Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Venetianischer Brief

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junger amerikanischer Maler — auch einige deutsche
waren mit dabei — aufgethan hatte. Munkäcsy war j
so freundlich, mir unter diesen Herren einen Platz
anzuweisen. Wir malten Studien nach dem lebenden
Modell, Köpfe, Akte, und es war von grösstem Inter-
esse für uns, wenn er uns lehrte, wie man die Natur
anschauen müsste. Korrigiert hat er eigentlich nicht
— er malte lieber das Falsche gleich von neuem und
dann war es für die Schüler ein schmerzliches Ver-
gnügen, wenn er die ganze Sache, auch wenn wir
noch so viel Mühe daran gehängt hatten, dick mit
Asphalt einseifte, dann wieder die hellsten Lichter j
aufsetzte und nun den ganzen Kopf in kurzer Zeit
hineinmodellierte. Auch in den verzweifeltsten Situa-
tionen war auf diese Weise bald Rat geschafft. —
Ich muss bekennen, dass wir ihn dann um seine
Sicherheit ehrlich beneideten.

Später, als er im Sommer 1880 an dem Christus
vor Pilatus malte, hatte ich erst recht die interessan-
teste Gelegenheit, ihm zuzuschauen. Mit ganzer Seele
war er dann bei der Arbeit. Auf der Riesenlein-
wand war er in seinem Fahrwasser. Bei der Unter-
malung schwelgte er geradezu in seinem Bitume,
mit rasendem Feuer war er bei der Arbeit, in Hemd
und Unterhosen — es war sehr heiss — wie ein
Anstreicher, die Ärmel aufgeschürzt, wütete er auf
dem Bilde herum, bis ihn endlich die Ungeduld
packte und er mit der vollen Hand in die Farbe fuhr
und so immer breiter zu Werke ging. Es kam dann
vor, dass er in diesem Aufzug zu einem Atelier-
nachbarn, einem alten französischen Maler, hinüber-
ging, um sich etwas zu verschnaufen. Ich habe einige
Zeit, bevor Munkäcsy dieses Bild begann, in dem-
selben Riesenatelier an der avenue Montaigne mein
erstes Bild, das ich im Pariser Salon 1880 ausstellte,
la Chanteuse, gemalt — Munkäcsy war so freundlich,
mir das Atelier für einige Monate zu überlassen. —
Er kam in dieser Zeit der liebenswürdigsten Weise
hie und da zu mir und lehrte mir die so einfache,
aber doch nicht genug befolgte Regel, alles und jedes,
was zu einem Bilde gehörte, nicht bloss die Figuren,
sondern auch die Gegenstände, kurz alles, was auf
dem Bilde vorkam, direkt vor der Natur zu studieren.
Das habe ich seitdem nicht aus der Acht gelassen.
Das Bild hatte nachgerade im Salon einen unerwar-
teten Erfolg, wurde bemerkt und günstig kritisiert
und fand schliesslich auf Munkäcsys freundliche Em-
pfehlung einen Käufer. In seinem Hause war er
sowie auch seine Gemahlin von grösster Liebens-
würdigkeit und Gastfreiheit. Ich entsinne mich einer
grossen Soiree, wo es von Herzögen, Ministern, auch
vielen Künstlern wimmelte. Bastien Lepage fiel mir
besonders auf durch die grosse Aufmerksamkeit, die
Munkäcsy für diesen hatte. Er schätzte ihn unter
den französischen Malern besonders, ich muss ge-
stehen, dass ich damals nur sehr wenig von ihm
wusste und gesehen hatte und dass das Wenige mir,
im Banne der Munkäcsy'sehen Kunst, nur sehr wenig
gefiel.

Im Sommer 1880, als Munkäcsy das Bild Christus
vor Pilatus malte, musste ich auf eine weitere Unter-

weisung von seiner Seite verzichten, er war zu be-
schäftigt, doch sah ich ihn, wie ich schon gesagt,
häufig vor seinem angefangenen Bilde, auch häufig
in seinem Hause oder im Hause des Malers Eug.
Jettel, mit dem er ganz besonders befreundet war.

Seit meinem Pariser Aufenthalt bin ich mit Mun-
käcsy nie wieder länger zusammen gewesen, auch bin
ich nie wieder seitdem in Paris gewesen. Unser
Verkehr hat sich nur auf seltene schriftliche Nach-
richten beschränkt, die mir aber zu meiner Freude
offenbar machten, dass er mit Sympathie und Interesse
an meinen künstlerischen Bethätigungen teilnahm.

Ich habe niemals ein Hehl daraus gemacht, dass
ich ihm sehr viel verdanke, da er mir den schwie-
rigen Schritt von einem kunstfreudigen Dilettantismus
zur Kunst zu thun half. Sein sehr anregendes Bei-
spiel, die Stunden in seinem Atelier, wenn ich ihm
bei der Arbeit zuschaute, seine Belehrungen halfen
mir damals in Paris entschieden sehr viel mehr
als alles, was ich vorher in München betrieben
hatte, die Freundlichkeit, mit der er sich des voll-
ständig unbekannten Kollegen angenommen hat, kann
ich niemals genug anerkennen. Wenn ich auch seit-
dem in meiner eigenen Kunst sehr weit von der
seinen abgewichen bin und die frühere Abhängigkeit
von ihm wohl kaum noch heraustritt, so habe ich
für ihn und seine Kunst noch immer die grosse Sym-
pathie und habe für viele seiner Schöpfungen die-
selbe Bewunderung noch heute, wie ich sie damals
als junger Maler dem Meister gegenüber mit Be-
geisterung bezeugte.

In meiner Wohnung habe ich ein Werk Mun-
käcsys, das Porträt einer ungarischen Tragödin, das
mir vor einigen Jahren ein Münchner Kunsthändler
überlassen hat. Die schönen warmen und tiefen
Farben des Bildes erfreuen mich wie damals, als ich
den »Pilatus« anstaunte. Es scheint bald nach der
Zeit des Pilatus entstanden zu sein.

VENETIANISCHER BRIEF
Noch war die angstvolle Aufregung, in welche Venedig
durch den Einsturz des Campanile versetzt wurde, nicht
gewichen; da bekam sie neue Nahrung, durch den ge-
fürchteten Einsturz des Campanile der Kirche S. Stefano,
eines der höchsten der Stadt, dessen bekannte starke
Neigung in den letzten Jahren bedrohlich zugenommen
hat. Sie betrug 1,65 und hat nun weitere acht Centi-
meter in den letzten Jahren zugenommen. Es wurden
sämtliche Wohnungen in der Nähe des Turmes geräumt.
— Ruhige Besonnenheit kehrte jedoch in die Gemüter
zurück, nach dem ersten Alarme. Die Abtragung des
Turmes schien nun beschlossen, und man begann mit
den Vorarbeiten hierzu. Der Campanile von S. Angelo
stürzte im vorigen Jahrhundert ein, nachdem der Versuch,
ihn lotrecht zu stellen, gelungen schien; derjenige der
Carita, stürzte in den Canal Grande, andere wurden da-
mals zur Hälfte abgetragen. Der Turm von S. Stefano
stammt in seiner jetzigen Gestalt aus dem Jahre 1544. Auf
den uralten morschen Unterbau häufte man damals eine
allzugrosse Last, welche dieser nun heute nicht mehr zu
tragen im stände ist, und ganz wie bei S. Marco, der
Hauptgrund des gefürchteten Einsturzes ist. Ohne das
Unglück von S. Marco hätte sich wohl zunächst niemand
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