Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

Page: 413
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1903/0218
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
413

Friedrich Pecht f

414

licher. Endlich reiht sich hier noch der Tondo der
Sieneser Dom-Madonna an, welcher um 1457 von
Donatello begonnen und 1458 von einem gewissen
Andrea d'Aquila aus Neapel vollendet wurde1). Den
Beweis für letztere Behauptung kann ich nur in
grösserem Zusammenhang erbringen.

Die Art und Weise, wie Bellano Donatello's Vor-
bild umarbeitete, zeigt das Marmorrelief in der Sakri-
stei der Eremitani, das um 1460 gearbeitet sein wird.
Wir bilden es ab, da es bisher nicht photographiert
war. PAUL SCHUBRINO.

FRIEDRICH PECHT t
Geboren am 2. Oktober 1814, als Sohn eines
Lithographen und Besitzers eines ansehnlichen Stein-
druckgeschäftes zu Konstanz am Bodensee, hatte
Friedrich Pecht von den Knabenjahren an Gelegen-
heit, seine Doppelnatur zu entwickeln: durch sorg-
fältigen Unterricht und namentlich durch Ausbildung
in mehreren Sprachen hinsichtlich seiner späteren
litterarischen Thätigkeit und durch seinen frühzeitigen
Eintritt in das Geschäft seines Vaters und durch
autodidaktische Zeichnungsübungen hinsichtlich seiner
Kunstthätigkeit. Doch konnte ihm die Heimatstadt
selbstverständlich nach keiner Seite Ausreichendes
bieten, und die Schranken des dortigen Kunstbetriebes
namentlich Hessen ihn bald nach Gelegenheit zu
weiterer Ausbildung in der Malerei suchen. Dazu
bot ihm freilich, als er 1833 nach München über-
gesiedelt war, die dortige Akademie nach ihrem
damaligen Bestand nicht die gesuchte Stelle, so dass
er es sogar vorzog, in das lithographische Atelier
Hanfstängl's einzutreten. Dieser würdigte auch Fleiss
und Talent des jungen Volontärs in dem Masse, dass
er ihn schon 1835 mit nach Dresden nahm, wo er
die lithographische Publikation der Königlichen
Galerie unternommen hatte. Seine Fähigkeiten wurden
dort rasch weiter bekannt, so dass er schon 1837
nach Leipzig berufen wurde, um sich lithographischen
Porträtaufträgen zu widmen. Eine erfolgreiche Be-
thätigung in dieser Richtung setzte auch den Künstler
schon 1839 in die Lage, sich nach Paris zu begeben,
um im Atelier Delaroche endlich zur Malerei über-
zugehen.

Vielleicht würde ihn dieser Entschluss zu Resul-
taten geführt haben, wie sie auch andere Zeitgenossen
erreichten, die damals in gleicher Absicht nach Paris
oder Antwerpen gegangen waren, und dort »durch
eifriges Bemühen« bei kaum grösserer Begabung zu
hervorragenden Künstlern erwachsen waren. Allein
Pecht langweilten, wie er selbst sagt, die endlosen
Aktstudien. Bei seinen überwiegend litterarischen
Neigungen schwelgte er dagegen im Verkehr mit
einem Laube oder Heine, wie er auch mit dem da-
mals nach Paris übergesiedelten Richard Wagner in
engere Beziehung trat. Dazu verhinderte seine
patriotische Abneigung gegen das Franzosentum den
belebenden Anschluss an den Meister. 1841 zurück-

1) Schon Schmarsow hat mit Recht hier zwei Hände
geschieden.

gekehrt, beschäftigte er sich zwar bis 1844 in München
mit Genremalerei und weitere zwei Jahre in Leipzig
mit dem Porträt, aber seine litterarischen Bestrebungen
hatten durch den Verkehr mit Laube, Mor. Hartmann,
Alf. Meissner, Berth. Auerbach und Gust. Freytag so
gewonnen, dass sie auf dem Felde der bildenden
Kunst in Dichterillustrationen oder in dem nach
längeren Studien in Weimar entstandenen Apotheose-
bild auf die Dichtergruppe an der Ilm, das mit
grosser Anerkennung aufgenommen worden war,
nicht völlig gedeckt werden konnten. Noch weniger
als Pecht 1846 in Dresden mit allen Heroen der
Musik, Schauspielkunst und Litteratur in Beziehung
trat, welche Elbathen bis 1848 zum Musensitz ge-
macht hatten. Die entscheidende Wendung aber
ward durch eine Augenkrankheit herbeigeführt, welche
Pecht 1850 befiel und den Künstler zwang, Palette
und Stift für längere Zeit beiseite zu legen. 1851 bis
1852 finden wir Pecht in Italien als Schriftsteller:
die 1853 publizierten »Südfrüchte« aber hatten den
Erfolg, dass die Augsburger Allgemeine Zeitung ihn
als Korrespondenten abermals nach Italien schickte
und nach seiner Rückkehr nach München 1854 als
Kunstreferenten festhielt.

Dass seine Offenheit und überzeugungstreue
Wahrheitsliebe, verbunden mit sarkastischem Humor,
neben grosser Beliebtheit im Publikum doch auch
die bittere Feindschaft weiter Künstlerkreise, und dass
diese Erbitterung schliesslich auch Missvergnügen
des Autors an dem kritischen Beruf zur Folge hatte,
ist begreiflich; kein Wunder daher, dass Pecht noch-
mals zur Kunstthätigkeit zurückkehrte und zwar
nicht ohne Glück in der Illustration, während er in
der Monumental maierei in einigen Wandgemälden des
Maximilianeums zu München geringere, in jenem des
Rathauses seiner Vaterstadt etwas grössere Erfolge
errang. Von ungleich höherer Bedeutung aber wurden
seine in Leipzig erschienenen Berichte über die Pariser
Ausstellung 1867, in welchen er in epochemachender
Weise für die Leistungsfähigkeit der deutschen Kunst
der französischen gegenüber eine Lanze brach. Darauf-
hin stellten sich die Beziehungen zur Allgemeinen
Zeitung wieder her und bald entsagte Pecht der
Malerei gänzlich, um jetzt fast ausschliesslich der
Kunstschriftstellerei zu leben.

Das vierbändige Werk »Deutsche Künstler des
19. Jahrhunderts« (1877—1885) wurde die Haupt-
schöpfung seines Lebens. Seine vielseitigen Be-
ziehungen, seine Unermüdlichkeit, soviel wie möglich
durch eigene Anschauung kennen zu lernen, seine
kritische Schärfe und Unabhängigkeit bei aufrichtiger
Bewunderung alles Guten, dazu sein trefflicher pikanter
Stil macht dieses Werk nicht bloss zu einem Gegen-
stand belehrenden Genusses, sondern zu einer Quellen-
sammlung ersten Ranges für folgende Zeiten, den
Verfasser aber zu einem Vasari deutscher Kunst des
19. Jahrhunderts. Die eingehende Kenntnis der
Leistungen unserer Kunstführer verlieh auch seinen
weiteren kritischen Arbeiten einen Massstab für die
Beurteilung der gesamten Kunst. Seine patriotische
Haltung aber machte ihn keineswegs blind gegen die
loading ...