Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Die deutsche Kunstausstellung in Dresden.

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einer Badenden, und die leider auf zu hohem Sockel
stehende Mutter und Kind hervorzuheben.

Angrenzend finden wir den Karlsruher Künstler-
bund würdig vertreten. Kallmorgen, Kampmann,
Hein, Volkmann, Kalchreuth und die übrigen haben
schöne Werke ausgestellt. Es ist kaum gerecht, ein-
zelnes herauszuheben, ich möchte aber doch auf Kalck-
reuth's Kinderbildnis und Gewitterwolken besonders
aufmerksam machen.

Nun folgt ein kleiner Absidenraum, in dem sich
nur A. Hlldebrandfs abgeklärte, stilvoll einfache Luna
befindet, daneben ein grösserer Raum mit über 25
weiteren Werken des grossen Plastikers. Hieran
schliessen sich zehn meist entzückende kunstgewerb-
liche Einrichtungen. Wer das Kunstgewerbe auf der
vorjährigen Ausstellung im Münchener Glaspalast ge-
sehen hat, wird von der Einrichtung wenig erbaut
gewesen sein. Man hatte grosse, unmögliche Räume
ausgestattet, wie man sie in Privathäusern sich nie
denken könnte, und diese museumsartig mitheterogenen,
im einzelnen wohl schönen, kunstgewerblichen Gegen-
ständen vollgepfropft. Hier dagegen bestehen wirk-
liche Zimmereinrichtungen, die man genau, wie sie
sind, in ein Privathaus übertragen könnte. Prachtvoll
ist das Musikzimmer Riemerschmied's mit den ge-
fälligen, durch eine selten schöne Zusammenstellung
von Grau und Rot sich auszeichnenden Möbeln; das
freundliche, leichte Speisezimmer für ein Landhaus
von M. Dülfer; das Kinderzimmer von Ubbelohde &
Bertsch und das Treppenhaus von M. Rose. Über
einige der weiteren Räume kann man erst nach deren
Vollendung urteilen. Billing aus Karlsruhe hat bei
seiner altdeutschen Stube vielleicht in der Farbe etwas
gefehlt. Das dekorative Bild Franz Hein's darin ist
sehr schön und vielleicht noch sympathischer als die
beiden Gemälde des Künstlers, die er im Karlsruher
Künstlerbundsaal ausstellt.

Geht man zurück und an der rechten Seite ent-
lang der Haupthalle, so kommt man erst durch das
Lenbachzimmer und dann in die graphische Abteilung,
eine der besten der ganzen Ausstellung. Sie ist sehr
reich beschickt und kann uns mit Befriedigung über
den gegenwärtigen Stand dieser Kunstübung erfüllen.
Die Karlsruher nehmen einen Hauptplatz ein. Ihre
neuesten Werke haben sie geschickt und zeigen sich
immer wieder von interessanten und schönen Seiten.
Auch Dresden behauptet sich trefflich, mit prachtvollen
neuen Steindrucken Otto Fischer's, koloristisch wirkungs-
vollen Zeichnungen von Marianne Fiedler, schönen
Blättern von Pietschmann, Müller-Breslau, E. H.
Walther u. s. w. In einem »Ehrensaal" befinden sich
zwölf Zeichnungen von Böcklin, einige von Greiner,
ein Selbstbildnis, andere Studien und endlich zehn
Original-Federzeichnungen zu Amor und Psyche von
Klinger, die jetzt im Besitz des Kgl. Kupferstichkabinets

zu Dresden, nach allem doch wohl das Schönste sind,
was der Meister je geschaffen hat.

An Platz hat es ja leider wie gewöhnlich etwas
gefehlt, und so konnten einzelne Meister nicht ge-
schlossen auftreten. Das ist z. B. bei P. Behrens aus
München zu bedauern. Hätte man seine sieben
Farbenholzschnitte zusammen aufstellen können, an-
statt sie sich unter 23 andersartigen Werken auf einer
grossen Wand verlieren zu lassen, so hätte man einen
stärkeren, für den Künstler günstigeren Eindruck er-
wecken können. Derartige Aufstellung bedingt aber
natürlich viel Platz.

Von der Graphik gelangen wir in zwei Berliner
Zimmer, die etwas bunt aussehen. Becker hat sein
seit 30 Jahren bekanntes Bild »Othello und Desdemona"
(Replik?) geschickt. Liebermann hängt zwischen einem
K Ziegler und einem O. Frenzel. Dora Lütz ist
wieder totgehängt.

Nun kommen die Totenkammern, in denen man
nur ganz früh morgens ein leidliches Licht hat, in
denen sich aber einige recht bedeutende Werke, z. B.
von Magen, Nissen, Trübner, Schnitze-Naumburg,
F. Renisch j'r. u. s. w. befinden. Rentsch's Serpentin-
tänzerin ist z. T. gestickt: sie wurde in starkem Seiten-
licht gearbeitet und die Perlen u. s. w. sind mit feiner
Abwägung ausgewählt. Hier hängt sie unter einem
grossen Fenster und über einer Thür, durch die auch
Licht dringt, nebenbei so hoch oben, dass man gar
nicht mehr die Stickerei erkennt.

Es folgt der glänzende »Clou« der Ausstellung,
die beiden Cranachzimmer, dann wieder einige hübsche
kunstgewerbliche Räume, unter denen das Schlaf-
zimmer Pankok's auffällt. Trotz aller Gezwungenheit
macht es einen guten Eindruck. Hieraufkommt man
in die drei, soweit die dekorative Malerei in Frage
kommt, herzlich schlecht bedachten Räume mit
Meissener Porzellan und in das „Akademiczimmer,
worin die Werke der Mitglieder R. Diez, Kiessling,
Kuehl, Pohle und Preller vereinigt worden sind.

Im nächsten Saal (der erste des linken Flügels
vorn) findet man eine Wand von Lührigs, als Haupt-
bild drei nackte Mädchen. Wie immer zwingt er
uns Hochachtung vor seinem Können, seiner ehrlichen,
durch und durch künstlerischen Auffassung ab, und
hat doch wieder kein sympathisches Werk geschaffen.
Uber den Rest der hier versammelten Sachen will ich
mit schonendem Stillschweigen hinweggehen. Auch
in den nächsten drei Sälen will ich mich nicht auf-
halten, trotzdem manches einzeln hervorgehoben zu
werden verdiente.

Der letzte Saal ist Klinger eingeräumt. Man
findet hier den Christus im Olymp, jedenfalls weit
günstiger aufgestellt als er es je zuvor war, nebst
zwei Marmorwerken und einer kleinen Bronzegruppe.
Einen kleinen Raum daneben hat Hans Unger originell
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