Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Eine mittelalterliche Holzfigur.

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präsentieren sollten, noch nicht erfolgt ist, dass hier
noch eine res integra vorliege. Demnach wäre also
auch hier ein ähnlicher Konflikt zu erwarten wie bei
dem Stuck'schen Gemälde und darum ebenfalls ein
Appell an die Öffentlichkeit im höchsten Grade
wünschenswert.

Wir haben uns in obigem bemüht, den That-
bestand, soweit es die vorliegenden Mitteilungen ge-
statten, möglichst objektiv darzustellen. Zu einer Kritik
wird sich hoffentlich bald Gelegenheit bieten, a.

EINE MITTELALTER-
LICHE HOLZFIGUR.

Die nebenstehenden
Abbildungen geben die
Figur aus der Sammlung
des Geheimrats Richard
von Kaufmann, welche be-
reits mehrfach besprochen
ist. — Die Figur ist aus
Holz, lebensgross, voll-
ständig bemalt und im
wesentlichen gut erhalten,
nachdem sie einer ge-
schickten Restauration un-
terzogen ist.

Sie wurde zunächst
von einer Berliner Lokal-
korrespondenz, die in ver-
schiedenen Blättern abge-
druckt war, als karolingisch
bezeichnet. Davon kann
natürlich nicht die Rede
sein. Sodann wurde sie
von einem Münchener

Korrespondenten der
Kunstchronik (Nr. 15) einer
Gruppe von Arbeiten zu-
gewiesen, die anscheinend
romanisch oder frühgo-
tisch sei, die aber in Wahr-
heit in die Renaissance-

periode hineinreiche. Hiervon kann bei dieser Figur
ebensowenig die Rede sein. Augenscheinlich hat der
Münchener Korrespondent die Figur in ihrem jetzigen
Zustande nicht gesehen, ob er früher sie oder nur
ein verwandtes Stück gesehen, ist nicht ganz sicher,
wenigstens ist die Figur in Gedon's Versteigerung
nicht gewesen. Bekannt genug aber war sie jeden-
falls, da sie auf der letzten Ausstellung im Glas-
palast zur Dekoration der mittelalterlichen Halle ver-
wendet war.

Aber damals war sie nichts als eine unverständ-
liche, malerisch wirksame Figur, während sie jetzt als

ein merkwürdiges Monument einer frühen Epoche
gelten darf.

Das Herausschälen der Figur aus der späten
Hülle hat uns in Berlin lebhaft interessiert. Dass sie
im Münchener Zustande stark übermalt war, war klar.
Die jüngste Farbe lag auf einer Kreideschicht, unter
deren Brüchen völlig andere Farben zum Vorschein
kamen. Das Eigentümliche aber ist, dass sich die
Bearbeitung nicht mit der Farbe begnügt, sondern
energisch in die Formen eingegriffen hatte. Dem

Bearbeiter des 16. Jahr-
hunderts waren die Schul-
tern zu schmal, der Hals
zu lang, die Haare zu
dürftig, die Falten zu flach,
die Beine zu dünn er-
schienen. Überall hatte er
nachgeholfen, indem er
Polster aus Werg auflegte
und diese mit Leinwand
überzog, aus der er die
Falten und Locken zurecht-
bog, die Art, wie man auch
heute noch für Gelegen-
heitsdekorationen arbeitet.
Alsdann wurde das Ganze
einschliesslich des Ge-
sichts mit einem Kreide-
grund überzogen und nun
frisch übermalt, zunächst
wohl versilbert. Auch
diese Farbenschicht blieb
nicht die letzte.

Da nun trotz aller
dieser Zuthaten der frühe
Charakter nicht völlig ver-
wischt war, so begreift
sich die in der Münchener
Korrespondenz enthaltene
Vermutung sehr wohl. An
einzelnen Stellen war der
Charakter der Renais-
sancekunst unverkennbar,
also mussten die frühmittelalterlichen Eigenheiten als
Reste einer lokalen Tradition in abgelegener Gegend
erklärt und das Ganze dem 16. Jahrhundert über-
wiesen werden.

Nachdem die Zuthaten entfernt sind — sie lösten
sich ab wie die Schale von einer Nuss —, ist diese
Annahme nicht haltbar. Wir haben eine Figur vor
uns, die schwerlich einer jüngeren Zeit als dem
13. Jahrhundert angehört, und selbst wenn sie in den
Anfang des 14. Jahrhunderts hineinragen sollte, in
ihrer vortrefflichen Erhaltung ein sehr bemerkenswertes
Monument mittelalterlicher Kunst darstellt.
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