Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Pariser Brief

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erschienen; der Katalog der Aufnahmen nach Fresken und
Gemälden wird in etwa einem Monat ausgegeben. Mit
Freuden ist zu beobachten, dass manche Werke darin be-
griffen sind, die gar nicht oder nur in ungenügenden Auf-
nahmen vorhanden waren. Es seien unter anderen hervor-
gehoben: die Bilder Moretto's von der Centenarausstellung
in Brescia 1898, Masolino's Fresken in Castiglione d'Olona,
aus Florenz Rosselli's Fresko in Sant' Ambrogio, das Abend-
mahl von Franciabigio im ehemaligen Kloster S. Maria
de' Candeli, die Fresken in San Martino, Neri dei Bicci's
Hauptwerk, das Fresko in San Pancrazio, einige Werke
in Privatbesitz, Werke in der Umgebung von Florenz.
Kirchen und Sammlungen von Genua sind gut vertreten,
sehr reich ist die Auswahl aus der Brera in Mailand und
der Neapolitaner Galerie. So stellt uns dieser Katalog
eine wertvolle Bereicherung des kunsthistorischen An-
schauungsmaterials in nahe Aussicht. Als nachahmens-
werte Neuerung ist hervorzuheben, dass bei den in öffent-
lichen Sammlungen bewahrten Bildern jedesmal die
Nummer des offiziellen Kataloges beigefügt ist, wodurch
die Identifizierung wesentlich erleichtert wird. a. Gr.

PARISER BRIEF

In meinem letzten Briefe habe ich das neue Malver-
fahren Raffaelli's erwähnt, wonach mit festen Ölfarben ge-
arbeitet wird. Um diese Farben in die Werkstätten der
Pariser Künstler einzuführen und für seine neue Technik
Propaganda zu machen, hat Raffaelli mit einigen anderen
Malern bei dem Kunsthändler Durand-Ruel eine Ausstel-
lung veranstaltet, worin nahezu hundert mit den Farben
Raffaelli's gemalte Bilder gezeigt werden. Ausser Raffaelli
selber, der natürlich am stärksten vertreten ist, sind hier
Thaulow, Besnard, Cheret, Prouvet, Steinlen, Regamey
und einige andere Künstler beteiligt. Raffaelli schickt
dem Katalog ein Vorwort voraus, worin er die Vorteile
seiner Farben erklärt. Er führt aus, dass in unserer Zeit,
wo es auf das schnelle Festhalten vorüberhuschender Ein-
drücke und Sensationen ankomme, die Ölmalerei grosse
Nachteile biete, indem das Mischen der Farben auf der
Palette, das Wechseln der Pinsel u. s. w. die Arbeit sehr
verzögere. Der Maler brauche also ein unmittelbareres
und schnelleres Werkzeug und dies habe er in seinen
trockenen Ölfarben gefunden. Diese Farben, von denen
einige Pakete in der Ausstellung gezeigt werden, unter-
scheiden sich nur durch ihr fettes und speckiges Aussehen
von den gewöhnlichen Pastellfarben und wenn man die
ausgestellten Bilder betrachtet, könnte man sich auch in
einer Sammlung von Pastellen glauben. In der That
prophezeit Raffaelli in seinem Vorworte nicht nur das
Verschwinden der Ölfarben, sondern auch die Verdrängung
der jetzigen Pastellstäbchen').

Nach genauer Prüfung des ausgestellten Resultates
bin ich mehr dazu geneigt, ein Verschwinden des bis-
herigen Pastells als das der bisherigen flüssigen Ölfarben
zu erwarten und auch in diesem Punkte habe ich meine
Zweifel. Vielleicht ist es nur, weil die ausstellenden Künst-
ler noch nicht ordentlich mit der neuen Methode vertraut
sind, dass fast alle ausgestellten Gemälde wie Pastelle
aussehen. Sie sehen wie Pastelle aus, haben aber doch
nicht das zarte, ätherische, an Schmetterlingsstaub und
Blumenduft erinnernde Merkmal, das den ganz besonderen
Reiz des Pastelles ausmacht. Das neue Verfahren giebt
uns vielmehr ein Mittelding zwischen der bisherigen Öl-
malerei und dem Pastell. Der Maler benutzt die festen
Ölfarbenstäbchen genau wie die Pastellstäbchen, das in

1) In Deutschland werden die Raffaelli'schen Farben
von Dr. Fr. Schoenfeld & Co in Düsseldorf hergestellt.

ihnen enthaltene Öl aber bewirkt, dass das Bild nicht den
feinen trockenen Staub des Pastelles, sondern den speckigen
Glanz des Ölgemäldes erhält. Dieser Glanz entspricht
aber auch wieder nicht ganz dem Spiegel des bisherigen
Ölgemäldes, er ist weit stumpfer und matter als bei diesem.
Raffaelli's trockene Ölfarben geben also weder ein Ölge-
mälde im bisherigen Sinne, noch ein Pastell.

Die Vorteile des neuen Verfahrens lassen sich nicht
leugnen: bei der gewöhnlichen Ölmalerei mischt man den
Farben weit mehr Öl bei, als eigentlich nötig ist und Raffaelli
behauptet, dieser Überschuss von Öl sei an dem Braun-
und Schwarzwerden der Farben schuld; sodann nimmt das
Mischen der Farben auf der Palette und das ganze um-
ständliche Arbeiten mit den Pinseln viel Zeit weg, die bei
den festen Farbenstäbchen gespart wird; vor den Pastellen
hat die neue Methode den Vorteil voraus, dass ihre Farben
dauern und halten, während sich bei einem Pastell bei
jeder Bewegung des Bildes ein feiner Farbenstaub ablöst,
so dass bei einer nicht sehr sorgfältigen Behandlung ein
Pastell zu keinem hohen Alter gelangen kann; auch ist
bei der neuen Methode die bei den Pastellen beständig
drohende Gefahr der Feuchtigkeit und der dadurch ent-
stehenden Pilze in der Farbe vermieden.

Alles dies lässt sich nicht in Abrede stellen, wohl aber
muss gesagt werden, dass bei Raffaelli's neuem Verfahren
das Resultat weder den bisherigen Ölgemälden noch den
bisherigen Pastellen gleicht und dass deshalb ein Ver-
schwinden beider alter Methoden kaum ernstlich zu er-
warten ist. Dem Verfahren Raffaelli's werden sich vor-
nehmlich solche Künstler zuwenden, die schon vorher auf
das Mischen der Farben auf der Palette mehr oder weniger
verzichtet hatten, also die Impressionisten, die Leute, die
mit kleinen Pünktchen unvermischter Farben arbeiteten.
Diese Leute haben allerdings die flüssigen Ölfarben nicht
nötig und für sie wird die neue Erfindung von grossem
Nutzen sein, denn natürlich ist es viel einfacher, die Farben
einfach in die Finger zu nehmen und direkt auf die Lein-
wand zu übertragen, als sie erst auf der Palette auszu-
quetschen, Öl dazuzugeben und schliesslich die Sache mit
dem Pinsel auf die Leinwand zu bringen. Wer aber bis-
her mit Farbenmischungen arbeitete und nicht wie die
Pointillisten unvermischte Farbenflecken auf der Leinwand
nebeneinandersetzte, wird sich schwerlich mit der neuen
Methode befreunden können. Das Mischen ist allerdings
auch bei der neuen Methode möglich: einer der Aussteller,
der Maler Louis Legrand, dessen Bilder sich dadurch aus-
zeichnen, dass er recht eigentlich in der Farbe modelliert
und sie in zolldicken Schichten aufträgt, hat mit den
Raffaelli'schen Farben genau die nämlichen Wirkungen
erzielt wie früher mit den gewöhnlichen flüssigen Ölfarben.
Er schmiert ein ganzes Stäbchen auf die Leinwand und
knetet es dann mit den Fingern zurecht. Indem er dann
Schichten verschiedener Farben übereinander schmiert, er-
reicht er die gewünschten Nüancen so gut wie auf der
Palette, wenn auch mit einem grösseren Aufwände von
Material. Die von Raffaelli prophezeite Revolution in der
Malerei wird durch dieses neue Verfahren wohl kaum
bewirkt werden, aber es ist wahrscheinlich, dass wir in
Zukunft neben der bisherigen Ölmalerei und neben dem
Pastell das Raffaelli'sche Ölpastell als besondere Technik
der Malerei sehen werden.

Bei dem Kunsthändler Bernheim hat der Landschafter
Trouillebert einige fünzig Ölgemälde ausgestellt. Trouille-
bert ist vor einigen zwanzig Jahren dadurch berühmt ge-
worden, dass eines seiner Bilder von einem Kunsthändler
mit der Unterschrift Corot's versehen und nun als ein vorzüg-
licher und unverkennbarer Corot für einen Riesenpreis
verkauft wurde. Trouillebert selbst konnte nichts für diesen
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