Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 11.1900

Seite: 49
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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Professor Dr. Max Go. Zimmermann

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Oartenstrasse 15

Neue Folge. xi. Jahrgang.

1899/1900.

Nr. 4. 2. November.

1110 1 *u,lstchronik erscheint als Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst« und zum Kunstgewerbeblalt« monatlich dreimal, in den Sommer-
K "a ' J"'' bls September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
handln« u ■ d'C Kunstchronik g^is. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
b Vr°ne, W~ Inserale. ä3oPf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

WILHELM MÜLLER-SCHÖNEFELD.

Der frische jugendliche Zug, der seit langem auch
durch das Berliner Kunstleben geht, macht sich, was
freilich nicht ausbleiben konnte, seit einigen Jahren
auch in unserem Kunsthandel, im Wesen unserer so-
genannten Kunstsalons , bemerkbar. Das Verdienst,
das zum allgemeinen Bewusstsein gebracht, diesem
Zuge gedeihlicher Entwickehing zuerst energisch Vor-
schub geleistet zu haben, gebührt in erster\inie der
jungen Handlung von Keller & Reiner. Von Anfang
ihres Bestehens an ist es kaum vorgekommen, dass
man ihre nicht nur auf Eleganz, sondern fast noch
mehr auf Gemütlichkeit und Behaglichkeit zugeschnit-
tenen Ausstellungsräume verliess, ohne etwas Interes-
santes, auch den Gegner fesselndes, gesehen zu haben.

Das ist denn auch bei ihrer diesjährigen ersten
Herbstausstellung der Fall, und zwar ist es von den
drei Sammelausstellungen, die uns geboten werden,
die des jungen Berliner Malers Wilhelm Müller-Schöne-
feld, welche die grösste Beachtung verdient.
Es offenbart sich hier ein durch fleissigstes Studium
entwickeltes, in ernster Arbeit erstarktes grosses Ta-
lent, das die besten Hoffnungen erweckt und schöne
Erwartungen rechtfertigen dürfte, für den Fall, dass
es dem Künstler gelingt, sich von äusserlichen Be-
einflussungen so weit frei zu machen, dass sie gegen-
über seiner eigenen Persönlichkeit mehr und mehr
zurücktreten. Ganz sicher ist diese so bedeutend,
so voll ursprünglicher Kraft; dass der Maler jeglicher
Anempfindung, die so leicht in folge redlichen Stu-
diums der grossen Meister erscheint, energisch und
bewusst aus dem Wege gehen sollte. Erst der wird
ganz Vollwertiges schaffen, der sich selbst gefunden
hat und nur sich selbst giebt, vorausgesetzt natürlich,
dass er etwas zu geben hat. Und das, wie gesagt,
•st hier der Fall.

Einzelne Bilder, die jene Vorbedingung aller
Meisterschaft erfüllen, beweisen es zur Genüge. Vor
allem ein grosses Porträt, Bildnis der Frau St., zu dem
der Bildhauer Stichling übrigens einen sehr geschmack-
vollen Rahmen entworfen hat. Die Gestalt der jungen

anmutigen Frau, umschmiegt von einem prächtig-schlich-
ten, gelben, schwarz gestreiften Seidenkleid, das sich
trotzdem es virtuos gemalt ist, keineswegs, wie sonst so
häufig bei Porträts, aufdrängt, scheint aus den dunklen
Blumen, mit denen der Saum des Gewandes durchwirkt
ist, in schlanken Linien förmlich emporzuwachsen; —
vollbeleuchtet, die Aufmerksamkeit des Beschauers
vor allem festhaltend, tritt der Kopf mit den träume-
rischen Augen und der schlanke, feingeformte Hals
hervor. Hier zeigt sich eine Auffassung, eine ein-
gehende künstlerische Vertiefung in das Darzustellende,
die das einfache Bildnis zu einem hohen Genuss ge-
währenden Kunstwerk erhebt; nichts Kleinliches,
Nebensächliches stört uns, einfach und gross ist alles,
so sehr, dass der reizvolle Gegenstand vollständig
verschwindet gegenüber der ruhigen Freude an dem
Bilde selbst. — Wer ein solches Werk schaffen kann,
der ist nicht nur ein bedeutender Porträtmaler, son-
dern, was mehr ist, ein bedeutender Künstler!

Wäre Müller-Schönefeld das nicht, so wäre ihm
auch nicht ein Werk gelungen, das, so ganz anders
geartet es ist, doch fast das gleiche Lob verdient, das
grosse Gemälde, das er »Sehnende Weise« betitelt.
Ein Jüngling sitzt auf blumigem Rasen, die Flöte
blasend, während hinter ihm an den schlanken Stamm
eines Baumes gelehnt, ein junges nacktes Weib steht,
das seiner Weise voll hingegeben lauscht. Wie
wundervoll sind zunächst die beiden Akte gezeichnet!
Da ist kein durch geniale Nachlässigkeit vertuschter
Mangel an Können, da ist alles klar und durch-
studiert, und doch so durchaus malerisch, dass man
die Meisterschaft der Zeichnung über der des Ge-
mäldes vergisst. Welche Anmut und doch welche
Herbheit in der Bewegung besonders der weiblichen
Figur, welche schöne erquickende Ruhe in und
über dem Ganzen!

Eine dritte Richtung seiner Begabung zeigt der
Künstler in dem dekorativen Entwurf: »Gründung
und Zerstörung einer Stadt im Mittelalter«. Es gehört,
obwohl es nur ein Entwurf ist, zu den besten Bildern
der Sammlung, besonders in Hinsicht der Kompo-
sition. Es verrät ein gut Teil Anlage zur Monumen-
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