Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 11.1900

Seite: 361
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361 Personalnachrichten. — Wettbewerbe. — Sammlungen und Ausstellungen. 362

PERSONALNACHRICHTEN

Erlangen. In der philosophischen Fakultät der hiesigen
Universität habilitierte sich Dr. Friedrich Haack mit einer
Schrift über Friedrich Herlin, sein Leben und seine Werke.

Prag. An Stelle des verstorbenen Landschafters Marak
ist der Historien- und Soldatenmaler Rudolf Ritter von
Ottenfeld zum Professor an der hiesigen Kunstakademie
ernannt worden. * *

WETTBEWERBE

Berlin. Ein Preisausschreiben zur Gewinnung von Ent-
würfen zu einem Banner für die Innung »Bund der Bau-,
Maurer- und Zimmermeister zu Berlin« erlässt der Verein
für Deutsches Kunstgewerbe. Es sind ausgesetzt ein
I. Preis zu 300 M. und ein II. Preis zu 200 M. Dem Preis-
richterkollegium gehören u. a. an: E. Doepler d. J., Dr. P.
Jessen und Baurat A. Koerner. Letzter Einlieferungstermin:
15. Mai a. c; Einlieferungsstelle: Geschäftsstelle des ge-
nannten Vereins, Berlin W. 9, Bellevuestr. 3, Künstlerhaus.

-r-

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN
Berlin. Es gab eine Zeit, in der die Farbe in der
Malerei als etwas Nebensächliches, ganz Untergeordnetes
galt, in der es ausschliesslich auf die Zeichnung ankam.
Diese freudlose, öde Zeit liegt zum Glück hinter uns, aber
hier und da taucht die entgegengesetzte Gefahr drohend
auf, und diese Gefahr ist fast noch grösser; denn sie hat
im Gefolge eine verhängnisvolle Gleichgültigkeit, eine Miss-
achtung des ernsten Studiums der Grundlagen der Kunst,
das auch dem genialsten Maler unentbehrlich ist, will er
wirkliche Meisterwerke hervorbringen. Die Farbe besticht
und berauscht und verführt in mancher Hinsicht leicht zu
einer gewissen Oberflächlichkeit, oder wenn man so sagen darf:
»Unsolidität« der Arbeit. —Das zeigt sich auch in den Werken
eines jungen Berliner Künstlers, Carl Max Rebel, der zum
erstenmale, aber gleich mit einer umfangreichen Sammel-
ausstellung vor die Öffentlichkeit tri't. Er hat bei Keller
& Reiner 27 Arbeiten ausgestellt, die auf den ersten Blick
ein ganz ungewöhnliches malerisches Talent verraten. Aller-
dings sind auch — ebenso auf den ersten Blick — die
verschiedenen Vorbilder des Künstlers zu erkennen; vor
allen hat ihn der grosse Böcklin nachhaltig beeinflusst.
Aber dieser Einfluss hat ihn selbst nicht ganz über den
Haufen geworfen, in einzelnen seiner Arbeiten zeigt er
eigenes, poetisches Empfinden für das Leben in der Natur,
Sinn für Farbe und ganz ungewöhnlicheKraft in ihrer Erfassung
und Wiedergabe, dieihn hochüberdie meisten der unzähligen
Nachtreter jenes Unsterblichen erheben. Ein bescheidenes
kleines Bild, »Birken im Vorfrühling«, scheint mir eine der
besten Darbietungen Rebel's zu sein. Die Spiegelung der
schlanken Stämme im Wasser, der feine blaue Duft, der
über der Tiefe des Bildes liegt, nehmen den Beschauer
durchaus gefangen, und zur Erhöhung der Stimmung trägt
auch die in die Landschaft hineinkomponierte, rotbeklei-
dete, weibliche Gestalt in zarter und doch kräftiger Weise
bei. Ein zweites treffliches Bild ist der »Alte Burghof«, sogar
ein ganz besonders vortreffliches. Diese alten, in feurige
Abendglut getauchten Giebel und Zinnen, die aus dem in
Dämmerung versunkenen Hofe emporsteigen, zeugen von
weit grösserer Kraft der Gestaltung, sind von einem grösse-
ren Zuge beseelt, als das riesengrosse Werk Rebel's, das
beim Betreten des Saales zuerst in die Augen fällt. Es
ist »Morgen« betitelt und zeigt einen in goldene Rüstung
gekleideten, barhäuptigen, kühn in die Ferne spähenden
Ritter auf mächtigem Ross. Vor ihm im Sattel sitzt eine
schlanke, in rotes Gewand gekleidete Mädchengestalt,

die schwärmerisch den Kopf an seine Schulter legt. Zu
Füssen des Pferdes brandet das weite, blaugrüne Meer.
Das ist eine Farbensymphonie von grosser Pracht, auch
eine frische Morgenstimmung weht uns an — aber —
aber —! Das Können hat doch nicht gereicht, zeichnerische
und technische Mängel drängen sich auf, und zudem
erinnert dieser viel zu kleine, rundschnäuzige Pferdekopf an
den Kopf eines Tapirs. Die Ähnlichkeit ist aufdringlich und
stört natürlich den Eindruck.

Viel bedeutender, und auch noch kräftiger in der
Stimmung, ist der »Sonnenaufgang«. Wie da das erste
Licht über die weite duustumhüllte Landschaft flutet,

| bis hinauf zu dem auf dem Hügel pflügenden Ochsen-
gespann und dem es leitenden Bauern, das ist ganz
ausgezeichnet, und prächtig ist auch das Bild »Der
Morgen dämmert«, wo der Ritter am Waldrand erwacht,

| oder das dämonische »Sappho«, oder das »Andante« mit
der stimmungsvollen Beleuchtung und den schwebend
schreitenden Gestalten, oder »Abendlandschaft«, wo sich
allerdings in den Figuren des Ritters und des goldhaarigen
Mädchens wieder Verzeichnungen zeigen. Schlimmer treten
sie auf in dem Werke »In Sehnsucht«. Die krasse Verzeichnung
bei dem rechten Bein des ruhenden Mannes wird nicht im
geringsten durch das überfallende Gewand versteckt. »Tristan
und Isolde« und »Francesca da Rimini«, »Valse« und
»Zeichnung« aber sind sogar ziemlich traurige Arbeiten,
die den günstigen Eindruck von tüchtiger Begabung, den
man sonst empfängt, stören.

Carl Max Rebel, er soll erst 25 Jahre alt sein, kann einmal
eine Grösse werden, wenn er einsieht, dass er vorläufig noch
weit davon entfernt ist. Er soll sich autodidaktisch gebildet
haben. Gut, und alle Achtung! Autodidaktisch sich fortbilden
istfürwirklicheBegabungvielleichtdasbesteMittel, um etwas
zu erreichen. Aber zweierlei ist zu bedenken. Es kann
sich immer nur um Fortbildung handeln — die Grundlagen
müssen feste und umfassende sein, sonst wird auch der
stolzeste Bau bald Risse zeigen und den Einsturz drohen.
Und zweitens muss, wer seiner eigenen Kraft so viel
zutraut, beseelt sein von heiligem, unerbittlichem Ernst.
Mit allerlei Blendern ist es nicht gethan — nur »das Echte

j bleibt der Nachwelt unverloren!« —

So etwas Echtes, Grosses, Unvergängliches ist wieder ein
neues Bismarckbild von Franz v. Lenbach, das bei Eduard

! Schulte ausgestellt ist. Es zeigt den alten Bismarck, ziemlich
ungeschminkt so alt, wie wir ihn in seinen letzten Jahren in
Friedrichsruh oftmals gesehen haben. Das Greisenhafte
stimmte ja wehmütig, aber das unsterbliche Feuer des
gigantischen Geistes leuchtete doch bis zuletzt aus dem
mächtigen, fast übermässig geweiteten Auge. Ganz so
hat der grosse Meister den Gewaltigen hier gemalt — die
mächtige, herrliche Persönlichkeit tritt uns hier entgegen,
trotzdem der Körper von der Last des Alters gedrückt
erscheint. Das zu erreichen war eine gewiss ausserordentlich
schwere Aufgabe — nur ein Lenbach konnte sie so meister-
haft lösen. Dies Bild ist eine seiner allergrössten Schöpfungen
und so ist es natürlich, dass man, was sonst noch bei
Schulte ist, kaum in einem Atem mit ihm zu nennen wagt.

Und doch ist noch vieles Gute, sehr Gute da, eine
ganze Anzahl von Sammelausstellungen tüchtiger Maler.
Karl Ziegler-Bedin freilich erschien früher in einzelnen
Darbietungen bedeutender, als er sich hier zeigt. Viele
dieser Porträts haben etwas Trockenes, Kaltes, Tempera-
mentloses, besonders einzelne Herrenporträts. Wenn nicht
der Name dastände, so würde man es kaum für möglich

i halten, dass beispielsweise das Bildnis des Grafen Wintzin-

] gerode von demselben Künstler stammt, der jene überaus

' feinen Damenporträts schuf, die in den letzten Jahren auf
den Grossen Berliner Kunstausstellungen« erschienen, und
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