Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Stuttgarter Porträtausstellung — Bücherschau

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schlecht der Menschen anzuzeigen, welche feurig,
luftig, wässrig oder irdischer Natur sind.« Die Ver-
teilung der vier Elemente auf Paulus, Johannes, Markus
- statt wässrig gebraucht Dürer sonst auch den
Ausdruck quallet, d. i. quallig, von solchen Er-
scheinungen wie Markus, denen er Löwenstärke zu-
traut —, Petrus ergiebt sich von selbst. Wer noch
weiter in das Wesen der vier eindringen will, muss
Dürer's Grundsatz bedenken »Aus viel mancherlei
Menschen mag durch ein Verständigen etwas Guts
zusammengelesen werden durch alleTheil der Glieder«,
über den er sich für das Idealcharakterporträt ein
andermal noch genauer ausspricht: »Ein jedlich ge-
macht Haupt ist zu verstellen und unkuntlich zu
machen mit Haar oder beschorn, kraus oder schlecht,
dick oder dünn, lang oder kurz, locket oder gestrählt,
trucken oder nass. Also auch im Bart oder ohne
Bart alle Ding wie im Haar gebraucht.« Nun er-
kennen wir in Paulus dasselbe Modell wieder, das
in dem Hieronymus mit dem Weidenbaum benutzt
war, und im Petrus, der abwärts ins Buch sieht, die
wesentlichen Gesichtszüge des berühmten 93jährigen
lesenden Antwerpener Juden mit den fast geschlossenen
Augenlidern und der hochgeflügelten Nase. Johannes
ist ein idealisierter Melanchthon; der Melanchthon-
kupferstich, 1526 wie die Apostel veröffentlicht, zeigt
dieselbe Profillinie wie der Johannes. In Markus
endlich steckt Luther. Das Cranach'sche Rundbildchen,
das Luther 1525 von sich, zusammen mit einem
gleichen Käthe's, als eine Art Hochzeitsanzeige viel-
fach verschenkte, ist jedenfalls auch nach Nürnberg
gelangt. Schon Anfang 1520 hatte es Dürer als einen
Herzenswunsch an Spalatin ausgesprochen: »Hilft
mir Gott, dass ich zu Doctor Martinus Luther kumm,
so will ich ihn mit Fleiss kunterfetten und in Kupfer
stechen, zu einer langen Gedächtnuss des christlichen
Manns, der mir aus grossen Ängsten geholfen hat.«
Dieser Wunsch sollte sich nicht erfüllen, doch dafür
erhielt nun Dürer's Markus wenigstens nach jenem
Lutherbildchen den etwas qualligen Kopf, die auf-
rechte, nicht eben hohe, oben fast ausladende Stirn,
die kurze, kräftige Nase mit den kreisrunden Löchern
und die mittlere Stirnlocke, auch die Gesamtansicht
des Kopfes ist dieselbe wie auf dem Cranach'schen
Bild. Das lockigere Haar, der Bart, die lebhaften
offnen Augen — dass Luther solche haben konnte,
war bekannt — und der leicht geöffnete Mund sind
Dürer's Änderungen nach der oben von ihm selbst
beschriebenen Regel von künstlerischer Freiheit. So
ist Dürer's Schluss- und Meisterwerk zugleich ein
aus dem Individuell-Zufälligen ins Typisch-Bedeutende
gesteigertes Denkmal der Reformatoren.

STUTTGARTER PORTRÄTAUSSTELLUNG
Im grossen Saale des Königsbaues ist gegenwärtig
eine Ausstellung von Porträts aus Privatbesitz, zum Besten
der hiesigen Kinderküchen, ins Werk gesetzt, die alle Be-
achtung verdient. »Eine Ausstellung von Familienbildnissen
aus württembergischem Privatbesitz, Hunderte und aber
Hunderte pietätvoll von den Nachkommen gehütete Bild-
nisse ihrer Vorfahren, Bildnisse von württembergischen
Regenten oder mit unserem Herrscherhause verwandten

fremden Fürsten, von Männern und Frauen, die für die
württembergische Geschichte von Bedeutung waren, durch
jahrelanges Sammeln in der Hand von Privaten vereinigte
Kunstschätze und eine kleine Anzahl von Werken moderner
Porträtkunst.« So heisst es im Vorwort des von Dr. Franck-
Oberaspach bearbeiteten, illustrierten Katalogs, der durch
die eingestreuten biographischen Notizen einen bleibenden
Wert behält. Abgesehen von einigen wenigen älteren
Bildern beschränkt sich die Ausstellung auf die letzt-
vergangenen zwei Jahrhunderte. Die Gestalten des Her-
zogs Karl Eugen und seiner Franziska führen uns in die
Welt des Rokoko ein, aus welcher Zeit noch manches
interessante Porträt oder Familienstück uns entgegenwinkt.

Guibal und Weissbrod waren damals die Koryphäen
der Porträtierkunst in der herzoglichen Residenz. Die
klassische Zeit am Anfang des vorigen Jahrhunderts ist
gut vertreten durch Bilder von fletsch, Schick und Seele;
besonders Hetsch zieht durch zwei grosse Familienstücke
(Familie Pistorius und Zeppelin) die Aufmerksamkeit der
Besucher an sich. Von bekannten auswärtigen Grössen
ist Tischbein, der ehemalige Direktor der Leipziger Aka-
demie, durch eine Reihe von Bildern vertreten. Mit Stirn-
brand (1788—1882) rücken wir in die Biedermaierzeit ein
er war der Hofmaler König Wilhelms I., den er unzählige-
male gemalt hat; neben ihm erscheinen Morff, Leybold,
der Soldatenmaler Schnitzer, Mosbrugger und mancher
andere fast vergessene Künstler. Die romantische Er-
scheinung Nikolaus Lenau's hat Emilie von Reinbeck (1794
bis 1846) festgehalten, Justinus Kerner's Bildnis sehen wir
von Brnckman, Gustav Schwab von Leybold, Wieland von
May, der auch Goethe malte, aus dem Besitz der Freifrau
von Cotta. Ein köstliches Bildchen ist das Porträt der
Mutter des bekannten Biberacher Genremalers Pflug. Wert-
voll sind die Zuwendungen des königlichen Hofes, nament-
lich auch aus dem Besitz der Herzogin Wera, welche zahl-
reiche Porträts aus der russischen Kaiserfamilie spendete.
Dem Lieblingskind des Rokoko, dem Miniaturbildnis, ist
grosse Aufmerksamkeit geschenkt, überaus zahlreich waren
die Einsendungen in dieser Richtung, an deren Spitze
wieder die Zuwendungen des königlichen Hofes stehen;
ausserdem haben Frau von Griesinger, Geheimer Kom-
merzienrat v. Pflaum, Frau Major Flaischlen und andere
Sammler ihre Schätze hergeliehen.

Die Neuzeit wird vortrefflich repräsentiert durch die
Lenbach-Kollektion, hauptsächlich aus dem Besitz des
Dr. Kilian Steiner stammend, ferner bemerken wir Delug,
Fritz und Hermann Kaulbach, Ferd. Keller, Liezenmaier,
Stuck, Huthsteiner, Treidler, Horst. Von älteren Malern
darf nicht vergessen werden: Winterhalter, der bekannte
Fürstenmaler, dann die Stuttgarter Erhardt, Buchner, Abel,
Fräulein Martens und andere. Eines der besten Porträts
lieferte Fräulein Lautenschlager durch die Bilder des Dichters
Notter und seiner Frau. Auch die Graphik ist durch eine
Auswahl von Blättern aus der Königlichen Kupferstich-
sammlung und der Königlichen Landesbibliothek vorteilhaft
vertreten, ebenso die Plastik durch Namen wie Donndorf,
Kopf, Kiemlen, Freund. Der Hauptreiz der Ausstellung
liegt aber wohl in den alten Familienbildnissen, den
»Hausreliquien«; ein Beitrag zur Heimatkunde ist hier
vorgeführt, welcher das Interesse der Besucher vollauf in
Anspruch nehmen darf. max bacm.

BÜCHERSCHAU
Dr. Josef Dürrn, Die Baukunst der Renaissance in
Italien. Handbuch der Architektur, IL Teil, 5. Band,
564 Seiten mit 558 Abbildungen und 5 Tafeln. M. 27.—.
Durm's Werk ist das Ergebnis langen eingehenden
Studiums und herzlicher Stellung zu dem Thema. Der
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