Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Sammlungen und Ausstellungen.

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kunsthistorische Vorträge statt. Die Reihenfolge ist die
folgende: Am 26. Februar liest Regierungskommissar Dr.
Ernst v. Kammerer über die Entstehung der Nationalgalerie,
mit Einbeziehung anderer älterer ungarischer Sammlungen;
am 5. März Kustos Dr. Gabriel v. Terey über Hans Baidung
Grien; am 12. März Kustosadjunkt Dr. Alexander Nyäri über
Johann Kupeczky; am 19. März Arsen v. Petrovics über die
Entwicklung der graphischen Künste mit Berücksichtigung
ungarischer Kupferstecher; am 26. März Kustos Dr. Gabriel
v. Terey über A. van Dyck und die Ausstellung von Repro-
duktionen nach van Dyck im Kupferstichkabinet der National-
galerie.

—r. Budapest. — Die Nationalgalerie besitzt eine reich-
haltige Kollektion von 8549 Stück Photographien. Diese
Sammlung ist von Dr. Gabriel v. Terey, Kustos der National-
galerie, geordnet worden, und der von ihm verfasste Katalog
ist soeben im Druck erschienen.

Paris. — Bei Georges Petit sind je etwa zwanzig teils
schon bekannte, teils neue Werke der „fünf Meister" Bes-
nard, Cazin, Monet, Sisley und Thaulow zu einer höchst
sehenswerten Ausstellung vereinigt worden. Im Mittelpunkte
des Interesses stehen natürlich die Landschaften des jüngst
verstorbenen Sisley. Aus den Jahren 1872—1895 stammend,
geben sie ein treues und vollständiges Bild von dem Lebens-
werke des Künstlers. Unser neulich hier ausgesprochenes
Urteil wird durch sie nicht verändert. Sisley war eine zart
empfindende, aber allzu schmiegsame Künstlernatur, die sich
bald von Corot, bald von Jongkind, bald von Monet beein-
flussen Hess und diese Vorbilder nur selten erreichte. Die
frühesten, die „Überschwemmung", „Eine Nacht in Sevres"
(1872), »Die Strasse nach Louveciennes" (1878) sind mir die
liebsten. Die unmittelbare Nachbarschaft Mottet 's in dieser
Ausstellung ist für ihn nicht günstig. Monet hat einige
Bilder aus seiner Frühzeit, die noch stark an Courbet er-
innern (die neulich besprochene „Dame in Grün" von 1866
und „das Frühstück" von 1868), dann eine Anzahl Bilder
aus seiner besten Zeit, wie „Die Seine bei Argenteuil" (1878),
„Die Kirche von Varangeville" (1882), „Meer und Alpen"
(1888), endlich einige seiner neuesten Werke, vor allem je
zwei Bilder aus den Cyklen der „Kathedrale von Rouen"
(1894) und der „Seine" (1897) ausgestellt. Ihm war immer
die Luftstimmung die Hauptsache; in diesen neuesten Werken
malt er aber schliesslich nur noch die Luft und ertränkt in
ihr sozusagen den Gegenstand. Jedenfalls kann man sich
keinen grösseren Gegensatz vorstellen, als zwischen der Ab-
sicht des Baumeisters, der auch das kleinste Detail seiner
Fassade mit liebevoller Sorgfalt ausgeführt hat, und der des
Malers, der alles verschwimmen und die Fassade wie ein
Zaubergebilde nur durch ein Lichtmeer hindurchschimmern
lässt. Sehr gut ist Cazin vertreten. Neben den grossen,
dekorativ wirkenden Pendants „Regen" und „SchönesWetter"
treten besonders „Die Reisenden" und „Die Dorfstrasse" her-
vor. Die schönsten Wirkungen aber erreicht er doch mit
seinen köstlichen kleinen Bildern, den Kornfeldern, Farmen,
Windmühlen, Armenhäusern bei Dämmerung oder Mond-
schein. Aber Cazin's Palette ist nicht sehr reich, fast alles
ist bei ihm in dieselbe gelblichbraune Stimmung getaucht.
Thaulow ist mir im Grunde doch noch lieber, er ist viel-
seitiger und farbenfreudiger. Sein Hauptgebiet, in dem er
zur Zeit wohl von keinem übertroffen wird, ist das Wasser.
Ob er die Somme bei Amiens oder einen venezianischen
Kanal, einen norwegischen, zwischen Schneefeldern sich hin-
durchwindenden Fluss oder das Weltmeer während des
Sturmes malt, immer wirkt er überzeugend. Aber er be-
schränkt sich keineswegs auf dieses Gebiet, sondern malt

Gärten bei Mondschein, Dorfstrassen in der Dämmerung,
Bilder aus dem Innern von Paris und neuerdings auch gern
Fabrikstädte mit rauchenden Schornsteinen (Pittsburg 1898).
Auch Cazin und Thaulow sind Impressionisten, aber sie

I haben zur rechten Zeit innegehalten, haben den festen Boden
unter den Füssen behalten, als die anderen ihre Landschaften
in farbigen Dunst auflösten. — Besnard ist für mich eine
der wenigst erfreulichen Erscheinungen der modernen fran-
zösischen Kunst. Er ist einer der allerbegabtesten, aber

I seine neuesten Bilder sind Virtuosenkunststücke, ohne Kraft,
ohne Innerlichkeit, ohne Poesie. a.
Paris. — Die Gesellschaft der Freunde des Louvre be-

| absichtigt eine Ausstellung von Bildern holländischer Maler
des 17. Jahrhunderts zu veranstalten. Rembrandt, Franz

I Hals, Terburg, P. de Hooch, Hobbema und Ruysdael werden
im Vordergründe des Interesses stehen. -u-

Venedig. — Die 3. Internationale Kunstausstellung wird
vom 22. April bis 31. Oktober d. J. währen. -u-

Paris. — In der Galerie des artistes modernes hat
Auguste Pointelin zum erstenmal eine grössere Anzahl seiner
Gemälde, Pastelle und Handzeichnungen zu einer Aus-
stellung vereinigt. Es sind ausschliesslich Bilder aus seiner
Heimat, eintönige, schwermütige Ansichten des französischen
Jura. Fast nirgends bemerken wir Spuren menschlicher
Thätigkeit, selbst Bäche und Bäume sind selten in diesem
steinigen Hügellande. Himmel und Erde, das ist oft alles.
Aber dieser Himmel und diese Erde sind mit einer solchen
Treue und einer solchen Feinheit der Luftstimmung ge-
geben, sie besitzen einen so hohen Stimmungsgehalt, dass
sie uns im höchsten Masse fesseln. — Von der sechsten
Ausstellung der Orientmaler bei Durand-Ruel sind die
„Singenden Mädchen" von Dinet, ein Werk voll sprudelndster
Frische, lebendigster Charakteristik und kecker Farbenfreude,
ferner einige sonnige Interieurs von Rigolot, die Tierstudien
von Surand und die Skulpturen von Rivicre hervorzuheben.

o.

A. R. Berlin. — Unter dem Namen „Ausstellungsvcrband
Berlin" hat sich im vorigen Jahre ein neuer Künstlerbund
gebildet, der seine erste Ausstellung am 5. März im Künstler-
hause eröffnet hat. Er unterscheidet sich insofern von den
zahlreichen, seit längerer Zeit bestehenden Künstlerver-
einigungen Berlins, über deren Ausstellungen wir in den
letzten Monaten berichtet haben, als seine Mitglieder — es
sind 17 Maler und 3 Bildhauer — durch ein gemeinsames
Streben, durch ein geistiges Band verbunden sind. Sie
stehen insgesamt auf dem Boden einer gesunden, unbe-
fangenen Naturanschauung, die sich ebenso weit von natura-
listischen Ausschreitungen wie von Phantasterei und spinti-
sierender Experimentiersucht fern hält. Es sind durchweg
schlichte Realisten, denen das Gegenständliche noch etwas
gilt, die aber trotz dieser Meinung, die übrigens in jüngster
Zeit wieder mehr Anhänger zu gewinnen scheint, alle Aus-
drucksmittel des modernen Kolorismus beherrschen. Die
führende Stellung, die die Landschaftsmalerei in der
modernen Kunst einnimmt, spiegelt sich auch in diesem
kleinen Kreise wieder. Die Landschaftsmaler befinden sich
nicht nur in der Mehrheit, sondern sie haben auch, wenn
man von einer Ausnahme absieht, das Wertvollste zu der
Ausstellung beigesteuert. Sie haben, wiederum im Gegen-
satz zu den meisten modernen Sonder- und Sammel-
ausstellungen, meist fertige Bilder oder doch nur solche
Studien ausgestellt, die über das Stadium der flüchtigen
Notiz weit hinausgediehen sind. Konrad Lessittg, der seine
Motive meist aus Tirol, dem Eifelgebirge und dem Harze
holt (eine Ansicht des Regensteins bei Blankenburg im
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