Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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sammengebracht. Für das ganz ungeschulte Publikum
wird diese Ausstellung, welche zugleich mit der Deut-
schen Kunstausstellung am 20. April eröffnet wurde,
kaum den Reiz haben wie die jüngsten Rembrandt-
Ausstellungen in Amsterdam und London. Für die
in die ältere Kunst einigermassen Eingeweihten aber
und namentlich für die Kunsthistoriker sind jene
durch diese zweifellos in den Schatten gestellt.
Eine neue Anschauung von Rembrandt zu ge-
winnen ist den Besuchern jener Ausstellungen nicht
bescheert worden. Sie haben die alte, von seiner
Grösse, nur bestätigen können und sich im Oenuss
schöner, sonst nicht leicht zugänglicher Werke er-
freuen dürfen. Diesmal jedoch dürfte auch dem
Fachmann — abgesehen von ein oder zwei Specialis-
ten — eine ziemliche Überraschung bevorstehen.
Wer Cranach nur auf Grund der üblichen Galerie-
stücke, wie man sie, die ja so oft in Repliken vor-
kommen, überall sehen kann, abgeschätzt hat, wird es
kaum für glaublich halten, dass er der Schöpfer der
„Ruhe auf der Flucht", im Besitz des Generalmusik-
direktors Levi, sein kann. Auch diejenigen, die die
Darstellung durch die Heliogravüre im „Pan" kennen
und deren Erwartung durch das Lob anderer hoch-
getrieben wurde, werden auf einen solchen Farben-
reiz und eine solche frische Empfindung nicht ge-
schlossen haben. Der eigentümliche Zug Cranach's,
dass er seine Hauptfiguren den Beschauer gewöhnlich
geradeaus anblicken lässt, kehrt auch hier wieder und
übt einen besonderen Reiz aus. Mit lächelndem Stolz
fordern Joseph und Maria uns auf, dem lieblichen
Kindertreiben zuzuschauen. Im Jahre 1504 ist es
wohl undenkbar, aber man wäre beinahe versucht, das
Gemälde als Familienbildnis anzusehen.

Was aber nun auch besonders auffällt, ist, wie
viel verschiedene Tonarten der Meister anschlägt, wäh-
rend die bekannten späteren Bilder doch gerade durch
ihren Mangel an Abwechslung auffallen. Wie anders
sieht die prächtige Glogauer Madonna aus, wie anders
hinwieder diejenige aus dem Breslauer Dom, die ja
schon auf späteren Manierismus schliessen lässt, in sich
selbst aber noch durchaus geniessbar ist. Schreitet
man weiter, mehren sich die Überraschungen, wenn man
auf die grossartigen Bildnisse Heinrichs des Frommen
und seiner Gemahlin, dann auf die Venus mit Amor
aus der Eremitage stösst. Andere Hauptbilder, wie
die fein gezeichnete Wirkung der Eifersucht, die Ma-
donna unter dem Apfelbaum aus der Eremitage, der
grosse Halle'sche Altar, Bildnis der Sibylla von Cleve
(auch aus der Eremitage), die Judith aus Aachen-
Berlin, die Lucrezia aus Coburg, sind alles hervor-
ragende Leistungen und dabei äusserst verschiedenartig.

Am allermeisten dürfte Cranach's Bildniskunst
frappieren und ansprechen. Eine Probe wie z. B. das
männliche Bildnis von 1526 aus dem Heidelberger

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Schloss kann geradezu Holbein zur Seite gestellt
werden. Andere Prachtstücke sind die beiden Knaben-
bildnisse aus dem Besitz des Grossherzogs von Hessen.
Johann Friedrich t. als Bräutigam (Weimar), Luther
und seine Frau (Dr. N. Müller in Berlin), Johann der
Beständige (1526), Heinrich der Fromme (1537) und
das männliche Bildnis vom Jahre 1544 aus der Samm-
lung R. v. Kaufmann in Berlin.

Angesichts dieser Werke wird man doch wohl
zu einer höheren Wertschätzung des Meisters als bisher
gelangen. Zweifellos hat er mehr Kraft und künst-
lerisch warmes Empfinden, als man ihm angesichts der
vielen bekannteren Werke zuerkannt hat, und dürften
diese doch mehr blosses Ateliererzeugnis sein.

Leider hat der rein ästhetische Gesichtspunkt nicht
allein bei dieser Veranstaltung entschieden, und sind
ausser den genannten und ähnlichen Bildern noch
viele vereinigt, die lange nicht so schön, dafür aber
aus diesem oder jenem Grunde interessant sind. Be-
sonders ist das Material zur Lösung der Pseudo-
Grünewald-Frage zusammengebracht, nebst einer An-
zahl von Gemälden, die auf Grund von Photographien
oder unwissenschaftlicher Autoritäten in der Litteratur
als Cranachs geführt worden sind, und über die nun
leichter das Urteil gefällt werden kann. So sieht man
hier z. B., dass man die Breslauer Beweinung vom
Jahre 1516 und den Herkules am Spinnrocken un-
bedingt fallen lassen muss.

Zur grösseren Erleichterung solcher kunsthistori-
scher Prüfungen sind im grossen Saal zwei Schränke
mit ca. 25 Photographien nach nicht vorhandenen
Gemälden und mit Kupferstichen sowie Holzschnitten
des Meisters ausgestellt.

Im kleinen blau ausgeschlagenen Zimmer befinden
sich naturgemäss die kleineren Bilder; an einer Wand
vornehmlich die schönsten Madonnen und Heiligen-
bilder, gegenüber die Bildnisse, in einer Ecke die Akte.
Der grosse Saal, in kräftigem Rot eingefasst, die Wände
mit einem matteren Rot und einem leider recht störenden
harten Muster bemalt, weist den Versuch einer chro-
nologischen Anordnung auf. Sie konnte nur im all-
gemeinen durchgeführt werden, da verständigerweise
das Hauptaugenmerk auf eine ruhige symmetrische
Anordnung der Wände gerichtet wurde. Die linke
Wand ist den Pseudo-Grünewald- und anderen frag-
lichen Bildern eingeräumt. Gegenüber der Eingangs-
thür prangt der Halle'sche Altar als Mittelstück. Rechts
befindet sich u. a. ein echter Grünewald aus Aschaffen-
burg, das Bruchstück einer Beweinung Christi, das
einige Kunsthistoriker unbegreiflicherweise für die
nicht abgeschnittene ursprüngliche Komposition aus-
geben wollen. In der Mitte auf Gestellen befinden
sich fünf Paar grosse Altarflügel. Gegen die Eingangs-
thür schliesst die Aufstellung mit fünf prachtvollen Bild-
nissen uno einer Hirschjagd Cranach's des Jüngeren ab.

Die Dresdener Cranach-Ausstellung.
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