Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Die neuen Erwerbungen der Nationalgalerie

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noch alle möglichen Durchbohrungen zu erdulden. Der
Schaden hat sich neuerdings in der sogenannten Loggia
Foscara gezeigt, das heisst, jenem Trakt des Mittelge-
schosses, welcher hinter der grossen offenen Hauptloggia
liegt, gegen die Piazzetta, vom Hauptportal bis zur Wen-
dung der Galerie nach Süden. Dieser Teil des Palastes,
vor Zeiten offen, war schon lange vermauert und ge-
schlossen worden. Der Kommunikation halber brach man
nun in diese der Statik halber angebrachten Stützmauern
Thüren, Fenster, Nischen durch, ja, um ein Treppchen
nach den darübergelegenen grossen Sälen zu haben,
brachte man solches in der Mauerstärke an, so dass diese
Mauer, welche dort alles trägt, von dreissig auf vierzehn
Centimeter Stärke reduziert wurde. Die eingebrochenen
Thüren versah man nicht einmal mit einem Entlastungs-
bogen, sondern mit seit lange morsch gewordenen dünnen
Bälkchen. Die in Rede stehende Mauer ist dergestalt ge-
wichen, dass die Balkenköpfe der Decke aus ihren Lage-
rungen frei herausstanden. All diese Zustände konnte man
nicht gewahr werden infolge der Holzverschalungen, welche
nebst den Büchern alle Schäden verdeckten. Nun, nach-
dem die Bücher über Kopf und Hals entfernt werden,
erkennt man mit Schrecken, was alles zu geschehen hat,
nachdem auch diese Seite des Palastes, gleich der gegen
Südosten, durch Verankerungen vor weiterer Bewegung
gesichert sein wird.

Unverantwortlich ist, dass zwei Jahre nicht hingereicht
haben, die Zecca zur Aufnahme der Bücher einzurichten.
Projekte für und gegen, endlich Angriffnahme der Arbeiten
und Beschluss, den grossen Lichthof mit einem Glasdach
versehen, zum Lesesaal zu gestalten. Dieser vortreffliche
Plan, von der Regierung gut geheissen, wurde der (nun
mittlerweile vor kurzem abgeschafften) Künstleroberauf-
sichtskommission in Kunstsachen in Rom zur Begutachtung
empfohlen und von dieser leider im letzten Augenblicke
verworfen.

Somit Einstellung aller Arbeiten bis auf weiteres. —
So ging und geht unendlich viel wertvolle Zeit verloren
und der Schaden im Dogenpalast wächst langsam aber
sicher, denn obgleich eine grosse Masse Bücher in Kisten
verpackt ins Erdgeschoss verbracht wurden, in Räume, die
selbst für minder Wertvolles zu feucht sein würden, so
bleibt doch immer noch die Hauptmasse von den am ge-
fährlichsten belasteten Stellen zu entfernen. Man schleppt
sie ratlos bald hier- bald dorthin. Angesichts dieser trost-
losen Zustände, während welcher natürlich die Marciana
geschlossen ist, weil sie kein Lokal mehr hat, haben der
Präfekt und Bürgermeister ein Gesuch an den König ge-
richtet, den grossen Ecksaal der Sansovinobibliothek, jetzt
Teil des Königspalastes, vorübergehend zur Aufnahme
wenigstens der wertvollsten Bücher einräumen zu lassen.
Man wartet täglich auf den allerhöchsten Entscheid. —
Wie beklagenswert ist es doch, dass nun, wer weiss auf
wie lange, der so wichtige Bücherschatz nicht benutzt
werden kann! Dem Minister fehlt es nicht am besten
Willen, aber auch ihm gelingt es nicht, der bureaukratischen
Hydra alle Köpfe abzuschlagen.

Letzthin fand eine sehr wichtige Gemeinderatssitzung
statt, in welcher 300000 Lire als Zuschuss von Seiten der
Stadt einstimmig votiert wurden für die in Angriff ge-
nommenen Wiederherstellungen der Hauptbaudenkmale
Venedigs, S. Giov. e Paolo, Frari, Procuratien u. s. w.
(500000 wurden seiner Zeit schon ausgesetzt für den
Markusglockenturm). Ausserdem handelte es sich in dieser
Sitzung darum, ob der nun vollkommen eisenumklanimerte
Glockenturm der Kirche S. Stefano wirklich abgetragen
werden solle, oder ob man, den Vorschlägen der beiden
Architekten Antonelli und Casetti Folge gebend, die Ver-

stärkungsarbeiten vornehmen lassen solle, um durch solche,
wie die beiden tüchtigen Nichtvenetianer versprechen, den
Turm zu erhalten. Mit 34 Stimmen für und u gegen
wurde der Vorschlag angenommen und zu diesem Zwecke
56000 Lire dafür ausgesetzt. Der Bürgermeister, Conte
Grimani, der aus Gewissenspflicht die Niederlegung des
Turmes empfohlen hatte, sowie Baumeister Cadet ent-
hielten sich der Abstimmung, um nicht die Verantwortung
einer möglichen Katastrophe auf sich zu laden. — Grimani
hat, da ihm besondere Gewalt in der Sache, auch gegen
die Beschlüsse, zusteht, »sobald Lebensgefahr für die Be-
völkerung in Betracht kommt«, die beiden Architekten
hierher beordert. Zur Zeit sind sie hier, doch ist ihre
letzte Entscheidung noch nicht veröffentlicht worden.

Zu erwähnen ist noch, dass eins der ehernen Pferde
über dem Hauptportale von S. Marco nun auch restauriert
wird, sowie das grosse Fenster hinter dem Viergespann.

Der tüchtige Erzgiesser Munaretti, der sich in den
letzten Jahren durch vortrefflich gelungene Monumental-
gussleistungen ausgezeichnet hat, ist von der Regierung
mit Wiederherstellung der vier Bronzestatuen Sansovino's
von der zertrümmerten Loggia betraut worden, sowie des
prächtigen Gitters.

Markusbibliothek. Der Minister Nasi hat den gor-
dischen Knoten durchhauen: er hat den lächerlichen Ver-
schleppungen des Bibliothektransportes ein Ende gemacht,
indem er einfach befahl, dass der Lichthof der Zecca mit
Glas gedeckt und der Lesesaal der Bibliothek werde. So
ist denn die ganze Frage gelöst und bleibt nur zu wünschen,
dass die Arbeiten mit der nötigen Energie (?) betrieben
werden.

Tintoretto's Paradies wird nun endlich herabgenommen.
Man wollte die Restaurationsarbeit zwei hiesigen Bilder-
restauratoren übergeben. Diese jedoch konnten sich nicht
einigen in ihren Ansichten über das, was zu geschehen
habe. So hat man den geschätzten Canevaghi in Milano
ausersehen für diese schwierige Arbeit: Fütterung und
Reinigung des Riesenbildes.

Venedig, Januar 1903. A. WOLF.

DIE NEUEN ERWERBUNGEN DER NATIONAL-
QALERIE

sind in gewohnter Weise wieder im zweiten Corneliussaale
vereinigt worden, ehe sie ihre Plätze in der Galerie er-
halten. Die Ausstellung kann sich zwar mit der vorjährigen
nicht ganz messen, die durch die wahrhaft fürstliche
Schenkung der Königs'schen Erben ihr Gepräge erhalten
hatte, weist aber manches wertvolle und selbst köstliche
Stück auf. Nahm damals das Ausland einen breiten Raum
in Anspruch, so herrscht diesmal die deutsche Kunst fast
ausschliesslich. Den Reigen eröffnet der wackere Dresdner
Vorromantiker in der Landschaftsmalerei Kaspar David
Friedrich mit einer Meeresküste, deren fein verschmolzene
graue und grüne Töne und zarte Mondscheinbeleuchtung
den Künstler von einer vorteilhafteren Seite zeigen als der
bisher ausgestellte Mondaufgang. Die ältere Berliner Schule
hat durch die Erwerbung eines Architekturbildes aus Hildes-
heim von dem bisher noch nicht vertretenen Hintze einen
erwünschten Zuwachs erfahren. Eine wahre Überraschung
bringt ein aus dem Pächter'schen Nachlass stammendes
Interieur von Menzel. Der durch das offene Fenster herein-
strömende und über den Fussboden und die Möbel flutende
Sonnenschein, die kühlen Reflexe auf der vom Winde ge-
bauschten Gardine, die Spiegelung der gegenüberliegenden
Wand in dem alten Mahagonispiegel, all das ist mit einer
Frische, Breite und Sicherheit vor uns hingezaubert, dass
wir zuerst meinen, vor einem ganz modernen Bilde zu
stehen. Und doch trägt es die Jahreszahl 1845. So weit
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