Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Die Katatypie, ein neues photographisches Kopierverfahren

wucht hingestrichen, die ihre bleibende Grösse hat, aller-
dings voriges Jahr in der Zusammenstellung mit mächtigen
Worpsweder Bildern (Mackensen, Vinnen) ihrer monu-
mentalen Orosszügigkeit gegenüber an Charakter verlor.
In letzter Zeit sieht man Israels'schen Einfluss durch-
dringen, so in dem vorzüglichen Bilde: »Netzflickerei«,
wo das Auge in schweren grünlichen und bräunlichen
Tönen mühsam dahinwatet und sich's doch nicht ver-
driessen lässt. — Der Hagenbund hat soeben eine sehr
ansehnliche Ausstellung von Bildern und Zeichnungen
des Ehepaares Karl Mediz und Emilie Mediz-Pelikan ver-
anstaltet. Es sind 73 Werke, darunter viele grosse Bilder,
in jener minutiösen Ausführung, auf die sich beide Künstler
eigens eingearbeitet haben. Das bekanntlich in Dresden
angesiedelte Paar gedenkt seinen Wohnsitz nach Wien,
der Vaterstadt des Gatten, zu verlegen, dessen grosses
Bild »Die vier Eismänner« voriges Jahr vom österreichischen
Unterrichtsminister für die moderne Galerie erworben
wurde. Zwei solche alpine Kraftmänner stellt auch eines
der diesmaligen Bilder von Karl Mediz dar. Ein anderes
bedeutendes Stück ist sein Gemälde »Der heilige Brunnen«.
Dargestellt ist der 600 Jahre alte Brunnen im Stift Heiligen-
kreuz, dessen bleierne Becken in allen alten Patinatönen
blühen. Auf der Sockelstufe sitzt vorne eine ernste weib-
liche Gestalt, in bürgerlichem Gewände, aber mit grossen
blauen Flügeln. Sie stellt von Hause aus die Gotik vor
und ist das Bildnis der Frau Mediz. Noch andere grosse
Bilder schildern teils die phantastischen Klippenufer Dal-
matiens und Corfus, teils die Gletscherwelt am Gross-
Venediger. Genaueste Beobachtung der Natur mischt
sich da mit phantastischer Atmosphärik. Wie immer bei
diesem Künstlerpaare, ist die äusserst genaue Wiedergabe
der Pflanzenwelt ein hervorstechender Charakterzug. Diese
ganze Bilderschau macht den Eindruck einer aparten Welt,
in der nur dieses Ehepaar zu Hause ist. Ludwig Hevesi.

DIE KATATYPIE, EIN NEUES PHOTO-
GRAPHISCHES KOPIERVERFAHREN

Im Dezember vorigen Jahres hielt Dr. Gross im Leipziger
physikalisch-chemischen Institut einen Vortrag über die
Katatypie, eine von ihm näher bearbeitete Erfindung Prof.
Ostwald's, welche berufen erscheint, auf dem Gebiete der
Photographie und der mit ihr verwandten technischen
Verfahren wichtige Umwälzungen hervorzurufen. Dieses
Verfahren setzt uns in den Stand, von einem photo-
graphischen Bilde Abzüge, Kopien zu machen ohne Ein-
wirkung des Lichies, allein durch Kßntakt mit dem Ori-
ginalbild.

Die meisten chemischen Verbindungen lassen sich
durch Anwesenheit gewisser, an jener Verbindung selbst
unbeteiligter Stoffe beschleunigen („Katalyse").

Ein derartiger Stoff, welcher nur durch' seine Gegen-
wart, ohne dass er selbst dabei verbraucht oder verändert
wird, als Beschleuniger wirkt, heisst Katalysator. Zu diesen
Katalysatoren gehören ausser Licht, Wärme u. s. w. eine
grosse Zahl von Metallen, z. B. auch Silber und Platin.

Es ist bekannt, dass sich Wasserstoffsuperoxyd (H.20.2)
mit der Zeit in Wasser (HäO) und Sauerstoff (O) zersetzt.
Dieser Vorgang wird ebenfalls durch die Anwesenheit ge-
wisser Katalysatoren beschleunigt (z. B. durch Platin und
Silber).

Wird daher ein Platin- (oder Silber-) negativ, welches
also in den »Lichtern« metallisches Platin trägt, in den
-Schatten« nur wenig oder gar keines, mit H.202 (äthe-
rische 1—2% Lösung) Übergossen, so wird das letztere an
allen denjenigen Stellen in JH20 und O zerlegt, also zer-
stört, welche metallisches Platin tragen, an den anderen

nicht. Legt man nun auf ein derartig behandeltes Bild
ein Stück Papier (am besten gewöhnliches gelatiniertes
Papier), so diffundiert das H202 an jenen Stellen, an
welchen es nicht zerstört wurde (den Schatten des Negativs),
in das aufgelegte Papier hinein. Wir haben damit in dem
aufgelegten Blatt ein (unsichtbares) H.202-Bild (Positiv).

H202 hat unter anderem die Eigenschaft, oxydierend zu
wirken. Legen wir daher das H202-Bild nun in eine Lösung
eines /r/rosalzes (Eisenoxydulsalzes, z. B. schwefelsaures
Eisenoxydulammoniak 2—20°/0), so wird dieses Salz an den-
jenigen Stellen des Papiers oxydiert, d. h. in ein Ferro-
salz (Eisenoxydsalz) übergeführt, welche H202 aus dem
Originalbild empfangen haben (d. h. aus den Schatten des
Negativs). Da das Ferrosalz etwas anders gefärbt ist, wird
man somit schon jetzt auf dem Papier ein schwaches Bild
erkennen; um es nun gut sichtbar zu machen, bringt man
das Papier (nach Abspülen) in eine Flüssigkeit, in welcher
sich das Ferrosalz färbt (z. B. in eine Ferrocyankalilösung,
in welcher das Ferrosalz blau wird, oder in eine Gallus-
säurelösung, in welcher es schwarz wird); damit ist dann
ein Bild erzeugt, welches dort Farbe trägt, wo das Negativ
weiss (Schatten) war und umgekehrt. Hatten wir also zuerst
ein Plaiinnegativ, so haben wir jetzt eine positive blaue oder
schwarze Kopie. An Stelle der Ferrosalze kann man auch
Mangan- oder Kupferoxydulsalze der Wirkung des H202
aussetzen und die dann erhaltenen Oxydsalze in farbige
Verbindungen überführen. Es stehen uns also hier eine
Menge von Variationen zur Verfügung; wir können die
Kopien in den verschiedensten Farben und Farbentönen
herstellen. Ausserdem bieten diese Kopien gegenüber den
bisherigen Platin- oder Silberkopien zahlreiche Vorzüge:
die Eisen-, Kupfer- und Mangansalze sind wesentlich billiger
als jene Edelmetalle; die erhaltenen Farben resp. Töne
sind viel beständiger, weniger veränderlich als die jener
Edelmetalle; ferner kann man zur Herstellung der Kopien
das besonders im Winter oft so karg bemessene Tages-
licht entbehren; die ganzen Manipulationen brauchen nicht
im Dunkeln gemacht zu werden, man kann das Präparieren
und Entwickeln im Tageslicht vornehmen. Ausserdem
lässt sich ein solcher Kontaktabdruck in kürzerer Zeit
herstellen als es mit den Lichtabdrucken meist möglich ist.
Zum Kontakte genügen 30—60 Sekunden, während welchen
das Original mit dem Papier im Kopierrahmen verbleibt.

Durch eine Reihe von Versuchen ist es ferner bereits
gelungen, Leimbilder und Gummidrücke mit dem Kontakt-
verfahren (der Katatypie) herzustellen; nach dem Kontakt
mit dem H2Oz-durchtränkten Originalnegativ werden Leim-
oder Gummipapier in Ferrosalzlösung gebadet; das dabei
im Bilde entstehende Ferrosalz macht den Leim resp.
Gummi unlöslich. Das Verfahren gestaltet sich durch den
Kontakt wesentlich weniger zeitraubend, so dass der Vor-
tragende sogar Gummidrucke in wenigen Minuten den
Zuhörern herzustellen imstande ist. In ähnlicher Weise
ist es bereits gelungen, Lichtdruckplatten durch die Kata-
typie herzustellen.

Es eröffnen sich damit auch für die technischen Ver-
vielfältigungsverfahren neue Aussichten, deren Bedeutung
heute noch gar nicht abzusehen ist. Wenn bisher nur von
den Vorteilen gesprochen wurde, welche sich für den so-
genannten Posttivprozess ergeben, d. h. für die Herstellung
von Kopien von einem in der bisherigen Art und Weise
mit der photographischen Camera aufgenommenen Negativ,
so muss betont werden, dass die Katatypie auch in dem
letzgenannten Verfahren, dem Negativprozess, Wandel
schaffen dürfte: bisher konnten wir unsere Originalauf-
nahmen nur auf Glasplatten machen resp. auf Celluloid-
foMen, deren Preis unverhältnismässig hoch ist und deren
Bearbeitung eine ganze Reihe von Schwierigkeiten bietet;
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