Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Ein Buch zur Kunstgeschichte Basels

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einer der eifrigsten Mitarbeiter war. Er schloss sein
Leben mit dem Musee d'Art, einem breitangelegten,
reichillustrierten kunstgeschichtlichen Repertorium,
dessen Redaktion er mehreren Historikern anvertraut
hatte. Dies demnächst erscheinende Werk beweist,
dass Müntz kein geringeres organisatorisches, wie
Forschertalent hatte.

Er hatte bestimmte romanistische Neigungen, das
heisst, er mass den stärksten Anteil an der Entwicke-
lung der Kunst der verschiedenen Länder Italien zu;
und wie jedes System, so litt auch seines an einer
gewissen Übertreibung. Es scheint doch, dass es eine
Reihe von eingeborenen Elementen giebt, die Müntz
verkannt hat, z. B. in der Kunst Frankreichs, fran-
zösische, burgundische, flämische Elemente vor und
während der Renaissance.

Seiner Geschmacksrichtung nach war Müntz Idealist,
er suchte im Kunstwerk die noble Linie, die Grazie
der Komposition, die Feinheit des Details, was ihn
allerdings nicht hinderte, auch den Wert des Natura-
lismus in seinem Einflüsse auf die Epoche, die er
selbst das goldene Zeitalter der Renaissance genannt
hat, anzuerkennen.

Er war ein Urkundenforscher, obwohl er durch-
aus nicht aus der Ecole des Chartes hervorgegangen
war und deren Forschungsmethode, die von Quiche-
rat, Courajod und anderen mit solchem Erfolge an-
gewendet worden ist, weit von der seinigen entfernt
war.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass er die
Seele der italienischen Malerei vor, während und nach
Raffael wieder erweckt hat. Um schliesslich sich ein
Bild davon zu machen, wie klar seine Kritik war,
braucht man nur in dem im letzten Jahre erschienenen
kleinen Buche zu blättern, das er Raffael gewidmet
hat. Bedenkt man die unbegrenzte Bewunderung,
die Müntz für Raffael begeisterte, die Liebe, die er
selbst für die geringsten Werke des Meisters hatte,
so muss man beim Lesen dieses Buches anerkennen,
dass hier der Kritiker in seiner Wahrheitsliebe so weit
geht, dass er selbst vor seinen intimsten Sympathien
nicht Halt macht.

Ein schönes Leben, ganz und gar historischen
Studien geweiht, hat am 30. Oktober ein brutaler
Tod hingemäht. Wie viel Äusserungen von Energie,
Forschergeist und Kunstgeschmack konnte man noch
von diesem Gelehrten erwarten!

GEORGES RIA T.

EIN BUCH ZUR KUNSTGESCHICHTE BASELS

Die Stadt Basel feierte im vorigen Jahre das Fest ihrer
vierhundertjährigen Vereinigung mit der Eidgenossenschaft
und veröffentlichte bei dieser Gelegenheit eine Festschrift,
die nicht bloss in ihrer Ausstattung über das gewöhnliche
Mass hinausgeht, sondern auch ihrem Inhalte nach die
Beachtung weiterer Kreise verdient. Wir sehen hier ab
von dem historisch-politischen Teil der Bücher, der die
Voraussetzungen des Bündnisses und die Entwicklung
der Stadt bis ins 19. Jahrhundert erörtert, und möchten
ausschliesslich von dem zweiten Teile berichten, wo vom
Buchdruck, von der Malerei, von Baukunst und Bildhauerei
im 15. Jahrhundert die Rede ist. In drei Abhandlungen,

von verschiedenen Gelehrten bearbeitet, erhält man einen
höchst lehrreichen Querschnitt durch das geistige und
künstlerische Leben einer frischen, im Saft stehenden Stadt,
wie Basel es war, im Jahrhundert vor der Reformation.
Es sind nicht Zusammenstellungen bekannter Thatsachen,
sondern neue Forschungen und auf bereits Publiziertes
wird nur verwiesen.

Den Vogel hat wohl abgeschossen der Vorsteher der
Basler Kunstsammlung, Daniel Burckhardt, der über jenen
bisher ganz unbekannten Maler Konrad Witz zu berichten
hatte, durch den Basel plötzlich in die erste Linie der
deutschen Malerei um die Mitte des Quattrocento gerückt
wird. Allen bekannt, aber wie erratische Blöcke, ohne
Zusammenhang nach irgend einer Seite, hing bisher eine
Gruppe von sehr farbig empfundenen, frappant realistischen
Bildern im Basler Museum — Waagen hatte sie der bur-
gundischen Schule zugewiesen, später hiessen sie Geertgen
von Sant Jans —, jetzt haben sie ihren sicheren Platz als
Jugendwerke eben dieses Meisters Witz, der später (im
Jahre 1446) in Genf jenes andere Altarwerk gemalt und
voll signiert hat, nach dem seine Persönlichkeit festgestellt
werden konnte. Professor Dehio hat kürzlich in der »Zeit-
schrift für bildende Kunst« ausführliche Mitteilungen über
diese Sache gemacht und das ebenfalls hierher gehörende
Zweiheiligenbild von Strassburg ist sogar farbig publiziert
worden, so dass darüber nicht weiter gesprochen zu werden
braucht.

Burckhardt versucht dann die Wirkungssphäre des
Meisters zu umschreiben, in die er auch einen Graphiker
wie den Meister E S hineinzieht. Unter den Malern findet
er in dem Autor der oft zitierten Donaueschinger Bilder
mit den Ansiedlern Antonius und Paulus und dem Datum
1445 einen Künster, der zu den »Intimen« des Witz gehört
haben müsse und den er für Basel zu reklamieren schon
dadurch sich berechtigt fühlt, weil das genannte Bild das
Hauptstadtthor Basels, das Spalenthor, zeigt. Ob aber
dieser »Basler Meister von 1445« von Burckhardt richtig
konstruiert ist und ob er sich so unmittelbar dem Kreise
des Witz angliedern lässt, mag noch dahingestellt bleiben.

An bedeutenden plastischen Arbeiten ist Basel arm,
weil das meiste im Bildersturm zerstört wurde, dagegen

1 hat die Architektur des 15. Jahrhunderts wenn nicht viele,
so doch ausgezeichnete Beispiele aufzuweisen und von
allen wichtigen Bauaufgaben je eine Probe. Das Rathaus
gehört hierher, die Leonhardskirche, das Spalenthor, der
Fischmarktbrunnen, das Kartäuser - Kloster und viele
andere. Der Verfasser dieses Abschnittes, Karl Stehlin,
dem man auch die abschliessende Monographie über das
Basler Münster verdankt, orientiert hier den Leser mit
künstlerischer Sachkenntnis in einer Weise, dass seine Aus-
führungen auch für diejenigen anregend sein können, denen

1 die genauere Lokalkenntnis abgeht. Es ist über mittel-
alterliche Baukunst überhaupt kaum besser geschrieben
worden und man möchte nur wünschen, dass die hier
dargelegte Einsicht in architektonische Wirkungsrechnungen
eine allgemeine werden möge, gerade in Basel selbst,
dessen bauliche Physiognomie bei den modernen Korrek-
tionsarbeiten eine fast völlige Umgestaltung zu erleiden
droht.

Den Abschnitt über die Bücher hat der treffliche Vor-
steher der Basler Universitätsbibliothek, C. Chr. Bernoulli,
geliefert. Der Hauptaccent liegt begreiflicherweise auf
der litterarischen, nicht auf der künstlerischen Seite. Über
Basler Buchillustration ist zudem eine Sonderarbeit schon
vorhanden. Um so mehr freut man sich, hier etwas zu
hören von denen, die die Bücher geschrieben, gedruckt
und gekauft haben.

Das Werk ist durchgängig reich und gut illustriert
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