Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Der Dogenpalast in Venedig.

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teten. Trotzdem werden Forscher wie Künstler manche
neue Anregung hier empfangen. Beide werden viel-
leicht mehr noch als den Formen der Zusammensetzung
der Metalle und der zum Teil überaus schönen Patina
ihre Aufmerksamkeit widmen. Da noch kein Katalog
vorhanden ist und die Forschungen über diesen Zweig
der japanischen Kunst nicht sehr weit vorgeschritten
sind, ist es mir unmöglich, auf einzelne Stücke näher
einzugehen. Doch seien einige wenigstens genannt.
Das älteste Stück ist ein grosses Weingefäss mit grüner
Patina, das noch der Tschu-Dynastie (bis 24g vor
Christus) angehören soll. Durch ihre wundervolle,
in den verschiedensten Tönen schimmernde Patina
interessant ist eine grosse, mit Schuppen bedeckte, ur-
sprünglich vergoldete Vase. Ferner sei auf die Vase
in Form zweier aneinandergewachsenen Karpfen hin-
gewiesen. Minder schön als originell ist der sitzende
Vogel, aus dessen Rücken die Vase herauswächst. —
In den beiden Zimmern rechts sind in der Haupt-
sache keramische Arbeiten von zum Teil recht zweifel-
haftem Werte aufgestellt, der erste Nebenraum links
enthält Elfenbeinsachen, Masken, Medizinbüchsen,
Nezkes, der zweite ein paar Kakemonos, Bronzen und
Möbel, der dritte Bilderbücher, Porzellan und Thon-
figuren. Auch im Parterre befinden sich zwei Säle
mit Porzellan und keramischen Arbeiten. Endlich
sei auf die ausgesägten Freskenstücke von Bernardino
Luini im Treppenhause hingewiesen.

WA LT HER O ENS EL.

„DER DOGENPALAST IN VENEDIG
IN GEFAHR!«

Unter dieser Überschrift erschien im „Corriere
della Sera" und dann alle Zeitungen durchlaufend
eine Mitteilung, welche das grösste Aufsehen erregte
und gewiss auch in deutschen Zeitungen ihren Wider-
hall gefunden haben wird. Drei Mitglieder des dem
Unterrichtsministerium beratend beigegebenen Ober-
aufsichtsrates in Kunstsachen, Architekt Basile (Rom),
Maler Faldi (Florenz) und Bildhauer Dalzotto (Vene-
dig) berichteten, dass ihre im Laufe des Sommers
vorgenommene Untersuchung des Dogenpalastes in
ihnen die Überzeugung bestätigt habe, dass für das
Gebäude alles zu fürchten sei, dass ihre Vorstellungen
beim Ministerium keinen Erfolg gehabt hätten und
sie ihrerseits jede weitere Verantwortlichkeit ablehn-
ten. — Wer diese erschreckende Nachricht gelesen,
ohne Venedig und den Palazzo Ducale genau zu
kennen, mussteden Eindruck erhalten, als ob man hier,
die Hände in den Schoss legend, ruhig abwarte, bis
der Palast einstürze. Wie gewöhnlich werden im Aus-
lande Stimmen laut geworden sein, welche den Italienern
die Fähigkeit absprechen, ihre grosse Erbschaft zu er-
halten. —

Dem allen ist mit der beruhigenden Versicherung
zu begegnen, dass von momentaner Gefahr keine Rede
ist, weil seit dem Jahre 1872 ununterbrochen und mit
Aufwand kolossaler Summen unendlich vieles geschehen
ist zur Erhaltung des Prachtbaues, unter der Leitung
vortrefflicher Männer, in der allerumfassendsten Weise
und mit grösster Gewissenhaftigkeit.

Erst sei^ wenigen Jahren wurde die jährlich zu
verwendende Summe auf 50000 Lire herabgesetzt
und es trat nach der Einsetzung des Bauamtes, welches
im Palaste selbst seinen Sitz hat, eine gewisse Ver-
schleppung in Angriffnahme sehr dringender Restau-
rationsarbeiten ein. — Man war im allgemeinen mit
diesem Amte unzufrieden. Es würde zu weit führen
mitzuteilen, welche kolossale Arbeit im Laufe der
Jahre bewältigt wurde. Ich habe getreulich in dieser
Zeitschrift durch lange Zeiten hindurch über das kühne
Vorgehen des tüchtigen Bauführers Vendrasco be-
richtet. Nachdem die zwei Hauptfassaden durch Ein-
setzung neuer Säulen (sogar der Ecksäulen) gesichert
und neue Balkendecken eingezogen waren u. s. w.,
nahm man in der letzten Zeit die Restauration des
Renaissancebaues gegen den Kanal hin in Angriff, und
gegen den gefahrdrohenden Zustand dieses Baues
richtet sich der Angriff von Seiten der eben genannten
drei Herren. - Wie nun alle Welt wusste, dass zur Er-
haltung des Baues nichts versäumt worden war, so
wusste es auch der Unterrichtsminister Bacelli, schickte
aber doch sofort, erschreckt durch die alarmierende
Mitteilung, den Architekten Camillo Boito und gleich-
zeitig den Oberinspektor aller monumentalen Bauwerke,
Barnabei, nach Venedig, welche, in Verbindung mit
dem akademischen Rate, eine genaue Untersuchung
vornahmen. Zur Rede gestellt im Senate und Parla-
mente, konnte Bacelli das beruhigende Telegramm
Boito's vorlesen, nach welchem alle momentane Gefahr
ausgeschlossen, aber die unverzügliche Entfernung der
Markusbibliothek und des Statuenmuseums aus dem
Palaste zu befehlen sei. Die Restaurationsarbeiten
müssten mit grösserer Energie und umfassender ge-
leitet werden. An Verschleppungen trügen grosse
Schuld auch die Pedanterien von oben herab. —

Schon seit 30 Jahren erkannte man, dass das un-
geheure Gewicht der 600000 Bände der Bibliothek,
welche sich stets vermehrt, eine unaufhörliche Gefahr
für das Gebäude bildet und dass in den durch sie
belasteten Räumen eine Untersuchung des Bauzustandes
und Abhilfe am schwersten ist. - Manche Beschlüsse
wurden vergeblich gefasst. Die Sache blieb beim alten.

Jetzt endlich hat die teilweise Übertreibung der
Gefahr die Sache in Fluss gebracht. - Die Handels-
kammer hat sich bereit erklärt, ihre Lokale, die ehe-
malige Münze zu räumen. Diese wurde zur Aufnahme
der Büchersammlung ausersehen, da die ehemalige
Bibliothek, das schöne Gebäude Sansovino's für die
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