Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Bücherschau. — Nekrologe. — Denkmäler. 506

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Für Cranach hat bei der jetzt in Dresden ver-
anstalteten Ausstellung seiner Werke das Urteil des
ihm befreundeten Gelehrten und Mitbürgers ebenfalls
ein erhöhtes Interesse. Die Zeitgenossen vermissten
danach in seinen Werken augenscheinlich Tiefe der
Auffassung wie höheren Schwung, obwohl sie nach
Melanchthon's Worten den ihnen eigenen Reiz der
Anmut lebhaft empfanden. Höchst ehrenvoll lautet
dagegen das Urteil über Dürer. Der -grosse Zug
seines Wesens und die gehaltreiche Durchbildung, die
seine Schöpfungen auszeichnet, hat auf die Zeitge-
nossen einen ebenso tiefen Eindruck gemacht wie
auf uns.

Erlangen, Juli 1899. ZUCKER.

BÜCHERSCHAU.

| Katalog der Königlichen Gemäldegalerie zu
Dresden von Karl Woermann, Direktor der Gemälde-
galerie. Herausgegeben von der Generaldirektion der
Königlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft.
Grosse und Kleine Ausgabe. Vierte, verbesserte und ver-
mehrte Auflage. Mit 100 Abbildungen. Dresden, Druck
von Wilhelm Hoffmann, Kunstanstalt auf Aktien, 1899.
Die Direktion der Dresdener Gemäldegalerie hat der
1896 erschienen dritten Auflage ihres kleinen und grossen
Galeriekataloges in dankenswerter Weise bereits eine vierte
Auflage folgen lassen. Der Hauptgrund, dieselbe zu ver-
anstalten, war nach dem Vorworte der Wunsch, die Aus-
wahl und Anordnung der Abbildungen zu verbessern, welche
als Neuerung der dritten Auflage beigegeben waren. Diese
Verbesserung ist in der That sehr ersichtlich; auch der Druck
ist durchweg dunkler und kräftiger, und ausserdem ist ein
Teil der Bilder in grösserem Format wiedergegeben worden,
was eine Vermehrung der Abbildungstafeln auf 28 zur Folge
hatte. Neu faksimiliert wurden die Künstlerbezeichnungen
Lucas Cranach des Älteren. Wie ein Vergleich mit den
Faksimilia der letzten Auflage lehrt, sind die neuen Wieder-
gaben mit ausserordentlicher Sorgfalt und peinlichster Ge-
nauigkeit hergestellt worden und werden den Cranach-
forschern gerade jetzt, wo der Künstler im Vordergrunde
des Interesses steht, sehr willkommen sein. — Umstellungen
sind infolge veränderter Namengebungen nur in geringem
Masse nötig gewesen. Die Pietä Nr. 51A „Angeblich
Mantegna" ist als Nr. 52 A der Richtung Giovanni Bellini's
zugeschrieben worden. Nr. 69 und 70, zwei wenig be-
deutende Porträts, sind aus der neapolitanischen in die
niederländische Schule des 16. Jahrhunderts (Nr. 838 C und
D) versetzt worden. Nr. 54, Maria mit zwei Heiligen, „Nach-
ahmer Giov. Bellini's", ist auf Berenson's und Venturi's
Autorität hin als Nr. 64 A ein Jugendwerk des Vincenzo
Catena genannt worden, während Nr. 100 die Anbetung der
Hirten „Angeblich nach Raphael" jetzt als Nr. 201 B den Namen
des Girolamo da Treviso d. J. trägt. Die Zuschreibung ist
auf Grund des Vergleichs mit beglaubigten Werken dieses
Meisters erfolgt. Ein grösseres Bild mit der gleichen Dar-
stellung besitzt Christ Church College in Oxford, und der
Verfasser des Kataloges lässt die Frage offen, ob das Dresdener
oder das Oxforder Exemplar das Original sei. Schliesslich
ist das bisher als Tizian unter Nr. 174 geführte Porträt einer
Dame in Trauer neuerdings als Jugendwerk des Tintoretto
erkannt und unter dessen Bilder eingereiht worden (Nr. 265 A).

— Die Neuerwerbungen der letzten Zeit an Bildern älterer
Meister, ein Francesco Guardi und das in Paris erworbene
Porträt von Henri Raeburn sind als Nr. 601 A und 798 D
katalogisiert. Auch die Neuerwerbungen der letzten Jahre
an modernen Bildern, deren Auswahl die Verwaltung der
Dresdener Galerie in verständigster und weitblickender Weise
zu treffen pflegt, sind — etwa 40 an der Zahl — an Ort
und Stelle eingefügt worden, sogar die Erwerbungen des
laufenden Sommers sind bereits in dem neuen Kataloge zu
finden.

ffi Illustrierte elsassische Rundschau, herausgegeben
von Carl Spindler (Verlag von Schlesier & Schweikhardt,
Strassburg i/E.).
Die neue, vierteljährlich erscheinende Rundschau nimmt
den Gedanken wieder auf, den Joseph Sattler und Carl
Spindler in den Elsässer Bilderbogen, die 1893 bis 1896 er-
schienen, angeregt hatten. In dieser wie in der neuen „Rund-
schau" sollen die mannigfaltigen künstlerischen und litte-
rarischen Kräfte des Elsass ihre Thätigkeit entfalten. Das
Interesse für die Elsässer Kunst, der Sinn für die Geschichte,
die Sitten, Gebräuche und die volkstümliche Litteratur des
Elsass soll in dem neuen Organ gepflegt werden. Nach
dem ersten Hefte erweist sich der Gedanke als ein glück-
licher, wir sehen eine Reihe tüchtiger Künstler voller Eigen-
art und Freimut bei der Arbeit und werden von sach-
kundigen Schriftstellern über das elsässische Land, seine
Bauten, seine Legenden und Volksbräuche unterrichtet. Auch
an poetischen Gaben, deutschen und französischen, sowie
Dialektproben fehlt es nicht. In der Ausstattung waltet
künstlerischer, vornehmer Sinn und Geschmack. Wir wün-
schen dem neuen Unternehmen, das sich so verheissungsvoll
einführt, den besten Erfolg. Der Jahrgang zu vier Heften
kostet M. 12.—.

NEKROLOGE.

Amsterdam. — Der berühmte holländische Landschafts-
maler Jakob Maris (geboren 25. August 1837) ist Anfang
August einem langjährigen Nierenleiden erlegen. Mit ihm
verliert die holländische Kunst einen ihrer grössten und
bedeutendsten Vertreter.

DENKMÄLER.

G Ein Denkmal für Schulze-Delitzsch, den Begründer
der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft, ist
am 4. August in Berlin auf einem kleinen Platze am Treff-
punkt der Köpenicker-, Insel- und Neuen Jakobsstrasse
enthüllt worden. Es ist ein Werk des Bildhauers Hans
Arnoldt, der als Sieger aus einer Konkurrenz hervor-
gegangen war. Das in wetterhartem Marmor ausge-
führte Standbild, das den Volksmann als Redner mit vor-
gestreckter Rechten darstellt, erhebt sich auf einem Sockel
aus hellem Granit. Zu beiden Seiten des Postaments, das
an der Vorderseite nur eine Schrifttafel mit dem Namen des
Gefeierten trägt, wird durch zwei Bronzegruppen sein segens-
reiches Wirken veranschaulicht. Rechts reicht ein Hand-
werker einem Landmann die Hand, und auf der anderen
Seite ist die Volkserziehung durch eine junge Mutter dar-
gestellt, die zu ihrem Knaben spricht. An der für plastische
Gestaltung sehr undankbaren Erscheinung Schulze's ist wenig
mehr als die wohl gelungene Porträtähnlichkeit zu rühmen.
Man sollte bei solcher Persönlichkeit, wie schon oft gefordert
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