Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Berliner Brief

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zehnten ist die »Permanente Ausstellung« das Schmerzens-
kind des Vereins Berliner Künstler. Man kann, ohne ein
Prophet zu sein, getrost weissagen: das wird immer so
bleiben. Denn der Verein hat eben sogenannte »Vereins-
rücksichten« zu nehmen, er ist ein geselliger und ein Unter-
stiitzungsverein — zu solchem Behuf ist er entstanden —,
und es ist ihm seinem ganzen Charakter nach gar nicht
möglich, in die Kunstentwickelung Berlins irgendwie ent-
scheidend einzugreifen. Er hat auch niemals künstlerisch
eine bedeutsame Rolle gespielt, wohl aber die grossen
Sommerausstellungen, die sich früher unter der alleinigen
Oberaufsicht der Akademie verhältnismässig wohl fühlten,
seit seinem Eintritt in die Leitung im Niveau um ein Er-
hebliches herabgedrückt. Die Ausstellung im Künstlerhause
leidet unter denselben Umständen, wie die grossen üeneral-
bilderversammlungen im Moabiter Glaspalast seit jenem
schlimmen Tage: die mittelmässigen und unbedeutenden
Mitglieder des Vereins, die natürlich in der Majorität sind,
behaupten, man dürfe sie nicht totschweigen, und man
kann ihnen darin nicht einmal Unrecht geben. Denn man
kann nicht verlangen, dass die Ausstellungskonimission in
der Bellevuestrasse den künstlerisch Unmündigen aus der
Vereinsliste auf ihre Beschwerden das erwidert, was im
18. Jahrhundert ein französischer Polizeipräfekt einem re-
volutionären Zeitungsschreiber, der gerufen hatte: »Ich muss
doch leben!«, zur Antwort gab: »Je n'en vois pas la
necessite.«

Von Zeit zu Zeit aber giebt es auch im Künstlerhause
Ausstellungen, die einen Besuch wohl lohnen. Das ist
meistens dann der Fall, wenn eine neue Kommission ihr
Amt antritt, oder wenn sonst in der Verwaltung irgend
eine Veränderung vor sich gegangen ist — was Gottlob
recht häufig vorkommt. Auch jetzt ist ein solcher Fall
wieder eingetreten, und die Folge ist, dass eine Samm-
lung von Kunstwerken zustande kam, die sich sehr
wohl sehen lassen kann. Auch »der« kunsthändlerische
Sekretär, den das Künstlerhaus seit dem letzten Winter
wieder engagiert hat: Fräulein Mathilde Rubi, die mit
durchaus männlicher Klugheit und Energie ausgestattete
ehemalige Kassiereiin des Vereins aus den Zeiten des
Architektenhauses, die inzwischen einen eigenen Verkaufs-
salon eröffnet und ausserordentlich geschickt geleitet hatte,
— auch dieser Faktor sorgt mit dafür, dass die Ausstellungen
einigermassen anziehend ausfallen. Da in der Gunst des
Berliner Publikums ausländische Kunst gegenwärtig, leider,
am höchsten im Kurse steht, hat man sich mit Eifer jen-
seits unserer Grenzen umgesehen und eine recht stattliche
Schar fremder Bilder herangezogen. Sogar die Schule von
Fontainebleau findet jetzt ehrerbietige Aufnahme im Schosse
des Künstlerhauses; man erlebt die Sensation, eine Land-
schaft von Daubigny, nicht gerade eins seiner Meisterstücke,
aber doch ein sehr gutes Bild, dort an der Wand prangen
zu sehen. Ja, selbst die jüngere Koloristenschule wird nicht
mehr verpönt: der grosse dekorative Panneau von Besnard:
»Die Fahrt nach der Insel der Seligen«, der auf der Welt-
ausstellung von 1900 zuerst erschien, schmückt als Haupt-,
Mittel- und Prachtstück der Ausstellung die Wand, die dem
Eingang gegenüber liegt. Das Besnard'sche Bild ist ein
glänzender Wurf. Mit erstaunlicher Kühnheit sind auf der
kolossalen Fläche die zartesten und delikatesten Farben-
wirkungen versucht; Accorde, die man sonst nur auf einem
kleinen Pastell wagt, sind hier mit höchst raffiniertem Ge-
schick in den enormen Massstab eines Riesengemäldes über-
nommen, und das Wagnis ist geglückt. Es strömt aus
diesen Gelagen der Glücklichen auf dem üppigen Eiland,
aus diesen Boten der Sehnsüchtigen, die vom Gestade des
Lebens in das sonnige Reich fliehen, dem Beschauer wie j
Blütenduft und Flötenklang entgegen, wie die ein* |

schmeichelnde Melodie eines Rokokoliebesliedes von der
Insel Cythera, die hier in modernisierter Gestalt wieder er-
scheint. Doch wichtiger fast noch als diese einzelnen Bilder
ist im Künstlerhause die Kollektion farbiger Radierungen
und Lithographien von jüngeren Pariser Künstlern, ent-
zückende Blätter von Delätres, Pinchon, Ranft, Maurin,
Steinten, Mutter, Boutet, de Monvel und anderen.

Landschaften, Figuren, mondäne Scenen von emi-
nentem Farbengeschmack und liebenswürdigster Zeichnung,
fast jedes ein Labsal für den Kenner und fast jedes vor-
trefflich zum Zimmerschmuck geeignet für die zahlreichen
Leute, deren Geldbeutel sich an Originalgemälde nicht
heranwagen kann, und die bisher meist ohne Farbe mit
Schwarz-Weiss-Reproduktionen auskommen mussten. —

Auch die Natwnalgalerie hat sich seit geraumer Frist
eine Art »permanente Ausstellung« angewöhnt. Im zweiten
Corneliussaal, wo jetzt die untere Reihe der Kartons des
göttlichen Peter grausam mit hellgrün getünchter Leinwand
überdeckt ist, hat sich ein rundes Jahr hindurch die »Aus-
stellung der neuen Erwerbungen« in Permanenz erklärt.
Der chronische Raummangel der Galerie ist nun zu einem
akuten Leiden ausgebrochen, das wohl nicht eher kuriert
sein wird, bis man im zweiten Stockwerk die angekündigte
Amputation der Raczynskisammlung vorgenommen hat.
In jüngster Zeit sind zu den neuen Ankäufen noch einige
Werke hinzugekommen, während die grosse Ausstellung
der Erwerbungen des letzten Sommers erst gegen Ende
des Oktober in Scene gesetzt werden soll. Jene Einzelstücke
sind, ausser den schon längst angekauften dekorativen
Bildern von Max Klinger — der Hälfte des ursprünglich
für eine Privatvilla bestimmten Cyklus Böcklinisierender
Meeresphantasien —, Bereicherungen der Porträtgalerie
unseres modernen Museums: ein Bild des Kaisers von Max
Koner, eins der besten Porträts des Monarchen, die der
heimgegangene Künstler in so reicher Zahl gemalt hat,
ferner ein Bildnis Gneist's von Reinhold Lepsius, eine
ausserordentlich feine, in der diskreten Harmonie der
gedämpften Farben sehr schön wirkende Charakteristik,
und die Pettenkoferbüste Adolf Hildebrand's, eins der
herrlichsten Werke, die je ein deutscher Bildhauer modelliert
hat. Mit grimmigem Staunen sieht die vergoldete Cornelius-
büste auf die Werke des unbotmässigen modernen Ge-
schlechts herab, die nun neben ihr Platz und Geltung
beanspruchen.

Im Innern der Museen, das sieht man immer wieder,
kann man sich mit unserer offiziellen Kunstpflege aus-
gezeichnet vertragen. Aber treff ich dich draussen
im Freien, da soll der blutige Kampf sich erneuen . . .«

Jetzt gilt es einen Kampf gegen einen in Waffen starren-
den Gegner: gegen den Roland auf dem Kemperplatz, den
Otto Lessing dort als Abschluss der Siegesallee an die
Stelle des guten, ehrlichen, alten Wrangelbrunnens gesetzt
hat. Doch die Waffen dieses Pseudorecken sind nicht
gefährlich. Rückt man ihm mit dem Rüstzeug künstlerischen
Geschmacks auf den Leib, so werden sie zum Kinderspott.
Welch ein jämmerlicher Repräsentant mittelalterlicher Kraft
steht dann vor uns! Dann sieht man, wie ohnmächtig
sich hier die moderne Virtuosenroutine bei dem Bemühen
erwies, die starre Herbheit alter grosser Zeiten zu imitieren.
Wie kleinlich und wirkungslos ist dieser geleckte Marmor-
held, wenn man an seine rauhen Vorfahren aus Backstein
oder Haustein denkt. Von dem verblüffenden Versagen des
plastischen Gefühls gegenüber der Aufgabe, eine ganz frei-
stehende Rolandgestalt zu schaffen, gar nicht zu reden! Wenn
etwas den schlimmen Eindruck der Hauptfigur noch ver-
stärken kann, ist es der Brunnenunterbau des Standbildes
mit seiner fatalen Schokoladenfarbe, mit seiner grellen
beleidigenden Vergoldung, mit seinen Dachziegeln aus
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