Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Münchner Brief

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bernen Flusse. Er sucht farbige, malerische Wirkungen,
wo Lepine in poetischen Stimmungen sinnt und träumt.
Bei Jongkind wird diese Neigung noch stärker. Poet ist
er nur noch als Maler. Die malerische Wirkung ist ihm
alles, die Poesie nimmt er nur nebenbei mit, wenn es die
Umstände gerade so fügen. Bei ihm finden wir schon
die violetten, blaugrünen, lila und orange Töne, die nach-
her bei Sisley wie schroffe Herausforderungen losknallen.
Und wie die Farben heftiger, und schliesslich sogar brulal
werden, so wird auch die Pinselführung immer gröber. Bei
Lepine sieht man kaum einen Pinselstrich, alles ist fein
und delikat verrieben, bei Boudin wird die Faktur schon
schwerer und gröber, Jongkind setzt mit spitzem Pinsel
Klecks neben Klecks und Strich neben Strich, Sisley wirt-
schaftet rücksichtslos mit breiten Strichen drauflos. In
seinen Farben wirkt Sisley häufig wie ein Polemiker oder
Volksredner, der seine Wahrheiten übertreibt, um seiner
Effekte desto sicherer zu sein. Sein nicht gerade an-
genehmes Violett färbt Bäume, Land und Fluss, und was
bei Lepine zur stillen Melodie wurde, wird bei ihm zum
brutalen Kriegsgeschrei. Er macht häufig den Eindruck
des durch Widerspruch zur Übertreibung Gereizten: »Was,
Ihr wollt nicht glauben, das Bäume blau und Kalkmauern
violett sind? Das will ich Euch jetzt einmal zeigen!« Und
dann setzt er den zarten bläulichen Hauch in das knal-
lendste und brutalste Violett um, und je disharmonischer
und hässlicher so ein Bild wirkt, desto mehr wird es an-
gestaunt und bewundert, und desto höhere Preise werden
dafür bezahlt. Zum Glück wird diese Modekrankheit bald
vorüber gehen, denn die jüngsten Ausläufer des Impressio-
nismus sind mit Erfolg bemüht, die ganze Richtung zu
Tode zu hetzen.

Eine hübsche Ausstellung hat die Societe nouvelle de
Peintres et de Sculpteurs bei Duran-Ruel veranstaltet.
Bartholome zeigt hier die Bronzestatue einer schmerzver-
sunkenen Frau mit ihrem toten Säugling, wahrscheinlich
eine der zahlreichen Einzelfiguren zu dem grossen Toten-
mal, die nachmals bei der endgültigen Ausführung dieses
monumentalen Werkes nicht benutzt wurden. Der Adel
der Formen, wie die Tiefe der Empfindung ist bei dieser
trauernden Mutter ebenso bewunderungswürdig wie bei
dem Totenmal. Kleine Bronze- und Gipsfigürchen ruhen-
der, tanzender oder spazierender Frauen zeigt der auf
diesem Gebiete von früheren Ausstellungen vorteilhaft be-
kannte Bildhauer Louis Dejean. Alexander Charpentier
ist mit zwei hübschen Plaketten und der charakteristischen
Terrakottastatuette eines kleinen Mädchens vertreten, und
Konstantin Meunier hat eine Büste des Malers Cottet ge-
sandt, die mir bei allen Vorzügen der kräftigen und ener-
gischen Modellierung nicht auf der Höhe anderer Arbeiten
dieses grossen Meisters zu stehen scheint.

Unter den Malern steht Jaques Emil Blanche mit
einem ausserordentlich lebendigen und malerisch ungemein
interessanten und wirksamen männlichen, einem ebenso
vorzüglichen weiblichen Bildnisse und einer Anzahl famoser
Skizzen an der Spitze. Lucien Simon hat zwei kräftige
und farbenfrohe Aquarelle und zwei Ölbilder geschickt,
alles Scenen aus der Bretagne, in der bekannten energi-
schen Manier des Künstlers gemalt. Das eine dieser Öl-
bilder wirkt etwas trübe in seinen dunkeln Tönen, aus
denen plötzlich ein grellroter Weiberrock herausknallt, dessen
Leuchten den ganzen grossen Rest des Gemäldes in nächt-
liches Dunkel zurückdrängt. Aber die Art, wie Simon den
Pinsel handhabt, wie er mit verblüffender Sicherheit breit
und keck die Farben hinschmiert, ist so bewundernswert,
dass die Freude daran alle Bedenken verstummen lässt.
Cottet scheint mir auf dieser Ausstellung weniger gut ver-
treten und seine acht Bilder bedeuten sicherlich keinen

Fortschritt und vielleicht einen Rückschritt gegen frühere,
weit bessere Arbeiten von ihm. Auch er hat wie Bartho-
lome eine Mutter mit ihrem toten Säugling dargestellt,
natürlich in bretonischer Tracht, und die kleine Leiche ist
ganz mit grellbunten Papierblumen bedeckt. Die Malerei
ist hart und erdig, und die tiefe Empfindung Bartholome's

: fehlt ganz. Antonio de la Gandara ist ein Maler, dem
man Originalität nicht absprechen kann, und der sich zahl-
reicher Bewunderer erfreut. Seine Bildnisse vornehmer
Damen erinnern zwar an das Modejournal, aber er ver-
steht es, den Modellen einen perversen Sphinxzug zu
geben, der den Beschauer vor dem Bilde festhält. Seine
Farben trägt er ganz dünn auf, die Konturen betont er
scharf, die Schatten im Gesichte übertreibt er, und schliess-
lich werden Fleisch, Haar, Seide, Tapete, Sessel und
Teppich hart und glatt wie aus Blech geformt.

Die neun kleinen Bilder Henri Martin's sagen uns
nichts Neues: es sind Veduten aus der Provence, in der

j Sonne glänzende Dörfchen, von Weinreben überschattete
Bauernhäuschen, mit Blumentöpfen geschmückte Fenster,
alles in der bekannten Pünktchenmanier gemalt, was hier,
wo es auf die Wiedergabe hellen Sonnenlichtes ankommt,
sehr gut wirkt. Albert Baertson mit seinen holländischen
Kanälen und Dorfstrassen, Emil Claus mit seinen bunten
Gärten in Pünktchenmanier, Henri Duhem mit seinen
Mondscheinbildern von Häusern am Wasser, Schafherden
auf dem Felde, Andre Dauchez mit seinen melancholisch
düsteren Dünen und Heiden, Georg Griveau mit seinen
hellgrauen Landschaften, Bildnissen und Stillleben, Eugen
Vail's venetianische Plätze und Kanäle, Rene Menard's
Traumgegenden mit den verzauberten Wolkengebilden,
Walter Gay's Architekturen und Interieurs aus dem 17. und
18. Jahrhundert, Rene Prinet's hübsche, von sanften Licht-
wellen durchflutete Stuben, Ernest Laurent's Porträts in
Stricheichenmanier und Walter Sickert's Veduten aus
Venedig, London u. s. w. sind den früheren Arbeiten ihrer
Urheber so ähnlich, dass über sie nichts Neues zu sagen
ist. Henry Caro-Delvalle endlich, ein junger Künstler,
der im letzten Salon Aufsehen erregte, ist mit dem grossen
Bildnisse einer alten Dame und eines kleinen Mädchens
erschienen, eine Arbeit, worin der Einfluss Manet's deut-
lich zu erkennen ist, und die durch die geschickte und
harmonische Abwägung der verschiedenen Schattierungen
von Weiss interessant ist. Störende Zeichenfehler und
eine sehr mangelhafte Perspektive verderben jedoch den
angenehmen Eindruck des Gemäldes.

KARL EUGEN SCHMIDT.

MÜNCHNER BRIEF

(Emil Lugo — Alfred Kubin — Karl Bauer — Segantini)
(Fortsetzung)

»Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm«. Diese
Worte geben die Grundnote im Schaffen Karl Bauer's,
eines in München lebenden Stuttgarters, dessen Gemälde
und Lithographien vor einigen Wochen im Kunstverein
ausgestellt waren. Die generosite des Descartes, Carlyle's
heroworship bestimmen das Gefühl, das er jenen Uber-
windern entgegenbringt, die es gestehen dürfen, dass ihr
höchstes Glück die Persönlichkeit ist. Er ist ein männlich
starkes und weiches süddeutsches Temperament. Etwas
von Schiller's geradliniger Begeisterungsfähigkeit ist in ihm.
Jedem volledlen ruhigen Sinnenreiz ist sein Empfinden
offen. Ein längerer Aufenthalt in Paris war von guter
Frucht. Besnard, Aman-Jean, Carriere, Fantin-Latour haben
sich in ihn eingegraben. Mehr noch das Leben dort.
Die Männlein und Weiblein vom Boulevard St. Michel, in
seinen Skizzenbüchern immer mit drei, vier trefflich gewählten
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