Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau.

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Modellierung angehörte. In neuerer Zeit hat er sich
dagegen der modernen Richtung angeschlossen, ohne
jedoch auf irgend einem Gebiete festen Fuss gefasst
zu haben, obwohl er sich in Symbolismus, Mysticismus
und Naturalismus — diese Schlagworte drücken hier
wirklich die Sache aus — versucht hat.

Der Marinemaler Hans Bohrdt hat ein doppeltes
Gesicht. Er malt Haupt- und Staatsaktionen, die sich
in alten Zeiten auf hoher See ereignet haben, mit der
Genauigkeit eines Archäologen in allen Einzelheiten,
in den abenteuerlichen Bildungen alter Kriegsschiffe,
ihren schwerfälligen Manövern und ihrer romantisch-
heldenhaften Führung und Entscheidung des Kampfes,
und in seinen unmittelbar nach der Natur erhaschten
Guaschestudien weiss er mit ungewöhnlicher Sicher-
heit auch die leisesten Regungen der Atmosphäre bei
leichtem oder schwerem Seegang, bei dichtem Nebel
oder bei mässiger Bewölkung festzuhalten und für
koloristische Wirkungen ergiebig zu machen. In
gleicher Richtung arbeitet auch der Orientmaler Max
Rabes, der das Glück hat, zur Zeit in Berlin, wo die
Orientmalerei seit sechzigJahren immer in hoher Blüte
gestanden hat, ohne Nebenbuhler zu sein. In seinen
Architekturen, Strassenbildern, Charakterstudien und
Genrescenen hat er bisher meist nur auf das Gegen-
ständliche gesehen, und es ist ihm auch gelungen,
gerade in Genrebildern und Rassetypen dem kolo-
ristischen Glanz und der kraftvollen Charakteristik des
unvergesslichen Wilhelm Gentz nahe zu kommen. Auf
seiner letzten Studienreise, der Palästinafahrt, die er
im vorigen Jahre im Gefolge des deutschen Kaiser-
paares mitgemacht, hat er aber auch den Reiz der
Stimmung schätzen gelernt, soweit man bei einer glühen-
den Sonne, unter der eigentlich nur der aufgewirbelte
Staub die Lichtwirkungen zum Wechsel bringt, von
Stimmung reden kann. Was er neben älteren Studien
von dieser letzten Reise in seiner Sammelausstellung
zur Schau gebracht hat — den Einzug des Kaiserpaares
in Jerusalem, die Truppenrevue in Damaskus u.a.m.—,
ist teils nur flüchtige Skizzenarbeit, teils unfertig oder
doch feinerer Ausführung bedürftig, und ausserdem
verdankt es seine Hauptwirkung dem Gegenstande.
Aber diese offiziellen Schildereien sind in der Ent-
wicklung eines Künstlers Nebensache. Die wichtigste
Frage ist, ob er aus diesen Studien für seine Kunst
etwas Dauerndes, in die Ferne Wirkendes gewonnen
hat, und das wird uns Rabes in den nächsten Jahren
zeigen müssen. —

Ende Juni hat die Berliner Ausstellung noch einen
ungemein wertvollen Zuwachs durch die Kollektiv-Aus-
stellung österreichischer Künstler erhalten, die erst
nach Schluss der Frühjahrsausstellung im Wiener
Künstlerhause frei geworden ist. Da die Auswahl für
Berlin mit grossem Geschick und mit feinem Ge-
schmack getroffen worden ist, müsste sich eine ein-

gehende Würdigung dieser Abteilung zu einer Charakte-
ristik des jetzigen Standes österreichischer Malerei
ausdehnen, die wir uns im Rahmen eines Ausstellungs-
berichtes versagen müssen. Aber soviel muss hervor-
gehoben werden, dass die österreichische Abteilung
sowohl in ihrer Anordnung wie in ihren Einzelheiten,
namentlich durch das von gewaltiger dramatischer
Kraft erfüllte Kolossalbild «Furor teutonicus" von dem
Serben Paul Joanowits, durch die Bildnisse von L.
Horowitz, Julius Schmid, Carl Fröschl und A. von
Kossak, durch die Genrebilder von Hans Temple,
Leopold Burger, J. N. Geller, D. A. Goltz, G. A.
Hessl und Franz Thieme und die prächtigen Land-
schaften von A. Schäffer, E. von Lichtenfels, Ditscheiner,
Ribarz, Darnaut, Tina Blau, E. Ameseder und Alfred
Zoff in Berlin einen starken Eindruck gemacht hat.
Unsere Künstler könnten namentlich aus den Genre-
bildern und Landschaften viel lernen, Technisches und
Geistiges. Besonders wünschen wir ihnen, dass sich
an dem Beispiel der Österreicher ihr Heimats- und
Volksgefühl wieder etwas kräftige. Am meisten aber
empfehlen wir den deutschen Bildhauern das Studium
der herrlichen Medaillen und Plaketten von Anton
Scharff, Franz Pawlik und Stefan Schwarz. Nach
dem traurigen Ausfall der Konkurrenz um die Tauf-
medaillen wirkt der Anblick dieser köstlichen, phantasie-
vollen Erzeugnisse der Kleinplastik, in denen ein schein-
bar unerschöpflicher Reichtum der Erfindung durch
feines Stilgefühl Gestalt gewonnen hat, auf uns doppelt
beschämend! ADOLF ROSENBERG.

BÜCHERSCHAU.

Madonna Sistina. Eine Monographie von Dr. Ludwig
Jelinek. Dresden-A. 1899. Kommissionsverlag von H.
Floessel's Buchhandlung (Robert Peter).
Die Broschüre «Madonna Sistina" eines Herrn Dr. Je-
linek, der darin zu beweisen sucht, dies weltberühmte Bild
sei kein Original von der Hand Raffael's, sondern nur eine
schlechte Kopie, ist, was ihren sachlichen Teil betrifft, an
verschiedenen Stellen, so vor allem von Dr. Paul Schumann
im „Dresdn. Anz." Nr. 168 und auch sonst als eine durch-
aus dilettantische und anmassende, nur auf Sensation be-
rechnete Unternehmung gebührend gekennzeichnet worden,
deren Behauptungen ebenso unklar wie beweislos sind. Die
Art, wie hier über die Qualitäten des Bildes, seine Stellung
in der Kunstgeschichte und die Grundidee seiner Entstehung
gesprochen wird, ist so ausserordentlich — naiv, dass sich
der Verf. das Recht auf eine ernste Kritik eigentlich schon
von vornherein verwirkt hat. (Vgl. auch Dr. E. Haenel's
Aufsatz: „Der jüngste Angriff auf die Madonna Sistina" in
der „Leipz. Zeitung" v. 8. Juli, Abendblatt.) Die allerschärfste
Zurückweisung indes, auch an dieser Stelle, gebührt den
Angriffen, die der Verf. auf die Verwaltung der Kgl. Ge-
mäldegalerie in Sachen der Erhaltung des Gemäldes macht.
Karl Woermann's bekannter Aufsatz in der „Kunst für Alle",
1894, entzieht den unerhörten, jeder faktischen Begründung
entbehrenden Beschuldigungen des Verfassers von vorn-
herein den Boden. Dass für die Erhaltung der Kunstschätze
gerade in dieser Sammlung in vorbildlicher Weise gesorgt
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