Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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indem man einen Teil des Mansardenraumes mit in
sie einbezog; die oberen Flächen des über den grossen
Sälen liegenden gebrochenen Daches wurden voll-
kommen verglast und die Decken mit den Oberlichtern
am Dachstuhl aufgehängt. Das zweite Dach wurde nur
an der Innenseite verglast, um dem darunter liegenden
Mittelgange gleichfalls Oberlicht zu geben. Die Seiten-
lichter der Kabinette waren gegeben.

Diese auch technisch gar nicht leichte Aufgabe ist
mit viel Glück und Geschick gelöst worden. Die Säle
haben angenehmes Weiten- und Höhenmass, eine
Eigenschaft, die manchen, eigens für den Zweck er-
bauten Sälen anderer Museen nicht nachzurühmen ist.
Auch der Mittelgang ist, obwohl etwas anspruchsvoll,
doch architektonisch von guten Verhältnissen und
starker perspektivischer Wirkung. In den Seitenkabi-
netten sollten die Scherwände nicht auf die Fenster,
sondern auf die Pfeiler auflaufen; die Lichtzuführung
wäre dadurch konzentrierter geworden. Immerhin sind
auch diese Räume im ganzen als gelungen zu be-
zeichnen. Weit weniger Lob hingegen, als dem Archi-
tekten, vermag man dem Dekorateur zu spenden. Die
roten und grünen Stoffe mit senkrechter Streifenrich-
tung, die man für die Wandbekleidung gewählt hat,
sind zwar an sich sehr schön, aber als Bildgrund zu
dunkel. Sie verschlucken zu viel Licht, und manches
koloristisch wirksame Bild verträgt die Konkurrenz
des tiefen Rot nicht und geht nicht genügend davon
los. Auch die Farbe des Bodenbelages ist ungünstig.
Das Auge, das sich naturgemäss von Zeit zu Zeit
abwärts wendet, um vom Bilderansehen auszuruhen,
wird durch die Kupferfarbe des Linoleums nur aufs
neue angestrengt. Gewiss hat in Dekorationsfragen
der persönliche Geschmack ein besonders starkes
Recht, und innerhalb bestimmter Grenzen kann man
jedem Einwand mit der Antwort begegnen: Das ist
Geschmacksache. Aber es kann dabei doch gar nicht
fraglich sein, dass in einer Bildergalerie eben die
Bilder die Hauptsache sind, und dass sich ihnen alles
andere bedingungslos unterordnen muss. Gerade
dieser Grundsatz ist stellenweise in sehr bedenklicher
Weise missachtet worden. Tapeziererkünste haben
mehr freien Spielraum gehabt, als der Sache dienlich
war. Wozu die vielen Portieren und Vorhänge, wo
sie überflüssig oder geradezu schädlich sind, wozu
die vielen Goldstäbe, deren Glanz das Auge nur be-
unruhigt? Gerade der Mittelgang, der schon aus
Rücksicht auf seinen besonderen Zweck, die Aus-
stellung von Kupferstichen, nur ganz bescheiden hätte
dekoriert werden dürfen, hat die anspruchsvollste
Dekoration bekommen: den mit leuchtend himbeer-
rotem Seidenstoff bespannten Wänden sind hell mar-
morierte Freisäulen mit goldverzierten Kapitalen paar-
weise vorgesetzt. Man denke sich dazu das ganz
andere, aber ebenfalls sehr kräftige Rot des Boden-

belags, dann sehr vorlaute Rokokomöbel aus weissem
Holz mit glänzendrotem Plüschbezug — ich glaube,
man wird schon beim Lesen Augenschmerzen be-
kommen. —

In vier grossen Sälen und einer Anzahl von
Nebenräumen und Kabinetten ist der gesamte Ge-

| mäldebesitz der Stadt und das beste aus den Samm-
lungen der Gesellschaft zur Erhaltung der elsässischen
Kunstdenkmälerund des Vereins der Kunstfreunde unter-

! gebracht. Seitwärts davon liegt das Kupferstichkabinet.
Dengrössten Saal und drei kleine, abseits davon befind-
liche füllt die moderne Abteilung, die, wie die Kupfer-
stichsammlung und das Kunstgewerbemuseum, unter
der Leitung des namentlich um die Stadtgeschichte
sehr verdienten Dr. Adolf Seyboth steht. Ihre Haupt-
aufgabe ist es naturgemäss und wird es auch ferner
sein, ein Bild der modernen elsässischen Kunst und
ihrer Entwicklung zu gewähren. Erst in zweiter
Linie kommt die ausserelsässische Kunst in Betracht.
Diese Abteilung zählt gegenwärtig 124 Nummern.
Unter den älteren Meistern sind Gustav Brion und
Theophil Schuler die wichtigsten; unter den neueren
ragt der zu wenig bekannte Johann Heinrich Zuber mit
seiner „Schafherde bei Alt-Pfirt" durch die Grösse
seiner Landschaftsauffassung hoch über das Mass
fast aller seiner Landsleute hinaus. Sonst seien nur
noch ein Corot von allerzartester Duftigkeit „Der
Weiher von Ville dAvray", eine Landschaft von A. G.
Descamps und die zwar etwas brutalen, aber durch
die Fülle des Lichtes und die scharfe, wenn auch
unliebenswürdige Beobachtung wirkungsvollen „Hol-
ländischen Waisenmädchen" von Max Liebermann
genannt.

Die Abteilung alter Meister — unter Leitung von
Prof. Georg Dehio — umfasst drei Oberlichtsäle und
sieben Kabinette. Es sind im ganzen 17g Bilder und
14 Skulpturen. Was diese Sammlung von allen anderen
Deutschlands unterscheidet, ist die Art ihrer Ent-
stehung und die Grundsätze, die bei der Auswahl
der Bilder massgebend waren. Dass sie in der ver-
hältnismässig sehr kurzen Frist eines Jahrzehnts zu ihrem
jetzigen Umfange emporwachsen konnte, ohne dass,
ausser bei einigen geschenkten Bildern, von einer hohen
Durchschnittsqualität abgegangen wurde, ist nicht das
kleinste der vielen Verdienste Wilhelm Bode's. Mehr
als drei Viertel des gesamten Besitzstandes sind durch
seine Vermittlung nach Strassburg gelangt. Bei der
relativen Beschränktheit der Mittel sah man sehr ver-
nünftiger Weise von der Erwerbung grosser Prunk-
stücke ab; an Stelle persönlicher Liebhabereien, die
bei der Bildung fast aller älteren Galerien eine so
bedeutende Rolle gespielt haben, trat hier von vorn-
herein der kunstgeschichtliche Grundsatz, alle wich-
tigeren Schulen, nach Möglichkeit auch natürlich die
I bedeutenderen Individualitäten, durch charakteristische
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