Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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auch ein Restaurationsatelier im Museum eingerichtet ist,
welchem der Maler Haaga vorsteht. Derselbe hat schon
eine Reihe wohlgelungener Restaurationen vorgenommen,
besonders auch von Gemälden der altdeutschen Schule.
Erwähnt sei der englische Oruss von Zeitblom vom
Eschacher Altar und die beiden Fiiigel des Heerberger
Altars von demselben Meister. Auch das bekannte Altar-
werk der böhmischen Schule aus Mühlhausen ist jetzt in
den Besitz der üalerie übergegangen, nachdem es einer
sorgfältigen Restauration unterworfen wurde.

Wie wir hören, stehen noch weitere Bilder aus Schloss
Ludwigsburg in Aussicht, von dort her stammt auch ein
treffliches Architekturstück eines unbekannten altnieder-
ländischen Meisters, das bisher ganz unbeachtet war.

MAX BACH.

BÜCHERSCHAU
Giovanni Battista Tiepolo. Eine Studie von Heinrich
Modern. Wien, Aitaria, 1902.

Wie eine Novelle lesen sich die ersten Seiten der
Schrift über Tiepoio, die Modern, von drei Bildern aus-
gehend, verfasst hat. Die Firma Artaria steht im Begriff
ihr berühmtes altes Geschäftshaus am Kohlmarkt, eines
geplanten Neubaues wegen, einzureissen; bei der Sichtung
der Depots stösst man auf eine Holzrolle, die seit dreissig
Jahren unbeachtet daliegt, und die Bilder Tiepolo's ent-
halten soll. Man öffnet sie und am Boden liegen drei
Gemälde von gewaltigen Dimensionen: der Triumph der
Amphitrite, Hera und Selene, Bacchus und Ariadne.

Die Bilder, die unter so eigentümlichen Umständen
wiedergefunden wurden, stammen aus der Villa Girola am
Comersee, die 1798 von Francesco Artaria erworben worden
war. Zusammen bildeten sie den Schmuck eines Saales;
ein viertes Bild, das »Feuer« darstellend (die drei genannten
können als Darstellungen von Wasser, Luft und Erde gelten),
ist zu Grunde gegangen.

Der Verfasser hat um diese Bilder ein reiches Material
gruppiert. Er hat eine Originalskizze des Meisters für das
Amphitritebild aufgefunden und Detailstudien, die beweisen,
dass Tiepolo, den man sich als Schwelger im Entwerfen
vorstellt, sehr wohl zu Zeiten am Modell geringfügige Einzel-
heiten studiert hat. Als Entstehungszeit lassen die Be-
ziehungen zu den Fresken in der Villa Valmarana (1737)
und dem Deckenbild im Palazzo Clerici in Mailand (1740)
die Jahre 1738 — 1740 mit Wahrscheinlichkeit annehmen.

Mit diesen Beobachtungen und Ausführungen, die alle
an eine Gelegenheifsschrift zu stellenden Anforderungen
völlig befriedigen würden, begnügt sich Verfasser nicht:
er ist den Werken Tiepolo's eifrig nachgegangen und hat
versucht, in die vielfach bezüglich der Datierung herrschende
Verwirrung Ordnung zu bringen. Für die Jugendwerke
giebt eine sichere Basis die Biographie des Gregorio
Lazzarini von Vincenzo Canale, die bis zum Jahre 1732 führt;
ihn ergänzt Farsetti's Descrizione di tutte Ie pubbliche
pitture von 1733. Für die spätere Zeit finden sich ge-
legentliche Datierungen auf Werken, Dokumente helfen
weiter; auf Grund dieses Materials wird uns hier ein
chronologisch geordnetes Oeuvre Tiepolo's, knapp zu-
sammengefasst, geboten. Den Zeichnungen hat der Ver-
fasser besondere Aufmerksamkeit gewidmet, wie den
Radierungen.

In einem weiteren Abschnitt wird über Tiepolo's Privat-
leben mitgeteilt, was man weiss — es ist nicht eben viel;
das vierte Kapitel stellt seine in Wien befindlichen Werke,
Bilder und Zeichnungen zusammen. Ein Brief des Giando-
menico Tiepolo an Francesco Artaria ist im Faksimile bei-
gegeben; ein Literaturverzeichnis beschliesst das Buch.

Da bisher nie der Versuch gemacht war, die noch heute
gewaltige Masse der Schöpfungen des letzten der grossen
Venetianer zu sichten, hat eine bedeutende Arbeit gethan
\ werden müssen, dass in relativ knapper Form so viel Re-
1 sultate geboten werden konnten. Wohl ist seit langem
ein grosses umfassendes Werk über Tiepolo uns von
Eduard Sack in Aussicht gestellt; noch immer aber, scheint
es, verzögert sich der Abschluss dieser Arbeit. Um so
willkommener mag diese Schrift sein, die uns drei herr-
liche Werke Tiepolo's, gross konzipiert, von Lebensfreude
voll, in schönen Heliogravüren, ausserdem zahlreiche
Studien des Meisters mitteilt.

Ich kann diese Anzeige nicht beschliessen, ohne einer
Stelle zu gedenken, in der mit Recht der Verfasser seiner
Empörung Ausdruck verleiht (S. 16). Im Palazzo Labia in
Venedig befinden sich ausser den bekannten Fresken noch
zwei andere Deckengemälde Tiepolo's, davon das eine,
Bacchus und Ariadne, in dem vermieteten Teil des Palastes,
in der Küche — Tag um Tag ausgesetzt den Zufälligkeiten,
I wie sie der Zweck des Raumes mit sich bringen muss.
Gerade in der Gegenwart, wo in Italien um jedes ins Aus-
land wandernde Kunstwerk so viel Geschrei gemacht wird,
mag eine solche Vernachlässigung kostbaren Besitzes Be-
fremden und Missstimmung erregen. Vielleicht giebt diese
Publikation die Veranlassung, dass auch Tiepolo's Fresken
öffentlicher Schutz zu Teil wird. An der Zeit wäre es.

Q. Gr.

Ludwig Pastor, Geschichte der Päpste im Zeitalter der
Renaissance bis zur Wahl Pius II. Freiburg i. B. 1901.
3. Auflage.

Der erste Band der grossen Papstgeschichte Pastor's
umfasst die Regierungen "Martin's V., Eugen's IV., Niko-
laus V., Calixtus' III. Von jeher war es das Bestreben
Pastor's, neben der politischen Geschichte auch die Kultur-
geschichte Italiens im Zeitalter der Renaissance erschöpfend
zu behandeln. Weder Gregorovius noch Reumont haben
der Förderung der Kunst durch die Renaissance-Päpste
eine ähnliche Aufmerksamkeit geschenkt wie Pastor, dem
von der reichen kunsthistorischen Litteratur der letzten
Jahre nichts irgendwie Beachtungswertes entgangen ist.
So hat die dritte Auflage des ersten Bandes auch nach
dieser Richtung hin vielseitigste Bereicherung erfahren,
und kein Kunsthistoriker, der die Erforschung der italieni-
schen Renaissance zu seiner Aufgabe gemacht, wird ohne
die Benutzung von Pastor's Papstgeschichte arbeiten
können. Besonders eingehend wurden in der neuen Auf-
lage die Predigten der Renaissance bearbeitet und ihr Ein-
fluss auf die Kunst, und hier ist es vor allem San Bernar-
dino da Siena, dessen Wandel und Wirken die Phantasie
der Künstler des frühen Quattrocento befruchtet hat. Mit
Kraus und anderen tritt Pastor der Ansicht Schmarsow's
bei, dass Masaccio die Fresken in San demente gemalt
hat. Jedenfalls wissen wir heute, dass Kardinal Branda
| unter Martin V. die Kapelle ausgemalt hat — eine Ansicht,
die übrigens schon Reumont (Jahrbücher für Kunstwissen-
schaft 1870) verfochten hat. Martin V. und Eugen IV. haben
bekanntlich wenig für Kunst und Künstler gethan, aber
dem letzteren verdanken wir doch die Bronzethüren St.
Peters von der Hand des Antonio Filarete, über welche
Pastor die ganze umfangreiche Litteratur zusammengestellt
hat. Eine völlige Umgestaltung hat in dieser Auflage die
Schilderung Nikolaus' V. als Beschützer der Künste er-
fahren. Pastor behandelt diesen Ruhmestitel des gelehrten
Papstes mit besonderer Wärme, und man kann wohl sagen^
es ist ihm kein einziges Monument entgangen, welches
der Munificenz Nikolaus' V. seine Entstehung verdankt.
Unter anderem ist hier der Hinweis auf die Darstellung der
Kaiserkiönung Friedrich's III. (Schule des Dirk Bouts) be-
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