in
dieser Zusammenstellung, haben die Einheimischen
Gelegenheit, sie einmal ordentlich kennen und lieben
zu lernen.

Im Österreichischen Museum für Kunst und In-
dustrie hat Hofrat von Scala nach den kunstgewerb-
lichen Arbeiten von South Kensington eine hoch-
interessante Zusammenstellung von Spitzen zur Aus-
stellung gebracht, an denen die historische Entwicklung
der Klöppel- und Nähspitzen studiert werden kann.
Es ist ein fesselndes Bild, vom Altertum (den Netz-
arbeiten aus Ägypten) bis auf den heutigen Tag,
Italien, Frankreich, die Niederlande, Spanien, Deutsch-
land und schliesslich die slovakische Hausindustrie,
Russland und die Türkei. Der Kustos der Textil-
abteilung, Dr. Dreger, wird zum erstenmal in um-
fassender Weise einen wissenschaftlichen Katalog im Auf-
trag der Museumsleitung und eine durch vergleichende
Forschung verbesserte Geschichte der Spitze verfassen,
an der Hand der gegenwärtigen und noch in Aus-
sicht genommenen, periodisch wiederkehrenden Vor-
führungen, welche Hofrat Scala in den Räumen des
Kunstgewerbevereins arrangieren will.

Wir sehen hier zunächst in klarer, übersichtlicher
Anordnung den Entwicklungsgang, den die Spitze
durchgemacht hat, von den ersten, frühen Anfängen,
dann zuerst in vollendeter Schönheit in Italien, wo
der Kulminationspunkt in der venezianischen Relief-
und Rosenspitze erreicht wird. Dann übernimmt Frank-

reich die Führung, während gleichzeitig die Genueser
Klöppelspitze erblüht. Flandern bringt die höchste
Verfeinerung in Verbindung mit Frankreich zu stände.
Point de France, die dArgentanspitzen, die Brüsseler
Points, die ganze Stilperiode wird durchlaufen, von
der Pracht des vierzehnten Ludwig bis zum leicht-
geschürzten, prickelnden Rokoko und zum feinsten,
leichtesten Malines- und Valenciennes-Erzeugnisse.
Daneben die Point de Sedan, de Lille, daneben auch
die schwerere irländische „Häkelspitze" und die
Klöppelspitzen aus dem sächsischen Erzgebirge. Kein
Stil, den man nicht in diesen zarten, schleierhaften
Geweben wiederfände, keine nationale Eigentümlich-
keit, keine Mode und Zeitströmung, die nicht darin
zum Ausdruck gelangte.

Die Entwicklung der Spitzenkunst durch genaue,
systematische Durcharbeitung des Gegenstandes fest-
zustellen, ist eine interessante, dankenswerte Aufgabe.
Das Ineinanderfliessen und Übergehen der einzelnen
Phasen, das Wiederaufnehmen älterer, fremder An-
regungen und Weiterbilden der Typen, die Beziehungen
und Verwandtschaften zu ergründen und klar zu legen,
erfordert eine gründliche und eingehende Arbeit.

Wir dürfen der Leitung des Museums für die
gegebene Anregung und die in Aussicht genommene
Arbeit Dank wissen. w. SCH.

BÜCHERSCHAU.

t Trifolium. Moritz Leiffmann, Engelbert Humperdinck,
Alexander Frenz. Breitkopf & Härtel. Leipzig. 10 M.
Unter dem Titel „Trifolium" ist bei Breitkopf & Härtel
ein Werk erschienen, das, abgesehen von seinem inneren
Wert, schon durch seine geschmackvolle künstlerische Aus-
stattung allgemeine Beachtung verdient. Moritz Leiffmann
hat lyrische Dichtungen verfasst, zu denen Engelbert Humper-
dinck Melodien geschaffen hat, während Alexander Frenz
den ganzen Band mit reizvollen Randleisten und Zeich-
nungen (Vignetten, Textabbildungen und Vollbilder) ge-

j schmückt hat. Für die Güte und Vortrefflichkeit der Her-
stellung bürgt uns schon der Name der altberühmten Ver-
lagsfinna. Das „Trifolium" erscheint übrigens in zwei Aus-
gaben, eine einfachere zum Preis von M. 10 und eine
Prachtausgabe für M. 100. Dieselbe wurde mehrfarbig in
nur 100 numerierten Exemplaren auf echt japanischem

: Papier gedruckt und ist in geschmackvollem Pergamentband
mit künstlerischer Zeichnung gebunden.

Jakob Feis, Wege zur Kunst. Eine Gedankenlese aus
den Werken des John Ruskin. Strassburg, Heitz.
Es ist eine eigentümliche Erscheinung, dass Ruskin ge-
rade jetzt bei uns an Boden gewinnt, wo das L'art pour
1'art-Prinzip ausschliesslich zu herrschen scheint. Ruskin, der
Prediger, der Moralist, der Socialphilosoph, der jedes Kunst-
werk zunächst auf den ethischen Gehalt prüft, und dem
Tenier's Wirtshausscenen deshalb „durchaus gemein und
verwerflich" erscheinen. Das vorliegende Werkchen, mit
dem ich mich im einzelnen, besonders was die Zusammen-
stellung betrifft, nicht immer ganz einverstanden erklären
I kann, ist geeignet dem, der Ruskin noch nicht kennt, ein
loading ...