Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

Seite: 435
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Simon von Aschaffenburg.

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genannt. Gute Interieurs finden wir von Morisset,
Prinet, Tournes, Walter Gay, Boulard (N), Joy,
Lecomte, Rieder (A) und anderen.

Recht gut ist die Porträtmalerei vertreten. Simon
hat eine treffliche Gruppe seiner Freunde — darunter
Menard und Cottet — ausgestellt (N). Auch Baschet's
Familiengruppe besitzt bemerkenswerte Vorzüge (A).
La Oandara hat in seinen drei lebensgrossen Damen-
porträten das Fabelhafteste an Eleganz geleistet; inner-
lich kalt lassen sie uns aber alle drei (N). Auch das
Porträt einer Dame auf der Terrasse ihres Parkes
von Benjamin-Constant ist höchst elegant; dass das
Gesicht so wenig Ausdruck besitzt, war vielleicht
nicht seine Schuld (A). Aus England haben Herkomer
eine „Madonna", Guthrie ein Kinderbildnis geschickt
(N). Sehr schön und intim ist das lebensgrosse
Damenbildnis des Belgiers Stevens (N). Blanche ist
durch ein geistreiches Porträtinterieur, (Cheret in seinem
Atelier), ein Doppelbildnis und ein paar entzückende
Studien einer jungen Dame in weissem Kleide würdig
vertreten (N). Dagnan-Bouveret's schönes Damen-
bildnis habe ich schon neulich hier besprochen. Bon-
nat, Carolus-Duran, Courtois, Lefebvre, und wie die
von der vornehmen Welt bevorzugten Porträtmaler
alle heissen, haben natürlich auch sämtlich ausgestellt.

Von den Landschaftern nimmt diesmal Cazin in
erster Linie unser Interesse in Anspruch, weniger
durch seine Gemälde als durch seine Zeichnungen,
denen ein ganzer Saal eingeräumt worden ist. Wenn
man viele seiner Bilder hintereinander gesehen hat,
erhält man, besonders infolge der Einförmigkeit
seines Kolorits, leicht den Eindruck des Konventio-
nellen ; hier in diesen Zeichnungen kommt die Ur-
sprünglichkeit, Zartheit und Innigkeit seines Natur-
empfindens aufs schönste zur Geltung. Unter den
Anhängern der klassischen Landschaft steht der greise
Harpignies mit zwei bedeutenden Werken noch immer
in erster Linie (A). Im allgemeinen stehen wir völlig
im Zeichen der Dämmerungslandschaft, überall klingen
uns schwermütige Harmonien, bald männlichernst,
bald weiblichzart entgegen. Das ist besonders in der
Societe Nationale so stark der Fall, dass ein rechtes
„Freilichtbild" wie das Yachtbild von Oervex uns fast
fremdartig zwischen ihnen anmutet. Menard's schönstes
Bild ist diesmal „Auf klassischem Boden" (Die Tempel-
ruine von Agrigent) (N), Dauchez hat einige präch-
tige ernste Fluss- und Küstenlandschaften aus der
Bretagne (N), Bouche ein sehr tief empfundenes Abend-
bild „Die Ufer der Marne" ausgestellt (A.), Qosselin's
„Teichufer" (A.) reiht sich würdig seinen früheren
Schöpfungen an. Vaysse, de Moncourt, Lobre (N)
seien ausserdem genannt.

Auf die Zeichnungen, Aquarelle, Pastelle und
Radierungen einzugehen mangelt der Raum, doch sei
wenigstens auf die Zeichnungen von Delachaux, Gui-

I guet, Legrand, Milcendeau und dem Deutschen Sohn-
Rethel, auf die Aquarelle von Daniel Vierge und auf
die Radierungen von Kpepping, Legrand, Lepere und
Raffaelli hingewiesen.

Gut, wenn auch nicht sehr reich an überraschen-
den Werken, ist die Abteilung der kunstgewerblichen
Gegenstände. Besonders reichhaltig sind die Schmuck-
sachen. Laliqae's Anregungen sind überall bemerk-
bar, einige machen sogar seine Ketten und Broschen
fast ohne Abweichung nach. Unter den Möbeln er-
scheinen mir das Speisezimmer von Plumet und Sel-
mersheim und die Möbel für einen Geiger von Sau-
vage als am besten gelungen.

Von den Skulpturen der Societe des Artistes
zieht die „sich entschleiernde Nacht" von Barrias
durch die Pracht des Materials (polychromer Marmor
und algerischer Onyx) die allgemeine Aufmerksam-
keit auf sich. Die weit überlebensgrosse Marmor-
gruppe des »Verlorenen Sohnes« von Ernst Dubois
ist ebenso tief empfunden wie gewaltig durchgeführt.
Sehr graziös, in der Schlankheit der Formen fast
an Goujon erinnernd, ist die „Juno mit dem Pfau"
von Carles. Falguiere's „Balzac" lässt Rodin's ge-
niale, wenn auch nicht einwandfreie Statue vom
Vorjahre schmerzlich vermissen. Im übrigen findet
sich unter den Denkmälern, Gruppen und Einzel-
figuren nicht gar zu viel Bemerkenswertes. Da-
gegen ist die Zahl der guten Porträtbüsten recht an-
sehnlich. Bei den Bildhauern der Societe Nationale be-
gegnet man auf Schritt und Tritt dem Einflüsse Rodin's,
der als Lehrmeister nicht ganz ungefährlich ist. Der
Meister selbst hat eine „Eva nach dem Sündenfall"
und die Büsten Rochefort's und Falguiere's aus-
gestellt.

In den Salons befinden sich zwei Denkmäler
von Puvis de Chavannes und zwei Gemälde, die ihn
verherrlichen sollen; gutgemeinte Werke, in denen aber
von seinem Geiste nichts zu spüren ist. Wie oft ist
in diesen Tagen des unvergesslichen Meisters schmerz-
lich gedacht worden! An der Stelle, wo sonst
seine Werke hingen, hängt jetzt auf einer grünen
Draperie über einem goldenen Palmenzweige das
schlichte Bild der Frau, die ihm das Teuerste war und
die er nur so kurz sein eigen nennen durfte, aus dem
Jahre 1883. Es ist das schönste Werk von all den
siebentausend und etlichen der beiden Salons.

WALTHER GENSEL.

SIMON VON ASCHAFFENBURG.
(ZUR CRANACH-AUSSTELLUNG IN DRESDEN.)

Während der letzten Monate sind in diesen Blättern
wiederholt (X. Jahrgang Nr. 10, Nr. 17, Nr. 22) die
Namen Pseudogrünewald und Simon von Aschaffen-
burg genannt worden, zwei Namen, die man seit
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