Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Ein verkanntes Blatt von Michelangelo in Frankfurt

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Blatt VII. Männlicher Akt, der Oberkörper vor-
wärts geneigt. Schwarze Kreide. Von den Publi-
zierenden mit dem Matthaeus, den Michelangelo im
Auftrag der Florentiner Domopera arbeitete, in Zu-
sammenhang gebracht; ausserdem wird die Verwandt-
schaft mit dem einen »Gefesselten« für das Julius-
grab — jetzt in der Grotte des Boboli-Gartens —
notiert.

Blatt VIII. Unterteil einer nackten weiblichen
Figur, vielleicht für die »Maria«, oder auch für eine
andere Gestalt des »Jüngsten Gerichts«.

Blatt IX. Nackte liegende männliche Figur, erster
Entwurf für den »Tizius mit dem Geier«. Schwarze
Kreide. Rückseite: flüchtige topographische Zeichnung.

Blatt X. Skizze von drei Figuren, vielleicht einer
der Lünetten. Entwurf der »Leda«, Silberstift, die
Beine mit der Feder überarbeitet.

Die Herren, die den Artikel gemeinsam verfassten,
weisen noch zur Bekräftigung der Autentizität auf
einzelne Äusserlichkeiten — ein paar beigeschriebene
Worte in Michelangelo's Handschrift, die Wasser-
zeichen, die auf anderen Skizzenblättern des Meisters
sich wiederfinden — hin. Sie führen das zustimmende
Urteil zweier Autoritäten, A. von Beckerath's und
B. Berenson's, an. Des einen wie des anderen be-
darf es nicht. Es genügt, die Reproduktionen, die
sie bringen, zu betrachten, um auf den ersten Blick
Michelangelo's gewaltige Hand zu erkennen.

Zehn unbekannte Blätter mit ungefähr vierzig Ent-
würfen von Michelangelo: in der That ein schöner,
ein hocherfreulicher Zuwachs zu dem Schatz von
Zeichnungen, die wir schon von ihm unser Eigen
nennen.

Nur eines wolle man mit allen Kräften verhüten,
dass ein solcher Fund, der geeignet ist, unserem
Eindringen in die Werkstatt des grossen Schaffens
vorwärts zu helfen, der Sensationslust zum Opfer falle,
wie es auch dieses Mal wieder geschah. Von Michel-
angelo besitzen wir an verschiedenen Stellen alle
Richtungen seiner Potenz illustrierende Studienblätter.
Bekümmert sich je das Publikum um diese, oft durch
Erhaltung und bedeutende Qualitäten gleich fesselnde
Erzeugnisse des Genius? Was hat also dieses sen-
sationelle Berichten in der Tagespresse für Sinn?

Nicht ohne schmerzliches Bedauern kann man
daran denken, wie wenig bisher von der Wissenschaft
für die feinsten Erzeugnisse genialer Konzeption, die
Zeichnungen der Meister, gethan ist. Die Studien
Michelangelo's, ebenso wie die Raffael's und Leo-
nardo's, sind immer noch zum Teil unediert; es fehlt
oft sogar an den kritischen Vorarbeiten dazu. Gerade
bei Michelangelo bieten sich der Erkenntnis besondere
Schwierigkeiten, die doch einmal, früher oder später,
sei es durch die Arbeit eines einzelnen, sei es das
gemeinsame Vorgehen mehrerer, behoben werden
müssen. Wie sehr wir über die Chronologie der
Zeichnungen Michelangelo's noch im Dunkeln sind,
das beweist gerade die oben besprochene Publikation
aufs deutlichste, wo gelegentlich Blätter mit zwei
zeitlich weit auseinander liegenden Werken in Ver-
bindung gebracht werden.

Es gilt hier vor allem feste Punkte zu gewinnen,
von denen aus man andere Arbeiten wird datieren
können. Wir müssen erkennen lernen, wie Michel-
angelo in den verschiedenen Epochen seines Lebens
Feder und Stift führte. Das ist möglich, muss mög-
lich sein für einen, der keine Mühe und keine Kosten
scheut.

Und sollte es nicht angehen, dass für die Grössten
der italienischen Renaissance das gethan wird, was mit
so viel Erfolg für Dürer, für Rembrandt, ja sogar
für einen Hans Baidung geschah? Sollte sich nicht
eine Vereinigung von Kunstfreunden schaffen lassen,
die die hierfür nötigen bedeutenden Mittel aufbringt?
An Staatshilfe wagt man kaum zu denken, wo es
sich um eine rein ideelle Aufgabe, nicht um philologisch-
historischen Kleinkram handelt.

Möchte solch ein Wunsch, der kostbaren Besitz
allgemein zugänglich machen will, das Ohr der-
jenigen erreichen, denen mehr Macht und Einfluss
zu Gebote stehen, als Feder und Papier, ihn zu
formulieren. OEORO GRONAU.

EIN VERKANNTES BLATT VON MICHELANGELO
IN FRANKFURT

Im Städel'schen Institut zu Frankfurt am Main
befindet sich ein dem Francesco Ubertini, genannt
Bacchiacca, zugeschriebenes Blatt1). Darauf ein Frauen-
kopf en face mit phantastischem Kopfschmuck, ein
Knabenkopf, auch en face, Studie eines Beines, Studie
eines Ohres. Alles mit Rötel gezeichnet. Dies Blatt
ist nicht von Bacchiacca, sondern von Michelangelo.
Es ist wahr, dass sich in den Uffizien verschiedene
dem Michelangelo irrtümlich zugeschriebene Frauen-
studien befinden, worunter auch eine (Braun Nr. 185),
die einen ähnlichen Typus zeigt wie der zuerst ge-
nannte Frauenkopf und welche schon von Morelli
dem Bacchiacca zugeschrieben wurden. Diese sind
aber Nachahmungen, teils nach dem Frankfurter Kopf,
teils nach anderen in verschiedenen Sammlungen sich
befindenden Zeichnungen. Eine andere Frauenstudie
desselben Typus, besser als die in den Uffizien, be-
findet sich als Kleopatra in Casa Buonarroti, eine
dritte in Windsor Castle (Braun 112). Die Beinstudie
von ausgeprägtem michelangelesken Formgefühl, zu
vergleichen mit Studien auf einem Blatt im Museum
Teyler in Haarlem (Marcuard, Tafel VII), die höchst
charakteristische Ohrstudie dürften schon vor Irrtum
bewahren. Der Knabenkopf mit einem über der
Stirn gebundenen Tuch begegnet wieder auf einer
Zeichnung mit Bogenschützen, wovon zwei Kopien
in Windsor Castle (Braun 124 und 111) und eine
dritte in der Brera (Braun 2) sich befinden.

Übrigens bemerkt man auf dem Blatt ein Wort
geschrieben mit der sehr charakteristischen, nicht zu
verkennenden Handschrift Michelangelo's2).

1) Siehe den Text der Albertina-Publikation Nr. 21g.

2) Das hier wiedergegebene * ■•.
Wort Fiamma bittet man mit dem l^srM
eigenhändigen Schreiben von / WW'fffi'fi/
dem Meister zu vergleichen, J
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