Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Bücherschau — Personalien — Denkmäler

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Schüler Simon's, und vielleicht weist auch der von
den Fischerweibern geschobene, mit Netzen beladene
Karren von Jean Pierre Laurens auf den Einfluss
Simon's hin. Der ältere Bruder Paul Albert Laurens
stellt ein dekorativ sehr wirksames römisches Bad aus,
das, wie die Arbeiten seines Bruders, zeigt, dass beide
jungen Maler ihre eigenen Wege gehen und von der
Manier ihres Vaters, des bekannten Historienmalers,
nicht im geringsten beeinflusst werden. Neu ist in
der Abteilung der Maler auch der bekannte Zeichner
und Radierer Jaques Villon, der ein sehr gutes weib-
liches Bildnis ausgestellt hat.

Villon bringt uns zur Griffelkunst, wo wir die
farbigen Radierungen von ihm, von Thaulow, Manuel,
Robbe, Anna Osterlind und Gottlob, die schwarzen
Radierungen von Dauchez, Renouard und Storm van
Gravesande und die Lithographien von Alexander
Lunois, Charles Cottet und Henri Riviere erwähnen,
ausser Anna Osterlind, die eine farbig sehr hübsch
abgetönte und geschmackvolle Marine ausgestellt hat,
lauter bekannte Leute, über deren Kunst nichts Neues
zu sagen ist. Der Ordnung halber nenne ich noch
die Pastelle von de la Gandara, Taulow, Legoüt-
Gerard, Guillaume Roger und Mary Kazak, deren
männliches Bildnis eine sehr interessante koloristische
Studie ist, die Zeichnungen von Jeanniot für den Roman
»Adolph« von Benjamin Constant und die einen
ganzen Saal füllenden Aquarellansichten von Paris
und Houbron.

Sobald die grossen Salons ihre Pforten öffnen,
thun die kleinen gut, die ihrigen zu schliessen, denn
neben dem Meere von Kunst in den Salons sind die
Sonderausstellungen bei den Kunsthändlern nur kleine
Tümpel, die unbeachtet bleiben. Deshalb war Maxime
de Thomas übel beraten, gerade am Tage der Vernissage
seinerseits eine Sonderausstellung bei Durand-Ruel
zu eröffnen. Indessen würde ich es mir doch nicht
verzeihen, diesen ausserordentlich interessanten und
meines Wissens in Deutschland bisher ganz unbe-
kannten Künstler mit Stillschweigen zu übergehen.
Maxime de Thomas gehört in eine Reihe mit Degas
und Toulouse-Lautrec. Wie diese beiden bekannten
Zeichner und Maler fasst er eine blitzschell vorüber-
huschende Bewegung, begreift er auf den ersten und
schnellsten Blick den Charakter eines Gesichtes oder
einer ganzen Gestalt und weiss diesen Charakter mit
wenigen bezeichnenden Strichen ganz und klar wieder-
zugeben. Seine bei Durand-Ruel ausgestellten Zeich-
nungen und Pastelle bringen Volkstypen aus Paris
und Italien, Leute, die er auf der Strasse, im Cafe,
im Theater gesehen hat, alles ungeheuer geistreich
und witzig, in der Zeichnung bis aufs äusserste ver-
einfacht, in der, Charakterisierung unübertrefflich. Es
ist sehr schade, dass der Künstler sich nicht einen
besseren Zeitpunkt für seine Ausstellung gewählt hat,
denn er verdient mehr Beachtung und ausführlichere
Besprechung, als ihm in dieser Zeit der grossen Salons
gegeben werden kann.

KARL EUGEN SCHMIDT.

BÜCHERSCHAU

Rom. Unter den Auspizien des Königs ist auf An-
regung des Ministers Nasi schon vor längerer Zeit der
Lionardoforscher Giovanni Piomati mit der Herausgabe
aller noch nicht edierten Werke Lionardo da Vinci's beauf-
tragt. Dem König ist soeben der erste Band der von
Roux und Viarengo gedruckten und ausgestatteten Publi-
kation »Die Anatomie« überreicht. v. Or.

PERSONALIEN
Adolf von Menzel feierte am 30. April das fünfzig-
jährige Jubiläum als Mitglied der Königlichen Akademie
der Künste, an der er jetzt die für ihn eigens begründete
Würde eines Ehren-Senators bekleidet. Mit ihm zugleich
konnte der Maler E. Pape auf die gleiche Dauer der Mit-
gliedschaft zurückblicken.

DENKMÄLER
Vor dem Kaiser Friedrich-Museum in Berlin wird be-
kanntlich ein Reiterdenkmal Kaiser Friedrich's errichtet
werden, mit dessen Ausführung der Münchner Bildhauer
Professor Rudolf Maison im Namen des Reiches betraut
ist. An der Gestaltung des Werkes hat noch die ver-
ewigte Kaiserin Friedrich lebhaften Anteil genommen.
Das lebensgrosse Kolossalmodell wird jetzt der Miller-
schen Erzgussfabrik zur Ausführung in Bronzeguss über-
geben. Das lebensgrosse Hilfsmodell kommt in den
nächsten Tagen in der grossen Halle des Kunstausstellungs-
gebäudes zur Ausstellung. Kaiser Friedrich ist als Garde-
kürassier mit Helm auf einem grossen englisch-irischen
Pferde dargestellt. Das Denkmal erhält keinen weiteren
bildlichen Schmuck. Das Postament wird vom Geh. Hof-
baurat Ihne, dem Schöpfer des Kaiser Friedrich-Museums,
entworfen.

Grundsteinlegung des Markusturmes. Am 25. April
fand die Grundsteinlegung des Markusglockenturmes in
feierlicher Weise statt. Die ganze Bevölkerung Venedigs
nahm an diesem Nationalfeste teil. Es war zu dem Feste
der königliche Prinz, der Conte di Farino angekommen;
der französische Unterrichtsminister Chaumie war anwesend,
ebenso der italienische Unterrichtsminister Nasi. Der
Bürgermeister Venedigs, Graf Grimani, gab in einer längeren
Rede den Gefühlen der Bürgerschaft Ausdruck, ihm folgte
in einer Ansprache Nasi und der französische Gast, worauf
der Patriarch den Einweihungsakt mit dem Klerus vollzog
und sich dann auch in einer schönen Rede äusserte. —
Vom herrlichsten Wetter begünstigt begannen sofort Tags
darauf die Arbeiten unter Leitung Beltrami's. Vielleicht
gelingt es ihm, in der festgesetzten Zeit von vier Jahren
den Campanile vor unseren Augen wieder erstehen zu
lassen. — Nach Beendigung der Feier begaben sich Auto-
ritäten und Künstler nach dem Volksgarten, wo man dem
Andenken des allzu früh dahingegangenen ehemaligen
Bürgermeisters und vortrefflichen Dramaturgen Riccardo
Selvatico ein Ehrendenkmal errichtet hatte und nun feier-
lich dessen Enthüllung vollzog. Die interessante Bronze-
büste von dem bekannten genialen P. Canonica aus Turin
erregte allgemeine Bewunderung. Selvatico gab die erste
Anregung zu den nun alle zwei Jahre wiederkehrenden
hiesigen internationalen Ausstellungen. a. Wolf.

Aus Brüssel erfährt man, dass sich die belgische
Regierung mit Konstantin Meunier in Betreff des grossen
»Denkmals der Arbeit« nicht geeinigt hat und dass vor-
läufig keine Aussicht besteht, für das Werk, dessen Details
in Wien ausgestellt waren, einen entsprechenden Platz
zu erhalten. Meunier's Entwurf des Denkmals, ein mäch-
tiger Felsblock, auf dem der Sämann steht, gab Veranlassung
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