Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 10.1899

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Sammlungen und Ausstellungen.

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erhalten hatte. Auf einem Sockel aus rötlichem bayerischen 1
Marmor, der hierbei zum erstenmal in Berlin zur Verwendung j
gekommen ist, erhebt sich das in weissem Tiroler Marmor
ausgeführte Standbild des Forschers. Der Stätte entsprechend J
ist er dozierend dargestellt, etwas geneigten Hauptes, als ob
er zu seinen Zuhörern spräche, die Rechte halb erhoben und
mit der Linken sich auf einige Bücher stützend, die auf
einem dreiseitigen, mit Reliefs gezierten Postamente liegen.
Der Künstler hat, wohl einem Wunsche seiner Auftraggeber,
des Denkmalscomites nachgebend, als Tracht das moderne
Festkleid, den Frack, gewählt; aber er hat die künstlerische
Widerwärtigkeit dieses Kleidungsstücks durch den darüber
geworfenen Professorentalar zu mildern gesucht, der der
Figur wenigstens etwas Relief und Fülle giebt. Im übrigen
ist es ihm gelungen, das menschliche Wesen und den geistigen
Charakter des berühmten Gelehrten zu höchst lebensvoller
Anschauung zu bringen.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

London. — Unter den zahlreichen Sommerausstellungen
ist jedenfalls die von der Stadt London in der „Guild-Hall"
veranstaltete die bedeutendste, die seit langen Jahren in
London stattgefunden hat, soweit es sich um moderne Meister
handelt. Die ursprünglich nur zu Ehren Turners beab-
sichtigte Ausstellung wurde schliesslich auch auf mehrere
seiner berühmten Zeitgenossen ausgedehnt, unter denen
namentlich Constable, Gainsborough, Reynolds, Romney,
Raeburn und George Morland hervorzuheben sind. Da
Turner einzig und allein Landschafter war, und er gerade
in diesem Augenblick als einer der hervorragendsten, wenn
nicht sogar als der bedeutendste Künstler der modernen
englischen Schule in diesem Specialfach angesehen wird,
so dürfte die chronologisch geordnete Vorführung von
38 Meisterwerken aus allen seinen Epochen, unzweifelhaft
ein allgemeines Interesse beanspruchen. Trotz der zahlreichen
Arbeiten von Turner's Hand, welche die »National Gallery"
besitzt, bietet letztere kein so übersichtlich geordnetes Bild
der Schaffensperioden des Meisters, wie es in der „Guild-
Hall" geschieht. Die gegenseitige Ergänzung beider vermag
uns erst vollständig zu zeigen was Turner wirklich leistete.
Es giebt kaum einen englischen Maler, dessen Phasen sich
so verschiedenartig gestalten wie die von Turner, und ausser-
dem durch die wunderlichsten Inkonsequenzen seiner jedes-
maligen Periode, vollkommen irreführen können. Selbst
nach einem Dutzend, aber nur zufällig herausgegriffener Ge-
mälde, lässt sich seine Kunstthätigkeit nicht richtig beurteilen.
Seine erste wirkliche Anerkennung fand durch John Ruskin
statt. Alsdann trat gegen die überschwänglichen Lobes-
erhebungen eine Reaktion ein. Dies ging soweit, dass vor
etwa 15 Jahren Turner ziemlich aus der Mode gekommen
war, wenn dieser Ausdruck für einen so bedeutenden und
genialen Mann, nicht viel zu hart erschiene. Dann nahm
die Wertschätzung Turner's sowohl ideell wie auch materiell
stetig zu, bis sie in unseren Tagen den Kulminationspunkt
erreichte. Erstklassige Arbeiten des Meisters werden in den
Auktionen mit 150000 M. bezahlt, und „Venedig", im Jahre
1844 gemalt, erzielte in der kürzlich stattgehabten „Fowler-
Versteigerung", einen Preis von 172000 M. Turner bleibt
der glücklichste Nachahmer Claude Lorrain's in seiner ersten
Periode. In der zweiten Epoche kommt seine ganze Eigen-
art zum Vorschein. Im dritten Abschnitt seiner Kunstent-
faltung wird die Phantasie des Meisters überspannt, erhitzt,
Effekte werden gesucht, und der ganze Vortrag erscheint
nachlässig und skizzenhaft. Nur unter der Bedingung, dass

seine Hauptarbeiten neben Claude Lorrain in der „National
Gallery" placiert würden, vermachte er einen grossen Teil
seiner Werke letztgenanntem Institut. In seinem „Liber
Studiorum", in welchem wir den Meister als Kupferstecher
und Radierer auftreten sehen, suchte er das Gegenstück zu
Claude's „Liber Veritatis" zu schaffen. v. s.

A. R. Berlin. — Im Künstlerhause hat die Ausstellung
von Werken der Weimarer Schule, die einen Überblick über
das reiche künstlerische Leben geben will, das seit Begründung
der Kunstschule der thüringischen Residenz entsprossen ist
und sich über ganz Deutschland ausgebreitet hat, eine Fort-
setzung in einer zweiten Serie gefunden. An dieser sind
aber nicht, wie erwartet worden war, vorzugsweise die Ver-
treter der neuesten Richtung in der Weimarer Schule, son-
dern meist dieselben unter den noch lebenden Mitgliedern
der Schule beteiligt, die sich schon in der ersten Serie
hervorgethan hatten. Von den „Modernen" im eigentlichen
Sinne des Wortes finden wir nur den Landschaftsmaler
Christian Rohlfs, der trotz seiner patzenden Manier, die die
bemalte Fläche zu einem greifbaren Relief macht, doch nur
sehr geringe Wirkungen erzielt, von Gleichen-Russwurm
und den jetzt in Dresden thätigen Paul Baum, die letzteren
beiden aber mit Bildern vertreten, die von ihrer jetzigen
Art — wie wir nicht verhehlen wollen — ungemein wohl-
thuend abstechen. Insbesondere ist Baum's Frühlingsland-
schaft eine kleine Perle in feiner, poetischer Stimmung.
Dasselbe muss man auch von den alten, am Strande sitzenden
Seemann, der „nicht mehr mit kann", von Graf L. von Kalch-
reuth sagen, gegen dessen kraftvolle, gesund-realistische Art
der Darstellung — er ist 1888 gemalt — seine neuesten Bilder
uns einen bedenklichen Rückschritt zu bedeuten scheinen. Mit
charakteristischen Proben ihrer Kunst sind ausserdem noch
Ahrendts, Frithjof Smith, Franz Hochmann, F. Hoffmann-
Fallersleben, Hans W. Schmidt (Kaiserparade bei Gamstedt
1892), Max Thedy, Th. Hagen, O. v. Kameke, E. Henseler,
G. Koken, O. Günther-Naumburg und R. Reinicke vertreten,
von denen die Mehrzahl freilich längst Weimar den Rücken
gekehrt hat. Aber ihre Beteiligung an der Ausstellung be-
weist, welch dankbare Erinnerung sie der Pflanzstätte ihrer
künstlerischen Bildung bewahrt haben. — Jung-Weimar oder
doch ein Teil davon, hatte zu gleicher Zeit eine Ausstellung
bei Eduard Schulte veranstaltet: ein im vorigen Jahre unter
dem hoffnungsvollen Namen „Apelles" begründeter Künstler-
bund, von dessen Mitgliedern es aber, von dem schon oben
erwähnten Rohlfs abgesehen, bis jetzt noch keines zu einer
Individualität gebracht hat. Sie begnügen sich damit — es
sind fast durchweg Landschaftsmaler — schlichte Motive,
meist Frühlings- und Herbststimmungen, schlicht und wahr
wiederzugeben. Aber diese an und für sich sehr schätz-
bare Fähigkeit ist heute schon so weit verbreitet, dass sie
beinahe selbstverständlich geworden ist und zu besonderem
Ruhm keinen Anlass mehr bietet. Neben Rohlfs sind von
den Mitgliedern des Bundes besonders Franz Becker,
Theodor von Stein, Richard Starke und Alfred Heinsohn
zu nennen.

Berlin. — Im Lichthofe des Königlichen Kunstgewerbe-
Museums ist zur Zeit ein Altar-Retabulum ausgestellt, das
von dem Architekten Christoph Hehl, Professor an der
Königlichen Technischen Hochschule zu Berlin, für die von
ihm erbaute Herz-Jesukirche hierselbst entworfen und im
Atelier des Ciseleurs Otto Rohloff, Lehrers an der Unterrichts-
anstalt des Kunstgewerbe-Museums, ausgeführt worden ist.
Der Altaraufsatz ist entsprechend den Bauformen der Kirche
im Stilcharakter des 12. Jahrhunderts und auch in einer
Technik ausgeführt, die der der kirchlichen Prachtbauten jener
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