Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Die Kunstgeschichte in Bildern, Band III: Die Renaissance in Italien. Herausgegeben von

Professor Dr. G. Dehio; Verlag von E. A. Seemann in Leipzig.

Zur Abwehr

gegen Herrn Brandl und seine Recension in der Beilage zur „Münchner Allgemeinen Zeitung" vom

8. November 1898.

Ein mir bis heute völlig unbekannter Herr hat in der
„Münchner Allgemeinen Zeitung" eine Besprechung des
Werkes „Kunstgeschichte in Bildern" veröffentlicht und die
Gelegenheit benutzt, über einige andere Werke meines Ver-
lages summarisch den Stab zu brechen. Der Ton dieser
Recension ist so missvergnügt und absichtlich verletzend, ein
Ausdruck geradezu beleidigend, dass ich, was sonst nicht
meine Gewohnheit ist, gegen diese Art der Beurteilung hier-
mit öffentlich Protest ernebe. Der Verfasser bemängelt zu-
nächst die Tuschzeichnungen (statt Autotypie nach Photo-
graphie) von Innenperspektiven. Diese sind von Künstlerhand
hergestellt worden, um die Verzerrung der Perspektive, welche
sich bei photographischen Aufnahmen von Innenräumen
immer zeigen, zu vermeiden. Diese Anordnung, welche vom
Herausgeber des Werkes herrührt, ist von mir durchaus ge-
billigt worden, und ich halte die Bemängelung des Recen-
senten für verkehrt. Ferner tadelt er einen Holzschnitt der
Dreieinigkeit Masaccio's aus Santa Maria Novella und fordert
dafür eine Autotypie. Wegen des ruinösen Zustandes des
Bildes ist hier absichtlich vom Herausgeber ein Holz-
schnitt vorgeschrieben und von mir bestellt worden, obwohl
dieser Holzschnitt etwa den zehnfachen Betrag der Autotypie
kostet. Es handelte sich darum, die Spuren des Verfalls,
welche gerade an diesem Bilde sehr stark bemerklich waren,
durch Kunstlerhand, so gut es geht, zu beseitigen, um die
künstlerische Absicht Masaccio's hervortreten zu lassen. Hier-
nach muss von mir die Forderung einer mechanischen Re-
produktion des Bildes gleichfalls aTs unbedingt verfehlt be-
zeichnet werden.

Der Recensent fährt dann fort: „Am schlimmsten
steht es aber um die Skulpturen. Es wird dem Herausgeber
wehe thun, wenn er seinen Namen einer solchen Sammlung
vorgesetzt sieht; verantwortlich dafür kann er unmöglich
sein, und man gestatte dem Recensenten, sich einmal an den
Verleger zu halten." Hierzu bemerke ich, dass der Heraus-
geber nicht nur die Auswahl der Abbildungen, sondern auch
ihre Grösse und Anordnung durchaus selbständig und ohne
Einfluss des Verlegers bestimmt hat, dass ihm ferner die
Abzüge der Autotypien und Holzschnitte zur Genehmigung
vorgelegt worden sind, und dass der Verleger hiernach die
Verantwortung für die Publikation vollständig ablehnen
könnte. Es ist daher ein vollständig unzulässiges Verfahren,
zu behaupten, der Herausgeber könne „unmöglich" dafür
verantwortlich sein, und „es müsse ihm wehe thun", seinen
Namen einer solchen Sammlung vorgesetzt zu sehen. Meiner
Ansicht nach schiebt der Recensent in völlig unzulässiger
Weise hier die verantwortliche Person absichtlich beiseite,
um dem unverantwortlichen Verleger etwas am Zeuge zu
flicken, denn er fährt fort: „Was hat dieser früher so ver-
diente Verlag in letzter Zeit alles zu bieten gewagt." Er
nimmt dann Bezug auf Springer's „Handbuch der Kunst-
geschichte", Springer's „Raffael und Michelangelo" 3. Auf-
lage und Philippi s „Einzeldarstellungen", spricht von ver-
letzenden Cliches, die sich in der Springer sehen Kunstge-
schichte befänden, entrüstet sich über einen Gewandzipfel
der Aurora des Michelangelo am Lorenzograbe und tadelt
die mehrfache'Verwendung einzelner Cliches in verschiedenen
Werken, welche er mit dem beleidigenden Ausdrucke „un-
erfreuliches Geschäftsgebaren" belegt.

Hierzu bemerke ich, dass das „Handbuch der Kunst-
Leipzig, am ii. November 1898.

geschichte" im wesentlichen eine Vereinigung meiner Hand-
ausgabe der „Kunsthistorischen Bilderbogen" ist, zu welcher
Anton Springer bekanntlich sein Textbuch, später „Grund-
züge der Kunstgeschichte" betitelt, verfasst hat. Dieses
Textbuch war für diese („verletzenden") Cliches ausdrücklich
geschrieben und nicht nur Springer selbst, sondern viele
Hunderte besonnener Gelehrter haben seinerzeit die Samm-
lung mit dem grössten Beifalle begrüsst. — Was den Gewand-
zipfel anlangt, dessen Vorhandensein dem Recensenten nach
seinem Ausdrucke die Schamröte ins Gesicht schlagen lässt,
so befindet sich dieser auf der grossen italienischen Photo-
raphie von Alinari, nach welcher die Heliogravüre in
pringer's „Michelangelo" 3. Auflage hergestellt worden ist.
Ich bin an dieser von mir nicht gebilligten Verbesserung
durchaus unschuldig; sie erscheint mir aber durchaus un-
wichtig, und jedenfalls ist keine Ursache, darüber in Ent-
rüstung zu geraten, da sie bisher von niemand bemerkt
oder für besonders wichtig gehalten worden ist. Was die
Schamröte anlangt, die dem Verfasser der Recension wegen
der Verhüllung eines Teiles des weiblichen Körpers ins Ge-
sicht schlägt, so meine ich, dass dieselbe für diese Gelegen-
heit ziemlich deplaciert erscheint. Der Recensent thäte
besser, seine Schamröte für solche Fälle aufzusparen,
welche umgekehrt liegen. — In betreff der Verwendung der
Cliches in verschiedenen Werken ist zu sagen, dass es
gar keinen Zweck hätte, den David des Michelangelo
z. B. für drei Werke dreimal klischieren zu lassen, da
dadurch niemandem genützt würde und die Bücher durch
dauernde Anwendung neuer Cliches sich unverhältnismässig
verteuerten. Das Publikum würde also von diesem Ver-
fahren nur den Schaden haben, da es alle Cliches in dem
höheren Ladenpreise noch einmal bezahlen müsste. Inwie-
fern dieVerwendung desselben Cliches in mehreren gediegenen
schriftstellerischen Arbeiten tadelnswert sei und inwiefern
diese als ein „unerfreuliches Geschäftsgebaren" bezeichnet
werden darf, ist mir völlig unerklärlich, und ich kann mir
nur denken, dass der Verfasser sich von seiner Absicht,
meine ganze verlegerische Thätigkeit öffentlich zu diskredi-
tieren und, irgend einem unbekannten Hintermann zu Liebe,
in den Augen des Publikums herabzusetzen, hat hinreissen
lassen, derartige Insinuationen zu äussern, die ich nicht nur
an dieser Stelle, sondern auch in einer besonderen Schrift
entsprechend zu beleuchten und nachdrücklich zurückzu-
weisen gedenke.

Ich kann nur meinem Bedauern darüber Ausdruck geben,
dass die „Münchner Allgemeine Zeitung" in der Wahl ihrer
Referenten so wenig vorsichtig ist, dass sie einem Pamphle-
tisten schlechtester Art ihre Spalten zur Verfügung stellt
und sich zu derartigen geradezu unanständigen Angriffen
missbrauchen lässt.

Die unterzeichnete Verlagsbuchhandlung ist seit dreissig
Jahren für die Verbreitung des Kunstsinnes aufs eifrigste und
redlichste thätig gewesen. Sie gestattet niemandem, ihren
Erfolgen gegenüber, die ja manchem unbequem sein mögen,
einen geringschätzigen Ton anzuschlagen, am allerwenigsten
einem solchen H.errn von gestern, der seine Berechtigung,
den Thron des Äakos zu besteigen, erst nachweisen muss;
dass ihm auf Grund seiner anmassenden kahlen, Entscheidung
diese Berechtigung nicht zuerkannt werden kann, wird jeder
Verständige, Redliche und Unparteiische bestätigen.

E. A. SEEMANN
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