Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Neue Zeichnungen von Michelangelo

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wo die elegante Halbwelt glänzend wahr geschildert ist.

— Zorolla ist wie immer erfreulich. Seine Fischer, welche
in der Sonne Netze flicken, sind ebenso wahr als blendend
in der solidesten Technik behandelt.

Wie immer erscheint die Plastik auch auf dieser Aus-
stellung als Stiefkind. Deutschland ist so gut wie nicht
vertreten. Dagegen hat Österreich-Ungarn einen Vertreter
in Ph. Beck's schönen kleineren Bronzen. Der Belgier
Meunier hat wieder zwei seiner grandiosen Arbeiterfiguren
ausgestellt und van Biesbrock ein grosses ergreifendes
Relief, eine trauernde Arbeiterfamilie. Van der Stappen
hat drei Arbeiten geschickt, darunter einen erschreckenden
»Schmerzensmann«, Büste Christi mit Armen und Händen,
welche sich krampfhaft in den Sockel einpressen. — Ein
süsses nacktes, ganz junges Mädchen, sitzende Figur in
Marmor, »Frühling« genannt, gehört dem Franzosen Fro-
ment an. — Wir sehen ferner einen Ugolino, am Boden
verzweifelnd kriechend von Rodin und eine sonderbar
gedachte »Hand Gottes«, welche gleich kleinem Gewürme
Adam und Eva hält. — Am meisten fesselt das Modell
der sitzenden Statue des Fürsten Leo Galitzin von Trou-
bezkoi durch den Geist und das Leben, welches in dieser
mit unglaublichem Geschicke skizzierten Figur sich dar-
stellt. Ebenso wird eine kleine bekleidete Figur einer
Dame bewundert, mit derselben Meisterschaft modelliert.
Seine Manier hat sich eine Dame (Russin) F. Ries an-
geeignet. Wir sehen von ihr die Halbfigur des Grafen
Wilszek und die des Professors Helmer. Beide voller
Leben. — O. Frampton stellt eine Bronzebüste des Malers
East aus. Unter den Italienern zeichnet sich U. Nono
aus mit einer schönen Jünglingsfigur im Begriffe sich
selbst zu tätowieren. In dem verzweifelten Kampfe eines
nackten Jünglings mit einer Schlange hat er eine sehr
schön bewegte Gruppe geschaffen. Zum ersten Male aus-
gestellt hat ein junger Venezianer De Lotto und einen
sehr schönen Erfolg mit einem nackten Knaben im Modell
errungen. Derselbe beugt sich in schöner Bewegung
zum Wasser, um mit einer Muschel daraus zu schöpfen.

— Montenerde zeigt sich in seiner Bronzebüste Verdi's
nicht auf der Höhe. Der Turiner Canonica glänzt mit der
Marmorbüste der Königin Mutter, einem Relief mehrerer
betender Frauen und der Büste eines lachenden kleinen
Knäbleins im Sinne Donatello's. Alle drei vortrefflich in
Marmor durchgeführte Arbeiten. Von dem unglücklichen
Napolitaner Gemito sind ausser den genannten Zeichnungen
eine Anzahl kieiner wertvoller Bronzestatuetten zu sehen.
Apolloni's schöne Marmorfontäne ist schon erwähnt wor-
den, nicht aber eine zweite, kleinere reizende Fontäne mit
kleiner Marmorgruppe: Silen und Waldnymphe. — Ein
lebensgrosser Fischerknabe in Bronze ziert den Napoli-
tanischen Saal. Die schöne Bronze ist von dem ver-
storbenen Amendola. Ebenda von demselben Material ein
Kain, in Schmerz und Reue zusammengebrochen, von dem
vortrefflichen Trentacoste.

Es erübrigt noch, der Schwarz- und Weissausstellung
einen Blick zu gönnen. Ausser den prachtvollen Radie-
rungen, Scenen aus dem Pariser Leben des Armeniers
Cakine, muss besonders Baertson erwähnt werden, die
Zeichnungen von Sartario und Hermann Urban mit einer
lebengrossen, vom Rücken gesehenen Daphne.

Noch ein Schlusswort: Wir erfahren, alles in allem, durch
diese Ausstellung nicht viel Neues. Durch die grausam
verfahrende Jury ist uns nicht nur vieles aus dem Auslande
Eingesandte vorenthalten worden, sondern es sind auch
in ganz besonderer Weise die italienischen Künstler ge-
schädigt worden. Ist doch aus der ganzen Provinz Emilia
nicht ein einziges Bild angenommen worden! Die fünf
Bilder des De Stefani, eines unserer angesehensten I

Maler, darunter das grosse Porträt zu Pferd des Fürsten
Giovanelli, eines der Wohlthäter der Ausstellung und
Gründer der modernen Galerie im Palazzo Pesaro, sowie
das seiner jugendlichen Gemahlin sind erbarmungslos
zurückgewiesen worden, ebenso Bresanin mit einem vor-
trefflichen Bilde, ferner das grosse schöne Porträt von der
Hand des F. v. B/aas, zwei prächtige Bilder M. Bortolazzi's
und vieler anderer. Nur eine kleine Anzahl der betreffen-
den Bilder wurden dann nachträglich im Saale der Conso-
lation untergebracht, manche der Besten jedoch waren
mit Recht zu stolz, um sich der zweiten improvisierten
Jury zu unterwerfen. — Man hofft, dass fürs nächste Mal
andere Saiten aufgezogen werden. Man hat durch die
massenhaften Einladungen der Ausländer ohne bestimmten
Plan die italienischen Künstler geschädigt. Eine allzu
edle Massregel ist die, dass keine venezianischen Künstler
eingeladen werden können, da ja sie die Gastgeber seien.
So wurden denn alle Zurückgewiesenen vom Markte,
welches doch jede Ausstellung trotz der schönen Redens-
arten ist, ausgeschlossen. — Trotzdem nehmen sie, die
Venezianer, so ziemlich die erste Stelle ein in dem Ge-
botenen und werden, wenn erst die nordischen Einflüsse
noch völlig verdaut sind, jeder Ausstellung fürderhin die
höchste Ehre machen. AUGUST WOLF.

NEUE ZEICHNUNGEN VON MICHELANGELO
oder

WIE MAN ENTDECKUNGEN MACHT
Von Emil Jacobsen

In der Kunstchronik vom 17. Juli befindet sich ein Auf-
satz »Neue Zeichnungen von Michelangelo« von Herrn
Dr. G. Gronau dem ich glaube, folgende Bemerkungen
widmen zu müssen.

Herr Gronau fühlt sich dadurch irritiert, dass die Tages-
presse sich mit den von Ferri und mir nachgewiesenen
Studien beschäftigt hat (die Tagespresse sollte sich über-
haupt nicht mit Michelangelo beschäftigen!), davon Sensation
gemacht und sie gar als Entdeckungen bezeichnet habe.

Kann hier überhaupt von Entdeckungen die Rede sein?

Herr Gronau scheint dies sehr zu bezweifeln.

»Wer die Chance hat, an eine im allgemeinen nicht
zugängliche Stelle zu gelangen, kann leicht einmal eine
,Entdeckung' machen« — Entdeckung, ja im selben Sinne
wie die Harlemer Zeichnungen (!) oder »wie damals, als ein
englischer Herr in einem Zimmer des Palazzo Pitti, in das
nur diejenigen kamen, die dem Herzog von Aosta ihre
Aufwartung machten, Botticelli's Pallas an der Wand
hängen sah.«

Das Handzeichnungskabinett in den Uffizien wird von
Dr. Gronau mit einem unzugänglichen Zimmer im
Palazzo Pitti verglichen. Weiss er denn nicht, dass das
Florentiner Kabinett öffentlich ist, dass es jeden Tag (mit
Ausnahme des Sonntags) von zehn bis zwölf und von
zwei bis vier jedem Besucher zugänglich ist, dass jede
Mappe, sowohl die, welche Blätter von bekannten Künstlern,
wie die, welche Anonymen enthalten, die systematisierten,
sowie die nicht systematisierten mit derselben Bereitwillig-
keit vorgelegt werden?

»Aber man sollte von Entdeckungen nur sprechen,«
bemerkt ferner Herr Gronau, »wo es sich wirklich um
solche handelt. Es war ein ander Ding, als Friederichs in
der vatikanischen Statue den Doryphoros Polyklet's erkannte,
oder Morelli in einem Dresdner Bild Giorgione's Venus.«

Weder Ferri noch ich wollen so unbescheiden sein,
uns mit so hochberühmten Forschern oder unsere kleinen
Nachweisungen mit den ihrigen zu vergleichen, aber ich
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