Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Nekrologe

So

Man begann sofort mit dem Stützen der unteren Teile des
Turmes gegen den Kanal, Arbeiten, welche in jedem Falle
der Abtragung vorauszugehen hatten. Bald jedoch erkannte
man, dass der Befehl zur Abtragung unter dem Eindruck
der Panik erfolgt war, und es machte sich in der Bürger-
schaft die Rückkehr zu ruhiger Überlegung Platz, nach-
dem der Turm keine weiteren Zeichen schnell bevor-
stehenden Einsturzes zu erkennen gab. Man wollte um
jeden Preis das altehrwürdige Bauwerk erhalten. Auf den
Ausspruch der Baukommission legte man, seitdem sie bei
S. Marco sich solche Irrtümer zu schulden hat kommen
lassen, kein Gewicht mehr. Dieses Misstrauen fand seinen
Ausdruck im Beschlüsse des Stadtrates, dem Regierungs-
dekret keine Folge zu leisten. Noch ist man mit den um-
fassenden Sicherungsarbeiten am Turme beschäftigt und
es scheint alle Gefahr beseitigt. In gewissen Abständen
werden starke Eisenbänder um den Turm gelegt und eben
jetzt ist eine Denkschrift mit Illustrationen erschienen, in
welcher der oft genannte alte Bauführer Vendrasco seinen
Plan zur Wiedergeraderichtung des Turmes darlegt.

Die grossen Sicherungsarbeiten am Turme der Frari-
kirche, S. Giov. e Paolo und ganz besonders die umfassen-
den Restaurationsarbeiten, denen der Dogenpalast an ge-
wissen Stellen von Neuem unterzogen werden musste, sind
von solcher Wichtigkeit, dass ich denselben in einem
weiteren Berichte gerecht zu werden hoffe.

Im Dogenpalaste, wo die jahrelangen grossen Restau-
rationen ihrem Ende entgegen zu gehen schienen, hat man
nun mit neuen umfassenden Arbeiten begonnen. Der ehe-
malige Bauführer, der alte Vendrasco, hatte schon vor acht
Jahren die Mauer, auf deren Fläche das Riesenbild Tinto-
retto's angebracht ist (Das Paradies), für den wunden
Punkt des Palastes erklärt, welcher noch erübrige von
Grund aus kuriert zu werden. Man hat damals nicht auf
ihn gehört, jetzt ist man genötigt mit grösseren Schwierig-
keiten von dort aus vorzugehen. Die ganze Ecke des
Palastes, welche den Lesesaal der Marciana enthielt, mit
allen um- und darunterliegenden Räumen, musste endlich
von der enormen Last der Bücher befreit werden, und,
da die Zecca durch Verschleppung der Arbeiten noch
immer nicht bereit ist den Bücherschatz aufzunehmen,
dieser in den Parterreräumen des Dogenpalastes unter-
gebracht werden. Die wertvollsten Bücher, jene der Sala
Bessarion, sind nun eingepackt, und wer weiss auf wie
lange unzugänglich geworden, zusammen mit unzähligen
anderen wichtigen Teilen der berühmten Bibliothek. Ein
kleiner Lesesaal ist notdürftig eben dort hergestellt worden.
Oben dröhnt es von der Arbeit der Zimmerleute und Tischler,
welche mit Abtragen aller Dekorationen und mit dem
Stützen der Räume beschäftigt sind. In dem Saale des
Grossen Rates ist der Thron des Dogen mit seinem Podium
von der Wand entfernt worden, und man schickt sich jetzt an
Tintoretto's Riesenbild abzunehmen. Schon sind die unteren
Teile der grossen Freske des Guariento zum Vorschein ge-
kommen, wenn auch durch den bedenklichen Zustand der
Mauer in Fragmenten. Es sind zwölf prächtige Engels-
gestalten, in ganzer Figur sitzend, mit musikalischen In-
strumenten. In den nächsten Tagen wird dieses grosse
Freskobild, dass das jetzt lebende Geschlecht gewiss nicht
erwarten konnte zu sehen, aufgedeckt sein. Nur Kunst-
beflissene, Historiker wussten, dass diese Freske unter
Tintoretto's Bild verborgen ist. Ob nun bei der Restau-
ration der Mauer die letzten Reste der Freske verschwinden
werden? Höchst wahrscheinlich. Ebenso wenig ist auch
nur entfernt zu erraten, wie lange die umfassenden Arbeiten
in allen diesen Räumen währen können.

Chiesa dei Frari. Die sehr starke Neigung des
mächtigen Glockenturmes dieser Kirche gab nach dem

Einstürze des Markusturmes zu grossen Besorgnissen Ver-
anlassung. Man nahm sofort Verstärkungsarbeiten an
dessen Fundamenten vor, um weiteren Senkungen vor-
zubeugen. Viele Grubenhohlräume ringsum wurden mit
schweren Massen ausgefüllt, Untermauerungen ausge-
führt u. s. w. Man machte bei dieser Gelegenheit die
Entdeckung einer Süsswasserquelle, welche unter dem
Turme entspringt. Man entdeckte ausserhalb überdies
zwei schön erhaltene Sarkophage aus den Jahren 1321
bis 1322, mit schöner gotischer, erhabener Aufschrift. Sie
enthielten die Gebeine zweier Patrizier aus mittlerweile
erloschenen Geschlechtern. Man entschloss sich von
Seiten der Regierung, angesichts der grossen Kosten,
welche all diese Arbeiten verursachen, an den Nach-
mittagen Eintrittsgeld für die Besichtigung der Kirche zu
erheben; und ebenso an den Vormittagen für den nun
abgeschlossenen Chor und Zentralteil derselben, wohin
alle wichtigen Bilder aus Kirche und Sakristei verbracht
sind, denn auch diese letztere ist eingerüstet. Das kolossale
Gewicht der Akten, des Archivs über dem Gewölbe der
Sakristei, schädigte dieses dergestalt, dass auch dort grosse
Sicherungsarbeiten im Gange sind. Es wird also auf lange
Zeit hinaus der ungestörte Genuss der Kunstwerke und
der Schönheit der Kirche selbst stark beeinträchtigt sein.

SS. Giovanni e Paolo. Bezüglich der Gefahr, welche
plötzlich dieser Kirche zu drohen schien, sei hier mit-
geteilt, dass eines der kleinen Säulenkapitelle von der
Teilung des grossen mit Glasmalereien geschmückten
Fensters, über dem Portale des rechten Querschiffes,
herabstürzte. Grosse Panik verursachte dies während des
Gottesdienstes. Man stellte in der Folge fest, dass weitere
Gefahr ausgeschlossen ist, und begann auch dort mit den
Sicherungsarbeiten. Das ganze Fenster muss auseinander
genommen werden. Gelegentlich der Untersuchungen
durch die ganze Kirche, wurden grosse Schäden festgestellt.
Wer die Kirche kennt, wird sich der schiefen Säule erinnern
zunächst der Sakristeithüre. Es war bei der lange Jahre
dauernden Restauration der Kirche nicht möglich gewesen,
diese Säule gerade zu richten. Man begnügte sich mit
komplizierter Verankerung. Jetzt erst hat sich unverhofft
herausgestellt, wodurch die Senkung jener Säule und des
ganzen Teiles der Kirche bedingt ist: Dem Beauftragten
des Boni kam es in den Sinn, die hinter dem Altar der
Sakristei befindliche Bretterwand herabnehmen zu lassen.
Man entdeckte eine Nische, welche zu einem Korridor führt,
von welchem man keine Ahnung hatte, und welcher zu
einer versteckten Thüre, nach der Kirche zurückführt. Be-
sagte Nische mit Korridor hatte zu zwei Drittel die Mauer-
stärke geschwächt, so dass diese dem Schub nicht mehr
Widerstand entgegenzusetzen vermag, und so die stets
stärkere Neigung verursachte. Zu erwähnen ist noch, dass
auch S. Zaccaria dringender Restauration bedürftig erkannt
wurde. Aus S. Maria Materdomini müssen alle Gemälde
schleunigst entfernt werden. Der Turm von S. Giobbe,
S. Stae, S. Gallo, sowie der von S. Barnaba, einer der
altehrwürdigsten Venedigs, müssen gesichert werden. Der
Dom in Torcello ist geschlossen wegen gefahrdrohenden
Zustandes des Glockenturmes. Wollte man nun all das,
was an all den altersschwachen Bauwerken geschehen
muss, gleichzeitig in Angriff nehmen, so würde eine ganze
Schar Architekten nötig sein. auoust wolf.

NEKROLOGE
Soeben erhalten wir die Nachricht vom Tode des be-
kannten französischen Kunstgelehrten Eugen Müntz. Er
stammte aus dem Elsass und hat ein Alter von nur
56 Jahren erreicht. Über den Wert seiner Leistungen wird
sich ein Fachgenosse hier demnächst aussprechen.
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