Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstrasse 15.

Neue Folge. X. Jahrgang. 1898/99. Nr. 23. 27. April.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin W., Heinrich Kiepertstrasse 84 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monatenjuli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haas en-
stein 81 Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE FRÜHJAHRS-AUSSTELLUNGEN
DER SECESSION UND DES KÜNSTLERHAUSES
IN WIEN.

Wenige Tage nacheinander sind die zwei „grossen"
Wiener Ausstellungen eröffnet worden.

Das Gebäude der „Vereinigung bildender Künstler
Österreichs" wurde so total umgeändert im Innern,
dass der Eintretende es kaum wiedererkennt. Architekt
Olbrich hat den Mittelsaal fast viereckig gemacht und
mit einfachen Mitteln — durch ausgiebige Verwendung
von Wandverkleidungen in weiss, hellgrün und gold —
in eine Art Triumphhalle verwandelt. Rundbogen an der
Vorder- und Hinterwand, letztere durchbrochen. In
die erstere eingesetzt eine interessante Vorstudie zu
einem Mosaikbild von Alfred Roller, der diesmal auch
das Secessionsplakat entworfen hat, eine Wasserfläche
darstellend, an deren Horizont ein grosses Gestirn
aufgeht, das seinen gelben Reflex im blauen Wasser
spiegelt. Das Gemälde Roller's ist für das Bogenfeld
des Thores an der neuen Breitenfelder Kirche be-
stimmt und stellt die Bergpredigt dar. Die Köpfe
sind auf Goldgrund gemalt, sehr interessant und aus-
drucksvoll und in einer Technik des Farbenauftrags
in viereckigen Flecken, welche die Wirkung von ein-
gelegten bunten Steinen auf das täuschendste nach-
ahmt. Man darf auf die Ausführung dieser schönen
Aufgabe gespannt sein.

Diesem christlichen Weihebild gegenüber tritt das
Heidentum in Gestalt des Marcus Antonius auf, den
Bildhauer Strasser in einem Wagen fahrend darstellt,
welcher von drei gezähmten Löwen gezogen wird.
Eine Löwin führt der Imperator noch ausserdem „an der
Leine" neben dem Wagen. Die überlebensgrosse Gips-
gruppe ist von machtvoller Wirkung und soll in Bronze

gegossen an einem öffentlichen Platz aufgestellt werden,
vielleicht zwischen den beiden Hofmuseen oder im
Wiener Volksgarten, neben dem Theseustempel. Als
Monumentalplastik dürfte sie Strasser's bisher be-
deutendste Arbeit sein. Neben dieser Kolossalgruppe
ist noch mancherlei interessante kleinere Plastik, vor-
nehmlich in Porträt und Reliefporträt, vorhanden.
Die Russin Feodorowna Ries bringt eine ganze Reihe
sehr fein und scharf charakterisierter Marmorbildnisse,
darunter das Porträt (in Laaser Marmor) des Bild-
hauers Professor Ed. Hellmer, der das Schindler-
Denkmal im Stadtpark geschaffen hat. Es ist ein sehr
energisches, individuelles Talent, über das die Künstlerin
verfügt, welches sonst sich in freier Phantasie am
liebsten bewegt. Von Auswärtigen hat Albert Bartho-
lome, Rodin (Gipskopf von Rochefort), Prinz Trou-
betzkoy mit einer Reihe seiner charakteristischen,
skizzenhaft-malerischen „Momentaufnahmen« von Men-
schen und Tieren (darunter eine allerliebste Gruppe
von einem Kinde, das einen Hund liebkost) und Saint
Marceau beigetragen. Letzterer eine Satyrherme, von
einem Mädchen inbrünstig umarmt (ä la Rops), und
eine allerliebst pikante Porträtbüste in Marmor von
unbeschreiblichem Reiz. Ein in ähnlichem Geiste
empfundenes Bild ist das im „gelben Saal" aufgehängte,
etwas japanisierte aber unendlich zart getönte, hell-
schimmernde „Gartenbild" mit dem Titel: „Phantasie«.
Luftige Elfengestalten heben und breiten ihre Gewänder
aus wie Schmetterlingsflügel, in einen feinen, blaugrün-
grauen Nebelschleier gehüllt. Was für eine Anmut
hat der Franzose Roger Oulllaume in diese Gestalten
gezaubert. Die Grazie, mit der die Mädchen die Lam-
pions schwenken, ist nur romanischen Künstlern ge-
geben. Das Ganze wirkt wie eine 1} Materialisation von
Schmetterlingsseelen". —
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