Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Ausgrabungen und Funde. — Kongresse. — Sammlungen und Ausstellungen

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Granit, mit seiner spärlichen Wasserkunst, mit seinem
spielerischen Beiwerk, bei dem einzelne besser gelungene
Details gar nicht zur Geltung kommen können. Die öffent-
liche Denkmalskunst hat zwar in Berlin im letzten Jahrzehnt
schon so viel gesündigt, dass ihr zu sündigen fast nichts
mehr übrig blieb. Sie hat es dennoch fertig gebracht,
uns zu überraschen!

Aber es naht die Rache des Schicksals! Keller & Reiner
kündigen an, dass nach Schluss der Düsseldorfer Aus-
stellung Klinger's Beethoven in ihrem Salon eine Weile
rasten wird, ehe er an seinen Leipziger Bestimmungsort j
gelangt. Man braucht nicht in den ekstatischen Ton der
vorbehaltlosen Bewunderung einzustimmen, die das grosse
Werk unmittelbar hinter dem Zeus des Phidias nennt, um
vorauszusagen, dass dieser Aufenthalt des »Beethoven« in
Berlin ein stilles Strafgericht für das Volk der Denkmals-
fabrikanten sein wird, das hier so üppig ins Kraut schiesst.
Vielleicht wird das erkannt werden! Vielleicht kommt
doch einmal die Zeit, da man in Berlin an den entscheiden-
den Stellen anerkennt, dass es mit dem gegenwärtigen
Betrieb der Monumentalbildhauerei schlechthin nicht mehr
so weiter geht, und dass wir, wenn nicht energisch Ein-
halt geboten wird, rettungslos dem Spott der Zukunft zum
Opfer fallen. Aber es herrscht auf der Seite der offiziellen
Kunst bei uns dieselbe Stimmung wie auf der Seite der
privaten: Hast, Nervosität und gefährlicher Übereifer.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE

Massa-Carrara. In einem der letzten Hefte des
Repertoriums für Kunstwissenschaft hat C. v. Fabriczy auf
ein Fresko Pinturicchio's im Dom von Massa hingewiesen, j
welches schon im Dezember igoo von Luigi Staffetti im
»Giornale storico e letterario della Liguria« publiziert
worden ist. Das Freskofragment stellt eine thronende
Madonna mit dem segnenden Kinde dar. Zwei Engels-
köpfe werden rechts und links von den hohen Thronlehnen
sichtbar, und rechts ist noch undeutlich der Kopf eines
Heiligen erhalten. Das Gemälde, welches leider sehr hoch
über dem Altar in einer Mauernische unter Glas verwahrt
wird, und so nur schwer untersucht werden kann, stellt
sich doch sofort als eigenhändige Arbeit des umbrischen
Meisters dar, und vor allem das segnende Christuskind
ist von bezaubernder Anmut. Die Herkunft des Bildes ist
überdies dokumentarisch aufs beste bezeugt. Es schmückte
einst den Altar der Cibokapelle in S. Maria del Popolo
in Rom und wurde am Ausgang des 17. Jahrhunderts von
Kardinal Alderano an seinen Bruder nach Massa zum
Schmuck der Familienkapelle der Cibo gesandt. Kardinal
Alderano seinerseits restaurierte damals die Kapelle der
Cibo in Rom, und ein Teil von den Fresken und dem Mar-
morschmuck einer der schönsten Kapellen in S. Maria del
Popolo ist damals zu Grunde gegangen. Allerdings nicht
das Grabmal des Stifters der Kapelle, Lorenzo Cibo, das
auch der jüngste Biograph von S. Maria del Popolo,
R. Colantuoni, nicht aufzufinden vermochte. Das skulpturen-
reiche Grabdenkmal befindet sich heute — allerdings ohne
den Sarkophag des Kardinals — wohlerhalten in S. Co-
simato in Rom. Auch die Kapellenschranken haben sich
noch erhalten; sie schmücken heute in S. Maria del Popolo
die vierte Kapelle links und sind an den Wappen-
emblemen der Cibo kenntlich. Die Grabinschrift Lo-
renzo's allerdings, welche Staffetti, auf Colantuoni's
Autorität hin, in der Sakristei der Kirche angiebt, wird
man dort vergebens suchen: sie ist uns wenigstens oft
genug in Abschriften erhalten. So besässen wir also
von der einst hochberühmten Cibokapelle, die Alveri im
Jahre 1664 ziemlich ausführlich beschrieben hat, noch

mancherlei Fragmente: Das Altargemälde, die Grab-
skulpturen des Stifterdenkmals, die Kapellenschranken und
endlich die ornamentale Dekoration des Bogenfeldes vor
der Kapelle mit dem Cibowappen in der Mitte. Staffetti
nennt den Zustand des Freskos einen beklagenswerten
und sucht die Regierung für seine Erhaltung zu interessieren.
Niemand dagegen scheint dort den Grabstein einer Frau
— Veronica Cibo nannte sie der Sakristan — zu kennen,
der sich unten in der Krypta der Cibokapelle in höchst
beklagenswertem Zustande befindet. Die Statue der liegen-
den Frau kann es an Schönheit der Ausführung und Adel
der Auffassung mit Quercia's Ilaria del Careto in S. Mar-
tino in Lucca aufnehmen, aber sie ist barbarisch zerstört
worden. Der Kopf ist zerschlagen, die Finger der schönen
Hände sind zum Teil abgehauen, der durchsichtige weisse
Marmor ist mit feuchtem Moder bedeckt. Und doch er-
kennt man sofort das Werk einer Meisterhand. Möchte
Luigi Staffetti seine Aufmerksamkeit auch diesem Denkmal
der Renaissance zuwenden und es vor völligem Unter-
gange bewahren! e. St.

KONGRESSE

Baden-Baden. Der sogenannte Baidung-Kongress,
das heisst die Vereinigung hervorragender Kunsthistoriker,
die sich mit der Prüfung und Beurteilung der dem be-
rühmten Hans Baidung Grien zugeschriebenen Bilder aus
der Gruftkapelle zu Lichtenthai zu beschäftigen hatte, hat,
wie schon früher erwähnt, am 11. und 12. Oktober statt-
gefunden. An den Verhandlungen desselben nahmen teil
die bekannten Kunstgelehrten Professor von Terey aus
Pest, Direktor der ungarischen Nationalgalerie, Thode
(Heidelberg), von Oechelhäuser (Karlsruhe), Dehio (Strass-
burg), Burckhardt (Direktor der Kunstsammlungen zu
Basel), Weizsäcker (Direktor des Städel'schen Instituts
Frankfurt), Schmidt (Direktor an der königlichen Pinakothek
München), Rieffei (Wehen a. Taunus), M. Friedländer
(Berlin). Die sehr eingehend und sorgfältig geführten
Verhandlungen ergaben eine Übereinstimmung dahin, dass
die fraglichen Altargemälde nicht von Baidung herrühren,
dessen Urheberschaft schon durch das Datum 1496 aus-
geschlossen erschien. Auch wurde mit Professor von
Terey angenommen, dass die beiden Bilder einen Altar
gebildet haben. Die Vergleichung mit zahlreichen be-
glaubigt echten Gemälden von Baidung — von Karlsruhe
war auch das hochinteressante Skizzenbuch von Baidung
noch am Sonntag gesandt worden — wie auch mit den
Bildern der Kirche von Lautenbach, welche ebenfalls hier-
her gebracht waren, gestaltete die Erörterung noch an-
regender. (M. Allg. Ztg.)

Rom. Historischer Kongress. Wie aus einem Erlass
des Unterrichtsministers hervorgeht, wird an der Abhaltung
eines historischen Kongresses in Rom festgehalten. Auch
der Sindaco Roms, der Principe Colonna, hat den Erlass
unterzeichnet, welcher die Abhaltung des Kongresses für
April 1903 in Aussicht nimmt. e. St.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN

Berlin. Ein neuer Kunstsalon wird im Laufe des
nächsten Monats im Westen Berlins, Kantstrasse 164, er-
öffnet werden. Im Gegensatz zu anderen gleichartigen
Unternehmungen werden dort nur Originalzeichnungerl,
Aquarelle, Pastelle, Radierungen, Stiche u. s. w. zur Aus-
stellung gelangen, um den Künstlern die Möglichkeit zu
bieten, kleinere, aber künstlerisch wertvolle Arbeiten, die
sie sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglich machen können,
dem Publikum näher zu bringen. In erster Linie sollen
die deutschen Künstler aller Schulen berücksichtigt werden,
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