Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 14.1903

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Nekrologe — Personalien — Ausgrabungen und Funde — Denkmäler

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und jetzt nach dem Abbruch der Theaterruine noch be-
deutend vermehrt werden konnte. Thatsächlich standen
noch die beiden hohen Längsmauern des Gebäudes mit
einem Teil des Hauptgesimses, der Thür- und Fenster-
öffnungen aufrecht und gegen Nord steht noch die Frei-
treppe mit einem Teil des Überbaues und der Arkaden-
galerie; losgelöst von seiner mehr als hundertjährigen
Einschachtelung.

Also darüber darf man sich nicht den geringsten
Skrupel machen, dass man nicht im stände wäre, den Bau
auf das genaueste zu rekonstruieren, selbst mit dem
gleichen Material und an der gleichen Stelle. Aber noch
ein weiterer Punkt kommt in Betracht, der für die Wieder-
aufrichtung spricht, das ist der nationale Standpunkt. Das
Lusthaus, eine Schöpfung des Herzogs Ludwig, ist kein
Nutzbau gewesen, sondern ein Lust- und Festhaus des
Hofes und zugleich der Ahnensaal des württembergischen
Fürstenhauses, die Ruhmeshalle und der Mittelpunkt des
höfischen Lebens, ein Seitenstück zur vielbewunderten
Wilhelma des Königs Wilhelm. Es ist ein Kunstwerk,
lediglich gemacht zum Vergnügen des Betrachtens; die
reine Kunstform ist hier zum Ausdruck gebracht worden
in höchster Vollendung um ihrer selbst willen. Hier ist
die Architektur zur freien Kunst erhoben, erlöst von jeder
Fessel. Im Gegensatz zu fast allen Bauwerken der Ver-
gangenheit und ganz besonders im Gegensatz zum Bauen
der Jetztzeit erblicken wir darin einen Ausnahmefall.

Der Wiederaufbau darf daher nicht mit schablonen-
mässig theoretischen Aufstellungen über den Wert oder
Unwert moderner Restaurationen verquickt werden. Die
Freunde des Baues stehen auf einem idealen Standpunkt,
sie wollen das Lusthaus wieder errichten als ein National-
denkmal, ohne einen besonderen praktischen Zweck damit
zu verbinden. Das Lusthaus ist niemals aus dem Ge-
dächtnis des Volkes entschwunden, es war bis 1750 noch
vollständig intakt erhalten, und lebte in Beschreibungen
und Abbildungen fort bis auf den heutigen Tag.

Warum sollen wir den hier vorliegenden überaus
seltenen Fall nicht benutzen, um der Stadt ein Denkmal
zurückzugeben, das einst ihr Stolz war, und das von nah
und fern der Gegenstand allgemeiner Bewunderung und
Anerkennung war.

Welch dankbare Aufgabe wäre es für einen gebildeten
Architekten, sich in den Geist des alten Baumeisters zu
vertiefen und selbstlos ein Kunstwerk zu schaffen, das
vermöge seines Charakters und seiner Bestimmung als
einzig dastehend auf dem ganzen Erdenrund zu betrachten

ist! — MAX BACH.

NEKROLOGE
Aus Rom kommt die Nachricht von dem Tode des
Bildhauers Joseph von Kopf; sein Lebensbild haben wir
bei seinem fünfzigjährigen Romjubiläum in der Nummer
vom 16. Oktober vorigen Jahres zur Darstellung gebracht und
können uns deshalb jetzt auf diese Trauerkunde beschränken.

PERSONALIEN
Der Verwaltungsrat der Gesellschaft für vervielfäl-
tigende Kunst in Wien hat an Stelle des im vorigen Jahre
verstorbenen Geheimen Rates Leopold Freiherrn von Wieser
den Regierungsrat Dr. Eduard Leisching zum Obmanne
erwählt.

AUSGRABUNGEN UND FUNDE
Gerard Thomas, ein wiederentdeckter Antwerpener
Maler. Henri Hymans, der um die Geschichte der

vlämischen Malerei hochverdiente Forscher berichtet im
Bulletin de l'Academie roy. de Belgique 1902 von der
künstlerischen Festlegung des bisher nur urkundlich be-
kannten Antwerpener Malers Gerard Thomas. Hymans
verdankt die erste Anregung zu diesem Funde dem Direktor
Lionel Cust in London, der ihn dort auf zwei bäuerliche
Interieurs mit Figurenstaffage und mit der Signatur
G. THOMAS aufmerksam machte. Die Bilder erinnern an
die Weise des David Teniers d. j. und Ryckaert, ohne
in ihrem unbestimmten Ausdruck den besseren Arbeiten
dieser beiden Meister gleichzukommen. Vermutlich gehen
andere unbezeichnete Bilder des Thomas unter klang-
volleren Namen. Dass er aber im 18. Jahrhundert noch
verhältnismässig hoch geschätzt war, ergiebt sich aus
einem Amsterdamer Auktionsbericht von 1711, wo zwei
Bilder von ihm mit Galerieansichten für 99 Gulden ver-
kauft wurden. Hymans vermutet nun auch in dem ano-
nymen Gemälde »Das Atelier des Apelles« im Museum
des Haag und in einer »Kirmes« in einer Brüsseler
Sammlung Arbeiten des Thomas und weist darauf hin,
dass ein »Charlatan« im Museum zu Dijon zwar nicht
signiert, aber bei der Schenkung 1876 dem Museum als
ein Werk des Gerard Thomas bezeichnet worden ist.
Die Malerei steht mit der Tradition im Einklang. Über
die Lebensdaten des Thomas wird aus den Liggeren der
Antwerpener Lukasgilde und durch die weiteren Nach-
forschungen Hymans' bekannt, dass er Antwerpener von
Geburt, und Sohn des Peter Thomas, des Malers und
Dekans der Gilde 1658—1659 war. Gerard wurde am
20. März 1663 getauft und kam 1680 zu Gottfried Maes
in die Lehre, die sehr lange gedauert haben muss, da er
erst 1688—1689 zum Meister gesprochen wird. Erst 1693
nahm er seine ersten Schüler an, 1695 und ein zweitesmal
1707 bekleidete er die Würde des Dekanen in der Gilde
und die Kosten seines Begräbnisses werden 1720—1721
bezahlt.

DENKMÄLER

In der nächsten Zeit tritt das grosse Kaiserin Elisa-
bethdenkmal-Komitee in Wien zu einerSitzung zusammen,
um ein besonderes Kunstkomitee zu wählen. Dies wird
sich zu zwei Dritteln aus Künstlern und zu einem Drittel
aus Sachverständigen zusammensetzen und im ganzen
etwa dreissig Mitglieder zählen. Die einlaufenden Modelle
werden im Frühjahre zur Ausstellung kommen und der
Spruch der Jury dürfte Anfang April zu erwarten sein.
Die ausgesetzten Preise betragen im ganzen 25000 Kronen.

Neue Marmorgruppen für den Berliner Tiergarten
nach Vollendung der Siegesallee. Vom Ministerium
für öffentliche Arbeiten ist eine Umgestaltung des grossen
Sternes beschlossen worden. Den Künstlern sind als Auf-
gabe Jagd- und Tiermotive gestellt worden. An der Stelle,
wo die Hofjägerallee mündet, sollen an beiden Seiten
künstlerisch und architektonisch gebildete Marmorwand-
anlagen aufgestellt werden. Diese Werke sind dem Bild-
hauer R. Felderhoff übertragen. Geradeaus am südlichen
Ende des Bellevueparkes soll ein Monumentalbrunnen er-
richtet werden, den Professor von Üchtritz ausführen wird.
Der Brunnen soll das Motiv der Hubertussage behandeln.
Zu beiden Seiten des Brunnens, an den Ecken der vom
grossen Stern sich nach Nordwesten und Nordosten ab-
zweigenden Alleen, sollen im Halbkreise herum vier auf
breiten Postamenten zu errichtende weidmännische Mar-
morgruppen errichtet werden. Diese Arbeiten sind den
Bildhauern Professor R. Begas, Professor M. Baumbach
und dem Bildhauer Wilhelm Wandschneider übertragen
worden.
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